+
Rio de Janeiros wohl spektakulärste Favela ist die Rocinha.

Brasiliens

Favelas fehlt es an allem

  • schließen
  • Ramona Samuel
    schließen

Vor der WM 2014 gingen viele Menschen auf Brasiliens  Straßen und demonstrierten für bessere hygienische Bedingungen - erfolglos. 

Einige nennen sie das Monster: Rio de Janeiros wohl spektakulärste Favela ist die Rocinha. Hier, in dem steil nach oben ragenden Meer aus Mauern, Dächern und Hütten, ist das alltägliche Leben auf engstem Raum zusammengepfercht. In den Straßen tobt das Leben, es unter Quarantäne zu stellen ist eine riesige Herausforderung. „Meine größte Sorge ist, dass die Ärmsten der Armen gar keine Chance haben, sich an die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation zu halten“, sagt Fernando Luiz, Kulturproduzent und Aktivist aus Rio de Janeiro, der FR.

Die Regierung des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro gibt derzeit ein klägliches Bild ab. Bolsonaro selbst spricht immer noch von einem „Grippchen“ und ruft die Bevölkerung auf, den Empfehlungen seines eigenen Gesundheitsministeriums nicht Folge zu leisten. „Ich werde mein Volk nicht in die Armut schicken, nur um das Lob der Medien zu erhaschen“, sagte Bolsonaro noch vor wenigen Tagen. Für Bolsonaro geht es inzwischen ums politische Überleben. Abends kann er die Wut seiner Landsleute hören, wenn sie auf den Balkonen und aus den offenen Fenstern mit Kochlöffeln auf die Töpfe schlagen, um gegen ihn zu protestieren. Bislang registrierte die Johns-Hopkins-University mehr als 10 300 mit dem Coronavirus Infizierte und rund 440 Tote in Brasilien (Stand Sonntagnachmittag).

Die Probleme in den Favelas sind struktureller Art, sagt Rita Montezuma, die an der Universität Federal Fluminense Geografie unterrichtet und sich für die Rechte der afro-brasilianischen Bevölkerung engagiert. „In den Armenvierteln gibt es praktisch keine Urbanisierung. Es fehlt an allem: sauberem Trinkwasser, zuverlässiger Energieversorgung, Infrastruktur und natürlich gut ausgestatteten Krankenhäusern.“ Ähnlich sieht es weiter draußen auf dem Land aus. Weil sich die von Bolsonaro ohnehin verachteten indigenen Völker nicht auf die Regierung verlassen können, beginnen sie sich in Selbstisolation zurückzuziehen.

Vor der WM 2014 gingen die Menschen zu Hunderttausenden auf die Straße, um gegen die katastrophalen Bedingungen im Gesundheitswesen zu demonstrieren. Doch die damalige Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff investierte lieber in sündhaft teure Stadien als in Krankenhäuser. Seitdem hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: Bolsonaro kürzte sogar die Ausgaben, kündigte nun aber unter dem Druck der Krise Investitionen an. Selbst wenn diese kommen sollten: Für die Patienten, die jetzt schwer erkranken, kämen sie zu spät.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion