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An brennenden Barrikaden sucht ein Junge am Mittwoch seinen Weg durch die Siedlung Newe Dekalim im Gazastreifen.

Brechende Herzen

Der Abzug aus dem Gazastreifen macht Siedlern und Soldaten vor allem emotional zu schaffen

Von INGE GÜNTHER (JERUSALEM)

Der Tag der Zwangsräumung beginnt mit unschönen Szenen. In Newe Dekalim, der größten unter den 21 Siedlungen in Gaza, begrüßt man die einrückenden Truppen mit Eierwürfen. Demonstranten in Orange, der Farbe der Abzugsgegner, rangeln mit Uniformierten. Flammen lodern aus Müllcontainern und anderem Sperrgut, die radikale Siedler-Aktivisten zur Barrikaden zusammen geschoben haben.

Mit derartigem Widerstand wissen die israelischen Sicherheitskräfte fertig zu werden. Sie sind nicht bewaffnet, aber in der Überzahl. Sieben Brigaden, insgesamt mehr als 15 000 Soldaten und Polizisten, sind im Einsatz. Was bedeutet, dass auf jeden der noch verbleibenden Siedler vier Mann kommen, die ihn zum Auszug zwingen können.

In den Stunden vor Ablauf der Räumungsfrist, terminiert auf die Mitternacht zwischen Dienstag und Mittwoch, hat noch einmal ein freiwilliger Exodus der jüdischen Gaza-Bewohner eingesetzt. Mindestens die Hälfte, wenn nicht zwei Drittel, sind damit aus eigenen Stücken der Aufforderung der Regierung gefolgt, ins Kernland Israels überzusiedeln.

Noch während die Umzugswagen all jener, die sich erst in letzter Minute entschieden, die Sachen zu packen, über die Kissufim-Kreuzung rollten, haben sich in Gegenrichtung schier endlose Truppen-Kolonnen in Marsch gesetzt. Es ist eines der größten Aufgebote der israelischen Armee in Friedenszeiten. Generalstabsmäßig angelegt, um ein Kapitel des Sechs-Tage-Kriegs zu beenden: die 38 Jahre dauernde Besatzung des Gazastreifens.

Die Taktik ist klar. Die Einsatzleitung setzt auf zügige Abwicklung. Man werde mit der "gebotenen Sensibilität aber mit Entschiedenheit vorgehen, um die Mission komplett zu erfüllen", lautet ihre Devise. In Militärkreisen herrscht gedämpfter Optimismus vor. Womöglich werde man den größten Teil der Operation noch vor dem vor Sabbatbeginn am Freitag beendet haben, heißt es. Schließlich sei der von den Siedlern und ihren Sympathisanten entgegen gebrachte Widerstand weit konfuser und desorganisierter als befürchtet.

Der aufs Militärische spezialisierte Journalist Amos Harel mokiert sich gar über deren Aktionen: Die jugendliche Protestmenge, die in den Vortagen ein paar Fenster von Armeejeeps zertrümmert habe, sei unterm Strich besehen "kaum bedrohlicher als eine Gruppe von Fußballfans nach einer besonders demütigenden Niederlage." Doch es gibt Schwachstellen. Mit Kalkül setzten Siedler, die den Auszug verweigern, auf moralische Erpressung, um es den anrückenden Soldaten so schwer wie möglich zu machen.

In einigen der Gaza-Kolonien haben sich hunderte Aktivisten in den Synagogen verschanzt. So auch in Newe Dekalim. Das Gebetshaus zu stürmen, gilt als Tabu. Nicht nur, weil ein derartige rabiates Vorgehen die israelische Öffentlichkeit aufbringen könnte, sondern auch, weil es die Einsatzkräfte emotional überfordern würde.

Nicht wenigen von ihnen fällt es schon nicht leicht, mit den ihnen entgegen geschleuderten Beschimpfungen fertig zu werden. "Die Scham", heißt es etwa, "euch an der Deportation von Juden zu beteiligen, soll euch euer Leben lang nicht loslassen."

Bisweilen werden Soldaten auch direkt als "Nazis" attackiert. Immer wieder stehen junge Uniformierte schluchzend um Fassung ringend im Abseits des Geschehens. Die Truppen haben Weisung erhalten, in Fällen der Besetzung jüdischer Gotteshäuser am besten erst mitzubeten und dann zu verhandeln.

Polizei als "Nazis" beschimpft

Der frühere Vize-Generalstabschef und jetzige Labour-Abgeordnete Matan Vilnai, der sie in der Synagoge von Newe Dekalim zu unterstützen versucht, fängt sich allerdings zunächst von einem Abzugsgegner ein Ei am Kopf ein. Es bedarf stundenlanger Überredungskünste, bis mit den Siedlerführern ein Deal zustande kommt, nach dem Nachmittagsgebet die Bewohner zum Verlassen ihrer Häuser aufzufordern.

In Morag, einem kleinen Widerstandsnest im Süden des Siedlerblocks Gusch Katif, gelingt nach längerem Hin und Her Ähnliches. Dort haben sich am Morgen an die achtzig Aktivisten in der Synagoge verbarrikadiert und Jugendliche auf dem Dach zum Sitzstreik niedergelassen.

Einer ihrer Wortführer bezeichnet die Aktion als "unsere Art psychologischer Kriegsführung". Dennoch, auch in Morag besteigen an diesem Mittag zumindest die Mütter und ihre Kinder die von der Armee bereit gestellten Busse. Dutzende junge Protestler, viele von ihnen aus dem Westjordanland angereist, werden derweil von den Soldaten weggeschleppt. Ohne Blessuren geht das auch für die Uniformierten nicht ab. So sticht eine Demonstrantin unversehens mit einer Nadel auf eine Soldatin ein.

Mehr als derartige Verletzungen macht den Kräften im Einsatz die psychische Belastung zu schaffen. Vor allem das von Haus-zu-Haus-Gehen, um in Tränen aufgelöste Familien zwangsweise zu evakuieren, ficht sie an. Dramatische Szenen, die das israelische Fernsehen überträgt.

Selbst Premier Ariel Scharon, der noch vor Beginn des Abzugs erklärte, er bereue nichts, setzen diese Bilder zu. "Mein Herz bricht, wenn ich das sehe", sagt er und ruft die Siedler auf, nicht die Frauen und Männer von Armee und Polizei zu attackieren: "Macht es ihnen nicht schwer, tut ihnen nicht weh, wenn dann mir." Seine Worte sind versöhnlich gemeint, nicht dazu bestimmt, den Abschied in die Länge zu ziehen.

Die Armee ist für alle Eventualitäten gerüstet. Sogar die sechzig Busse zum Abtransport sind speziell ausgerüstet: mit verstärkter Fahrerkabine sowie Metallplatten an den Reifen zum Schutz gegen Nagelbretter aus dem Arsenal der Militanten.

Nur, mit Abnahme der Gaza-Siedler wächst womöglich die Neigung des radikalen Kerns zu spektakulären Verzweiflungstaten. Als Israel 1982 die Sinai-Siedlung Yamit räumte, waren es nicht die Bewohner, sondern jugendliche Anhänger der rechtsradikale Kach-Bewegung, die sich in einem Bunker verschanzten und mit kollektivem Selbstmord drohten. Erst nachdem ihr Guru, der später ermordete Meir Kahane, per Helikopter eingeflogen wurde, gaben sie auf.

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