Beamte sichern nach der Tat im August 2019 Spuren am Tatort in Berlin.
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Beamte sichern nach der Tat im August 2019 Spuren am Tatort in Berlin.

Mord in Moabit

Breite Spur führt nach Russland

  • Jörg Köpke
    vonJörg Köpke
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Der Verdächtige im Berliner Tschetschenen-Mord soll von Moskaus Geheimdienst nach Deutschland geschleust worden sein, obwohl er schon zuvor wegen Mordes gesucht wurde.

Es geschah am hellichten Tag, mitten in Berlin, im Kleinen Tiergarten in Moabit, nicht weit vom Bundesinnenministerium. Bis jetzt, bis zu diesem 23. August, hatte sich Zelimkhan Khangoshvili in Deutschland sicher gefühlt. Zu Unrecht, wie sich jetzt herausstellte.

Es ist sonnig und heiß, als sich der gläubige Moslem zur Mittagszeit auf den Weg zum Freitagsgebet in die Moschee macht. Plötzlich nähert sich von hinten ein Mann auf einem Fahrrad. Zwei Teenager, die zufällig in der Nähe sind, hören kurz hintereinander zweimal ein leises Klicken. Mit einer Pistole vom Typ Glock 26 samt Schalldämpfer schießt der Täter dem Vierzigjährigen aus kurzer Distanz zweimal in den Kopf. Khangoshvili ist sofort tot. Ein Mord auf offener Straße, einschweres Verbrechen. Und zugleich ist es eine Tat, die das ohnehin schwer belastete deutsch-russische Verhältnis noch weit grundlegender erschüttern könnte.

Denn jetzt, gut drei Monate später, stellt dieser Mord die Bundesregierung vor eine schwierige Frage: Wie soll sie reagieren, wenn sich der Verdacht bestätigt – und die Auftraggeber tatsächlich in Russland sitzen?

Der Tschetschene mit georgischem Pass balancierte schon lange am Abgrund. Sein Leben glich einer Gratwanderung zwischen Leben und Tod, zwischen Flucht und Bedrohung. Dass es ausgerechnet in Berlin enden würde, dem vermeintlich sicheren Endpunkt einer langen Odyssee, macht den Fall so spektakulär.

Im ersten und zweiten Tschetschenien-Krieg kämpfte Khangoshvili nach der Jahrtausendwende als Rebellenkommandeur gegen die russische Armee. Seither fürchtete er, ermordet zu werden. Das erste Attentat überlebte er vor vier Jahren in Georgiens Hauptstadt Tiflis, als mehrere Kugeln seinen linken Arm und die linke Schulter zerfetzten und nur knapp das Herz verfehlten.

Wenig später floh er in die Ukraine, entkam auch dort nur um Haaresbreite einem Anschlag und setzte sich anschließend in den Untergrund ab. Vor drei Jahren verschlug es ihn nach Deutschland.

Der russische Staat sei hinter ihm her, erklärte er bei seiner Asylanhörung im brandenburgischen Eisenhüttenstadt im Januar 2017. Der Kreml lasse ihn suchen – im Kaukasus und weit darüber hinaus. „Die russischen Organe werden einen Mord inszenieren“, sagte Khangoshvili einem Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) auf die Frage, was er denn zu befürchten habe, wenn man ihn nach Russland zurückschicke. In Deutschland wolle er ein neues Leben beginnen, betonte er – geschützt vor seinen Häschern.

„Endlich fühlte er sich sicher. Er dachte an eine glückliche Zukunft für mich und unsere vier Kinder. Er wollte nicht mehr kämpfen. Und er wollte auch nicht mehr zurück“, sagte seine Frau Manana Tsatieva vor wenigen Wochen dem „Guardian“. Doch da war ihr Mann schon tot.

Der Mord an Khangoshvili ruft Erinnerungen an die Zeit des Kalten Krieges wach. Und er schürt einen monströsen Verdacht: Haben russische Dienste auf deutschem Boden einen unliebsamen Gegner kaltblütig ermorden lassen? Es wäre der Beginn der wohl schwersten diplomatischen Krise zwischen beiden Staaten seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Der Verdacht wiegt schwer. Denn es geht um nicht weniger als um Staatsterrorismus. Und um die Frage: Wie kann Deutschland angemessen auf ein solches Verbrechen reagieren?

Für die Bundesanwaltschaft scheint festzustehen, dass die Tat einen politisch motivierten Hintergrund besitzt. „Die Ermittlungen haben keinerlei Hinweise auf eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen dem Beschuldigten und dem Tatopfer, geschweige denn für ein persönliches Motiv des Beschuldigten ergeben. Bezüge der Tat zur organisierten Kriminalität oder zum Phänomenbereich des islamistischen Terrorismus liegen ebenfalls nicht vor“, hieß es am Mittwoch aus Karlsruhe.

Im Vergleich zu den sonst stets mit Bedacht gewählten Worten der obersten deutschen Anklagebehörde sind diese Aussagen an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Ohne Moskau direkt beim Namen zu nennen zieht die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen wegen der Brisanz des Falles an sich. Karlsruhe ist offenbar davon überzeugt, dass russische Geheimdienstkreise hinter dem Anschlag stecken. Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte am Mittwoch zwei russische Diplomaten zu unerwünschten Personen. Sie haben nun sieben Tage Zeit, Deutschland zu verlassen. Kanzlerin Angela Merkel kündigte Konsequenzen an. Der Fall schlägt Wellen weit über Europa hinaus.

Das Rätsel von Moabit wirft gravierende Fragen auf. Wer steckt wirklich hinter dem Attentat? War es ein Mord, dessen Auftraggeber aus dem unmittelbaren Umfeld des russischen Präsidenten Wladimir Putin stammen? Wenn dem so wäre, wären Tausende von ehemaligen tschetschenischen Kämpfern, die sich im Exil befinden, bedroht.

Kurz nach der Tat wird ein Verdächtiger festgenommen. Der Mann trägt einen Schnauzbart, ist untersetzt, massig und auffällig tätowiert. Er ist gerade dabei, die vermeintliche Mordwaffe und seinen Flucht-E-Scooter in einem Kanal zu versenken, als ihn Berliner Polizisten in Gewahrsam nehmen. Seitdem sitzt der Mann in Untersuchungshaft und schweigt.

Die Ermittler finden bei ihm 3000 Euro in bar, zwei Hotel-Karten und einen brandneuen russischen Pass. Das Dokument weist den Verdächtigen als den russischen Staatsbürger Vadim S. aus. Einmal soll er während seiner Haft in Deutschland von Mitarbeitern der tussischen Botschaft in Berlin Besuch bekommen haben. Auf Nachfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) will sich dort niemand dazu äußern.

Deutsche Fahnder stoßen im Verlauf ihrer Ermittlungen auf eine Fahndungsausschreibung der russischen Behörden. 2013 soll der gebürtige Kasache Vadim K. einen russischen Kaufmann erschossen haben – per Kopfschuss mit einer Pistole samt Schalldämpfer. Auch damals nähert sich der Täter mit einem Fahrrad seinem Opfer, wie eine Video-Aufnahme bezeugt. Ein Vergleich der biometrischen Daten der Fahndungsbilder fördert nun Erstaunliches zutage: In beiden Fällen handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein und dieselbe Person.

Laut Hypothese des Bundeskriminalamtes ist Vadim K. unter dem falschem Namen Vadim S. vom russischen Geheimdienst nach Deutschland geschleust worden, um Khangoshvili zu ermorden. In russischen Datenbanken soll der Pass des Tatverdächtigen gesperrt sein – mit dem Hinweis, die Person sei „vom Staat geschützt“. So zumindest berichten es die investigativen Plattformen „Bellingcat“ und „The Insider“. Er soll zuvor 270 Kilometer östlich von Moskau im Staatsgefängnis IK-11 eingesessen haben.

Ihren Verdacht stützen die Ermittler auch darauf, dass russische Behörden die Suche nach dem mutmaßlichen Mörder Vadim K. 2015 plötzlich und unvermittelt einstellten. Russische Dienste sollen den mutmaßlichen Mörder angeworben und mit falscher Identität nach Deutschland geschickt haben.

Und noch eine Spur führt nach Russland. Der mutmaßliche Mörder S. reiste über Frankreich nach Deutschland ein. Für seinen Visumsantrag im französischen Konsulat nutzte er eine Fax-Nummer, die deutsche Sicherheitsbehörden dem russischen Verteidigungsministerium zuschreiben. Verdächtig ist auch: S.’s angeblicher Arbeitgeber, eine Firma namens „Zao-Rust“, befindet sich in finanziellen Nöten und führt keinen Mitarbeiter namens S. auf ihren Gehaltslisten.

Ein weiterer Mann wird mit dem Fall in Verbindung gebracht: Ramsan Kadyrow, seit Mai 2007 kremltreuer Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Kadyrow soll laut „Guardian“ in den vergangenen Jahren zahlreiche Morde an ehemaligen Rebellen in Auftrag gegeben haben, viele davon in der Ukraine, wo zahlreiche Tschetschenen an der Seite ukrainischer Regierungstruppen gegen prorussische Kräfte kämpfen. Der Weg vieler dieser tschetschenischen Soldaten führt später über Weißrussland und Polen nach Deutschland – wie der von Zelimkhan Khangoshvili.

Die offizielle russische Seite streitet eine Tatbeteiligung vehement ab, verweigert aber gleichzeitig jede Form der Zusammenarbeit. „Wir haben den Typen, aber er spricht nicht, während Russland jede Hilfe verweigert“, klagte schon im September Patrick Sensburg (CDU), Mitglied im Geheimdienstausschuss des Bundestages. Sensburg fügte hinzu: „Russland sollte helfen, wenn es nichts zu verbergen hat.“

Für Stephan Thomae, Vizechef der FDP im Bundestag, spricht vieles dafür, dass der Mord „mitten in Berlin“ von Russland aus gesteuert worden ist. „Zustände, wie wir sie schon lange nicht mehr gehabt haben. Das ist ein diplomatischer Störfall allerersten Grades.“ Grünen-Außenexperte Omid Nouripour forderte die Bundesregierung auf, die Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu verschärfen. „Geschäftsbeziehungen dürfen nicht über der Souveränität Deutschlands stehen. Was Russland in Moabit inszeniert hat, ist eindeutig eine Verletzung der deutschen Souveränität, die nicht geduldet werden darf“, sagte Nouripour dem RND. Moskau fühle sich geradezu ermutigt, die Grenzen des Machbaren immer weiter zu verschieben, „wenn wir weiterhin milliardenschwere Geschäfte wie den Bau der Gas-Pipeline Northstream 2 zulassen“.

Wie tief der Kreml tatsächlich in den Berliner Mordfall verwickelt ist, werden die weiteren Ermittlungen zeigen.

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