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Vor den Auswirkungen eines menschengemachten Klimawandels verschließen viele seit Jahrzehnten die Augen. Das liegt auch an unseren Überlebensinstinkten.

Psychologie

Wir brauchen alle eine Therapie

Warum der Mensch die globale Bedrohung lieber ignoriert, aber das Raubtier vor der Nase fürchtet.

Unser Gehirn ist ein Produkt der Evolution. Das Zentrum unseres psychischen Universums ist deswegen das Überleben. Dazu wurden wir unter anderem mit einem Belohnungs- und einem Bedrohungssystem ausgestattet, die uns sagen, was wir aufsuchen und was wir meiden, wogegen wir kämpfen und wovor wir weglaufen sollen. Alles mit dem Ziel, unser Überleben zu sichern. Wir merken das noch heute am Erschrecken, wenn es im Dunkeln raschelt. 

Wie passt das dazu, dass so viele Menschen seit über drei Jahrzehnten vor den bedrohlichen Auswirkungen eines menschengemachten Klimawandels die Augen verschließen? Die Erklärung ist einfach: Unser Gehirn und eine so ungewöhnliche Bedrohung wie die Klimakrise sind schlichtweg nicht kompatibel. Denn unser Bedrohungssystem ist auf konkrete, sichtbare Gefahren geeicht – auf das vor uns auftauchende Raubtier statt auf sich langsam entwickelnde Katastrophenszenarien, die sich zunächst vor allem über Statistiken ausdrücken. Es reagiert daher eher impulsiv auf kurzfristige Gefährdungen, als sich rational mit zukünftigen Problemen zu beschäftigen. 

Wir wollen unser Schicksal selbst in der Hand behalten

Im Verlauf der Evolution entwickelte psychologische Grundbedürfnisse, wie jenes der Selbstbestimmung, spielen ebenfalls eine Rolle. Wir wollen unser Schicksal selbst in der Hand behalten. Die notwendigen Einschränkungen des Klimaschutzes frustrieren dieses Bedürfnis. Viele Menschen fühlen sich wesentlich stärker eingeschränkt bei der Vorstellung, jetzt weniger Fleisch zu essen, als durch die längerfristige Aussicht auf Wasserknappheit oder regelmäßige Stromausfälle. Viele Menschen reagieren dann mit Trotz beziehungsweise Widerstand. Die Psychologie spricht hier von „Reaktanz“, die umso größer ausfällt, je stärker das eingeschränkte Bedürfnis ausgeprägt ist. 

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Einen weiteren Erklärungsansatz für die Leugnung oder Verdrängung des Klimawandels finden wir in der „Terror-Management-Theorie“, die den negativen Kern unseres Überlebenstriebes betont: die Todesangst. Diese ist für uns so unangenehm, dass wir unmittelbar versuchen, sie abzuwehren und den Schrecken zu ‚managen‘. Eine der problematischen Bewältigungsstrategien besteht darin, dass wir alles daransetzen, unser „symbolisches Überleben“ zu sichern. Wir versuchen, unseren Selbstwert zu steigern, indem wir kollektive Überzeugungen unserer sozialen Bezugsgruppe (etwa „die Wirtschaft muss wachsen“) schützen, anstatt geeignete Maßnahmen für unser tatsächliches Überleben zu ergreifen. Die Erhöhung des eigenen Selbstwertes und der Schutz der Gruppennormen können dann paradoxerweise wichtiger werden als der Erhalt unserer Lebensgrundlage.

Wir bevorzugen einfache Antworten 

Zugegeben, wir befinden uns aus psychologischer Sicht wirklich in einer sehr schwierigen Situation. Menschen mögen oft einfache, schnell erfassbare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, keine unübersichtlichen komplexen Systeme mit unzähligen Variablen und wechselseitigen Abhängigkeiten. Kein Wunder also, dass wir gerne zu simplen Erklärungen oder gewohnten Verhaltensweisen greifen, die unser Wohlbefinden verlässlich aufrechterhalten oder möglichst schnell wiederherstellen. Wir wollen Bedrohungen und damit einhergehende unangenehme Gefühle möglichst schnell beenden – und notfalls tun wir dann halt so, als wären sie weg, anstatt uns auf mühsame und langfristige Klimaschutzmaßnahmen einzulassen. Dagegen haben es selbst gut belegte wissenschaftliche Modelle, der Weltklimarat der Vereinten Nationen und 26 800 seriöse Wissenschaftler*innen mitunter sehr schwer. 

Gibt es noch Hoffnung? Ja. Die langsameren, aber komplexeren Anteile unseres Gehirns können die schnelleren, archaischen kontrollieren. Nichts anderes passiert, wenn wir uns ausgewogen über bestimmte Themen informieren, uns beraten lassen oder in einer Psychotherapie befinden. Und was unseren Umgang mit der Klimakrise angeht, brauchen wir (fast) alle eine Sitzung.

Von Fabian Chmielewski, Felix Peter, Bettina Knülle und Katharina van Bronswijk

Die Autoren engagieren sich bei Psychologists4Future/Psychotherapists4Future.

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