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Kann auch soziale Medien: Maike Schaefer, die Bremer Spitzenkandidatin der Grünen, präsentiert ihre Facebook-Seite.

Wahl

Bremen: Die Grünen als Königsmacher

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Bei der Bremer Bürgerschaftswahl hängt es von der Umweltpartei ab, ob die SPD nach 74 Jahren aus der Regierung fliegt.

Der Kandidat ist sprachlos. Mit allen möglichen Reporterfragen hat er gerechnet, aber nicht mit dieser: Was ist Bremens „schwierigster Stadtteil“? Carsten Sieling, Bürgermeister der Freien Hansestadt und SPD-Spitzenkandidat für die Bürgerschaftswahl am 26. Mai, wiegt den Kopf, spitzt die Lippen, fünf quälende Sekunden lang. Den Zuschauern des Radio-Bremen-Kandidatenchecks fallen sofort zwei oder drei abgehängte Stadtteile ein, in denen die Armut zu Hause ist oder auch die Kriminalität. Aber Sieling will offenbar ein Zeichen setzen. Als er endlich die Sprache wiedergefunden hat, nennt der Regierungschef zwei besonders wohlhabende Stadtteile: Schwachhausen und Oberneuland. Warum? Wegen der Menschen dort, die „ganz, ganz viele Ressourcen haben und die ich bitte, mehr davon für das Gemeinwesen aufzubringen“. Das sitzt. Sieling, der Linke; Sieling, der Robin Hood der Unterprivilegierten.

Ob er mit diesem Nadelstich gegen die Reichen und Neureichen mehr Wähler für sich gewinnt, als er damit verprellt - das wird sich am Sonntagabend um 18 Uhr zeigen.

SPD vor historischer Pleite

Seine denkwürdige Stadtteil-Einschätzung liegt schon etliche Tage zurück. Da konnte die SPD noch hoffen, am Wahltag mit einem blauen Auge davonzukommen: Einbußen ja, Machtverlust nein. Doch jüngste Meinungsumfragen lassen eher einen K.o. erwarten: nur noch 23 bis 24,5 Prozent für Sielings SPD, aber 26 bis zu 28 Prozent für die CDU mit ihrem unkonventionellen Spitzenkandidaten, dem Politik-Seiteneinsteiger Carsten Meyer-Heder. Wenn es wirklich so kommt, dann wäre das ein politisches Erdbeben, dessen Schwingungen bundesweit zu spüren wären: Die Sozialdemokraten hätten ihre letzte stabile Länder-Hochburg verloren und könnten erstmals seit 1945 womöglich nicht mehr den Bremer Bürgermeister stellen.

Aber wer weiß. Vielleicht gewinnt die CDU zwar die Wahl, darf danach aber trotzdem nicht regieren. Denn dafür bräuchte sie Koalitionspartner. Ihr Lieblingsbündnis trägt die Farben Schwarz, Grün und Gelb wie die Flagge Jamaikas. Die FDP wäre sofort mit dabei - falls sie nicht an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert. Aber die Grünen?

Wenn man aus der Bremer Innenstadt in Richtung des „schwierigen“ Stadtteils Schwachhausen fährt, sieht man am Straßenrand drei übermannsgroße Wahlplakate: links SPD, rechts CDU, in der Mitte die Grünen. Ihre Plakatwand steht näher an der sozialdemokratischen als an der christdemokratischen, und das ist auch ihre Position im wahren Leben.

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Seit zwölf Jahren schon regiert die Öko-Partei gemeinsam mit der SPD. Aber ihre Liebe hat sich abgekühlt. Und wie das so ist bei einer langweilig gewordenen Ehe: Da wirft man schon mal einen Blick auf einen attraktiven Neuling, der plötzlich das Parkett betritt, mit der Aura eines Paradiesvogels. So einer wie Carsten Meyer-Heder.

Der Zwei-Meter-Mann mit dem Glatzkopf und demselben Vornamen wie der Bürgermeister stand in jungen Jahren selber ganz weit links. Er war ein langhaariger Hippie, Kriegsdienstverweigerer, Schlagzeuger und Straßenkünstler, wählte die Grünen, lebte in einer Groß-WG, brach sein Wirtschaftsstudium ab und trat aus der evangelischen Kirche aus. Inzwischen ist er 58 und staunt noch immer darüber, dass die CDU „so einen schrägen Typen wie mich“ einmütig zu ihrem Spitzenkandidaten gemacht hat. An seiner politischen Erfahrung kann es nicht liegen. Die hat er nämlich nicht. Dafür ist er mittlerweile ein erfolgreicher, wohlhabender IT-Unternehmer und zumindest mit dieser Eigenschaft CDU-kompatibel.

Der locker-liberale Meyer-Heder, der Mann mit dem offenen Hemdkragen, ist der absolute Gegenentwurf zur einstigen CDU-Parole „Keine Experimente“ und zur Bremer Spitzenkandidatin von 2015, der streng protestantischen älteren Dame Elisabeth Motschmann. Mit dem lässigen Seiteneinsteiger will die Union jetzt neue Wählerschichten ansprechen, und das scheint ihr zu gelingen.

Aber ob der Neue auch die Grünen auf seine Seite ziehen kann? Deren Spitzenkandidatin, Fraktionschefin Maike Schaefer (47), will sich vor der Wahl nicht festlegen. Eine Reporterin versuchte vor laufender Kamera, von Frau zu Frau über die Beziehungsfrage zu tratschen. Schaefer wich aus: „Mit welchem Carsten möchte ich gehen? Ja, nein, vielleicht.“

Die Grünen stabil

Wenn in der Öko-Partei weiterhin die erfahrene Finanzsenatorin Karoline Linnert etwas zu sagen hätte, dann lautete die Antwort wahrscheinlich: nein zum Wechsel! Aber die Parteibasis wollte die 60-Jährige nicht zum fünften Mal seit 2003 zur Spitzenkandidatin küren, sondern stimmte bei einer Urwahl für die unverbrauchtere Umweltexpertin Schaefer, die Frau mit dem dezenten Nasen-Piercing.

Die Grünen, in Umfragen stabil bei 18 Prozent, sind diesmal also die Königsmacher, das Zünglein an der Waage. Falls der CDU-Carsten am Sonntagabend ganz klar vor dem SPD-Carsten liegen sollte, dann würde Schaefer wohl am liebsten zur Hochzeitsreise Richtung Jamaika aufbrechen. Die Union hat für die Flitterwochen sogar schon ein „100-Tage-Programm“ vorgelegt. Sielings Appell an das Wahlvolk heißt denn auch: „Passt auf, dass Ihr nicht grün wählt und hinterher schwarz seht!“

Doch dafür muss neben Schaefer auch die Grünen-Basis mitspielen. Zwar könnten viele Mitglieder mit Meyer-Heder leben. „Interessanter Mann, nur in der falschen Partei“, denken manche. Aber bei einem Partnerwechsel heiratet man ja auch die Verwandtschaft mit. Womöglich eine buckelige. Bei Kurs Jamaika käme die etwas schrille FDP-Spitzenkandidatin Lencke Steiner (33) mit an Bord, die aus einer reichen Unternehmerfamilie stammt und gerne mit einem PS-starken Leasing-Cabrio durch die Stadt röhrt - ein Grauen für viele Grüne. Genauso wie CDU-Fraktionschef Thomas Röwekamp. Der würde vielleicht wieder Innensenator, wie einst zu Zeiten der SPD-CDU-Koalition unter Bürgermeister Henning Scherf. Röwekamp galt damals als harter Hund. Also auch ein Grauen für Grüne.

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Sollte Meyer-Heder allerdings nur knapp vor Sieling landen, dann würden die Grünen dem Neuen wohl auf jeden Fall die kalte Schulter zeigen. Sie würden dann lieber mit den Sozis weiterregieren und für die nötige absolute Mehrheit auch noch die Linken (laut Umfragen bei elf bis zwölf Prozent) ins Boot holen. Es wäre deren erste Regierungsbeteiligung in Westdeutschland. Zu verdanken wäre das auch ihrer realpolitischen Bremer Spitzenkandidatin, Fraktionschefin Kristina Vogt (53), die über die Grenzen ihrer Partei hinaus Ansehen genießt. Ihr Landesvorstand hat sogar schon beschlossen, wen er in die erhofften rot-grün-roten Sondierungsgespräche entsenden will und wann ein Sonderparteitag über das Ergebnis abstimmen soll. Das Fell des Bären wird also verteilt, bevor er erlegt ist.

Auch die SPD ist inzwischen eindeutig für Rot-Grün-Rot. Neun Tage vor der Wahl, als mal wieder eine niederschmetternde Umfrage publik geworden war, da lud die Partei eilig zu einer Pressekonferenz. Die Botschaft: Mit der Union will sie definitiv nicht koalieren, noch nicht mal Sondierungsgespräche führen. „Wir haben im Wahlkampf festgestellt, dass es keinerlei Brücken zur CDU gibt“, sagte Fraktionschef Björn Tschöpe. Nur noch ein rot-grün-rotes Bündnis „links der Mitte“ kommt für die Sozis in Frage. Also alles auf eine Karte, Richtungswahlkampf, das ist die neue Devise, das letzte Aufbäumen. Thomas Röwekamp, der CDU-Fraktionsvorsitzende, lästerte sogleich auf Twitter: „Oje. Kamicarsten #Sieling ist an schwerer Ausschließeritis erkrankt.“ Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer legte nach: Das sei „arrogant und respektlos gegenüber dem Wählerwillen“.

Bei ihrer Pressekonferenz standen die Bremer Partei-Oberen vor einer Leinwand mit großem rotem Herz und dem Allerwelts-Wahlslogan: „Wir lieben Bremen“. Warum lieben die Bremer nicht zurück? Vor wenigen Jahren war das noch selbstverständlich, bis hin zu absoluten Mehrheiten unter Bürgermeister Hans Koschnick. Natürlich spielt der Bundestrend eine Rolle. Aber der Liebesentzug hängt auch mit Carsten Sieling (60) zusammen. Der aufrechte Linke mit den grauen Haaren, seit 2015 im Amt, ist ein fleißiger, uneitler Bürgermeister, einer, der sich in allen Details der Bremer Politik auskennt und sich für die kleinen Leute einsetzt. Aber er hat nichts Mitreißendes. Er ist kein Staatsmann oder Landesvater, eher ein Landeskumpel.

Bildungsmisere, Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel, Verkehrsstaus - auch das wird vor allem dem Seniorpartner der Koalition angelastet. Dass es auch einiges Vorzeigbares gibt, wird leicht übersehen. Zum Beispiel die bedeutende Luft- und Raumfahrtindustrie oder das drittstärkste Wirtschaftswachstum aller Bundesländer.

Und dann ist da noch die schmerzhafte Sparpolitik der vergangenen Jahre. Unter dem Druck von Schuldenlast und Schuldenbremse verfielen manche Straßen, Brücken und Schulen, wuchsen die Schlangen vor personalschwachen Ämtern. „Wir haben den Menschen viel abverlangen müssen“, räumt Sieling ein, und er sieht dabei ein bisschen zerknirscht aus.

Inzwischen hat Rot-Grün den Haushalt stabilisiert und großzügigere Dauerhilfen des Bundes ausgehandelt. Künftig muss also der Gürtel nicht mehr ganz so eng geschnallt werden. Mehr Kita-Plätze, mehr Lehrerstellen, mehr Schulsanierungen - alles schon auf den Weg gebracht. Aber die Früchte der Sparpolitik wird nun möglicherweise Politikneuling Meyer-Heder ernten.

In die Verlierer-Ecke gedrängt, beißen die Sozialdemokraten jetzt um sich. Zum Beispiel warnen sie vor einem „Raubzug durchs Bremer Tafelsilber“. Gemeint sind Privatisierungen öffentlicher Unternehmen. Die FDP fordert so etwas; die CDU hält sich da eher zurück. „Angstschürende Phantomdebatte“, sagt Meyer-Heder.

Wie verzweifelt die Sozialdemokraten sind, lässt sich auch an ihrer Wahlkampagne ablesen: Auf einem der Plakate posiert Altbürgermeister Henning Scherf mit seiner Frau Luise. Der zu Hilfe gerufene 80-Jährige, der eigentlich gar nichts mehr mit Parteipolitik zu tun haben will, war einer der beliebtesten Regierungschefs Bremens. Jetzt soll sein Glanz auf einen der unbeliebtesten abfärben.

Kurz vor der Wahl hat Rot-Grün noch möglichst viele Bauprojekte zum Abschluss gebracht - das hebt das Image. Ein neuer Strandpark hier, ein modernes Klinikgebäude dort. Auch eine neue Bahnunterführung wurde gerade noch fertig: im „schwierigen“ Stadtteil Oberneuland.

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