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Brasilien-Wahl: Lula will das Land vereinen – aber wie?

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Von: Lisa Kuner

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Lula gewinnt hauchdünn (50,9 %) gegen Bolsonaro. Während eine Hälfte Brasiliens aufatmet, wittern seine Gegner Betrug. Die Stimmung droht zu kippen.

Rio de Janeiro/Brasilien – Ab kurz nach 20 Uhr gab es auf dem São Salvador Platz im linken Viertel Laranjeiras in Rio de Janeiro kein Halten mehr. Schon am Nachmittag hatten sich hier tausende Anhänger der Arbeiterpartei PT versammelt, um die Auszählung der elektronischen Urnen zu verfolgen. Etwas mehr als drei Stunden nach Wahl-Schluss stand das Ergebnis der Stichwahl in Brasilien fest: Lula da Silva wird der nächste Präsident des Landes.

Der linke Sozialdemokrat Lula war in der Stichwahl gegen den aktuellen, rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro angetreten. Bei der Wahl trafen nicht nur zwei Kandidaten aufeinander, sondern auch zwei Weltbilder. Während Lula in seiner Wahlkampagne vor allem versprochen hatte, Hunger und Ungleichheit im Land zu bekämpfen, hatte Bolsonaro den Kauf von Schusswaffen einfacher gemacht und gegen Minderheiten gehetzt.

Brasilien-Wahl: Knappes Ergebnis – Lula gewinnt gegen Bolsonaro

Euphorie unter seinen Fans in Brasilien: Bei der Wahl hat Herausforderer Lula da Silva knapp gegen Jair Bolsonaro gewonnen.
Euphorie unter seinen Fans in Brasilien: Bei der Wahl hat Herausforderer Lula da Silva knapp gegen Jair Bolsonaro gewonnen. © Sergio Lima/afp

Mit 50,9 Prozent der Stimmen hat Lula diese extrem polarisierte Wahl am Sonntag für sich entschieden, Bolsonaro erreichte 49,1 Prozent. Das ist zum einen das knappste Ergebnis seit dem Ende der brasilianischen Militärdiktatur 1985, zum anderen ist es das erste Mal, dass ein regierender Präsident nicht für eine zweite Amtszeit wieder gewählt wird.

Nach der Veröffentlichung des Wahlergebnisses bestimmen Brasiliens Wahlhymnen die Musikauswahl auf dem São Salvador Platz: „Ohne Angst, wieder glücklich sein! [...] Lula ist da. Ein Stern leuchtet. Lula ist da. Unsere Hoffnung wächst“ – so geht der Refrain einer der bekanntesten Songs aus dem Wahlkampf. Dutzende Male wird er an diesem Abend gespielt. „Das Ergebnis ist fantastisch. Nachdem vier Jahre lang die Demokratie so im Schatten stand und politische Institutionen infrage gestellt wurden, ist das eine große Erleichterung“, sagt Lucas Araújo, einer der Feierenden.

Bolsonaro besiegt: Doch Lula wird ebenfalls ein umstrittener Präsident

Auch der Journalistin Selina Lisboa kann man die Freude schon von Weitem ansehen. „Ich freue mich sehr. Alles wird sich jetzt ändern. Wir haben vier Jahre lang diese reaktionäre Regierung ertragen, die rassistisch und frauenfeindlich war und arme Menschen nicht respektiert hat. Ökonomisch war das auch schrecklich“, sagt sie. „Lula wird in der Lage sein, essenzielle Veränderungen für Brasiliens Demokratie vorzunehmen – vor allem die Allerärmsten werden davon profitieren.“

Rund fünf Kilometer entfernt, im berühmten Strandviertel Copacabana, ist die Stimmung gedrückter. Viele Bars und Straßencafés sind eher schlecht besucht, nur an wenigen Stellen wird gefeiert. Copacabana ist ein konservatives Viertel, hier wurde mehrheitlich Bolsonaro gewählt. Vereinzelt hört man „Lula Ladrão“-Rufe (Lula, der Dieb).

In einer Bar läuft die Fernsehdiskussion der Wahlergebnisse des Senders „Jovem Pan“. Der ist dafür bekannt, Bolsonaro zu unterstützen – und regelmäßig Fake News zu verbreiten. Davor sitzt Narique de Santos. „Ich unterstütze Bolsonaro und bin nicht glücklich mit dem Wahlergebnis“, sagt sie. „Das war Wahlbetrug. Ich bin stolz, Brasilianerin zu sein. Nur Jesus weiß, wie es jetzt weiter geht.“ Sie ist nicht allein mit dieser Ablehnung. Umfragen vor der Wahl hatten gezeigt, dass 46 Prozent der Brasilianerinnen und Brasilianer eine tiefe Abneigung gegen Lula da Silva hegen und ihn rundheraus ablehnen. Das extrem knappe Wahlergebnis spiegelt das wider. Außerdem zeigt ihre Aussage, dass Bolsonaros systematische, aber unbelegte Versuche, das Vertrauen ins brasilianische Wahlsystem zu schwächen, gefruchtet haben.

Brasilien: Lula siegt über Bolsonaro – Korruptionsvorwürfe bleiben

Auch ein anderer Wähler teilt diese Zweifel: „Ich habe Bolsonaro gewählt und ich bin nicht zufrieden“, sagt Jorge Valera. „Lula wurden schon mal festgenommen und verurteilt wegen Korruption. Er hätte gar nicht aus dem Gefängnis kommen sollen. Ich weiß auch nicht sicher, ob bei der Wahl alles mit rechten Dingen zugegangen ist.“

Damit spielt er auf Lulas Vergangenheit an und nennt einen der größten Kritikpunkte gegen ihn. Lula war von 2003 bis 2010 schon mal Präsident von Brasilien, zuvor hatte er die Gewerkschaftsbewegung im Land maßgeblich mit aufgebaut. Der heute 77-jährige wollte dann auch vor vier Jahren erneut zur Präsidentschaftswahl antreten. Allerdings liefen im Rahmen des Korruptionsskandals „Lava Jato“ Ermittlungen gegen ihn, die das unmöglich machten. Lula wurde verurteilt und saß ab April 2018 für eineinhalb Jahre im Gefängnis. Von Anfang an galt die Beweisführung in diesem Verfahren als sehr dünn. 2021 wurden von Brasiliens oberstem Gerichtshof alle Urteile gegen ihn aufgehoben – das machte den Weg für die erneute Kandidatur frei.

Bolsonaro hat die Demokratie geschwächt

Das mag nicht der ideale Kandidat für eine Präsidentschaftskandidatur sein, aber die andere Möglichkeit – vier weitere Jahre Jair Bolsonaro – klang nicht besser. Der hinterlässt eine fatale Bilanz: In seiner Regierungszeit stiegen die Abholzungen und die Waldbrände im Amazonasgebiet stark an. Außerdem hatte ein schlechtes Pandemiemanagement und der späte Kauf von Impfstoffen dazu geführt, dass die Coronapandemie in Brasilien rund 600.000 Menschen das Leben kostete. Bolsonaro hatte auch systematisch damit begonnen demokratische Institutionen auszuhöhlen.

Der Wähler Carlos Brandão greift das auf: „Ich freue mich sehr, das Ergebnis ist fundamental – nicht nur für Brasilien und Lateinamerika, sondern für die ganze Welt. Es ist schlimm, wie sehr der Faschismus hier in Brasilien gewachsen ist“, sagt er. Er sieht aber auch eine der Herausforderungen der kommenden Monate: „Ich will vergessen, dass die Hälfte der Brasilianer eine andere Meinung hat. Das ist ein wunderbarer Sieg für die Welt!“

Brasilien-Wahl: Schwierige Ausgangssituation für Lula

Für den neugewählten Präsidenten Lula wird des nicht einfach, dieses geteilte Brasilien zu einen: Zum einen, weil die Stimmung in der Bevölkerung wahnsinnig aufgeladen ist. Zum anderen ist auch die politische Ausgangssituation schwierig: Lula ist mit seiner breiten Koalition in die Kampagne gezogen, sein Vizepräsident Geraldo Alckmin gehört beispielweise einer wirtschaftsliberalen Partei an. Gleichzeitig wurden bei den Wahlen extrem viele konservative Anhänger von Bolsonaro in den Kongress und den Senat gewählt. Wie es in Brasilien in den kommenden Monaten weiter geht, bleibt also spannend.

Und es gibt Grund zur Sorge, dass auch die Machtübergabe nicht reibungslos verlaufen könnte: Seit Sonntag vor einer Woche hatten zwei gewalttätige Vorfälle mit Bolsonaro-Anhängern aus der Politik in Brasilien für Aufruhr gesorgt: Am Samstag war die Parlamentsabgeordnete Carla Zambelli mit einer gezogenen Waffe einem schwarzen Mann in São Paulo hinterhergerannt. Sonntag vor einer Woche hatte sich der ehemalige Abgeordnete Roberto Jefferson in Rio de Janeiro einer Verhaftung widersetzt, in dem er mit Gewehren um sich schoss und sogar zwei Granaten warf. Zwei Polizisten wurden dabei verletzt. Gestern am Wahltag hatte es außerdem Berichte dazu gegeben, dass die Polizei mit auffällig vielen Straßenkontrollen versucht hat, Wählerinnen und Wähler von der Stimmabgabe abzuhalten.

Wie es also in den kommenden Wochen im Land weiter geht, ist völlig offen. Es gibt aber schon einen kleinen Grund zur Erleichterung: Trotz aller vorangegangen Vorkommnisse blieb es in der Wahlnacht ruhig.

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