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Stichwahl in Brasilien: Bolsonaro mit Rückenwind – Warum alle Umfragen daneben lagen

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Von: Nail Akkoyun

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Jair Bolsonaro auf einer Wahlkampfveranstaltung am 1. Oktober in Joinville.
Jair Bolsonaro auf einer Wahlkampfveranstaltung am 1. Oktober in Joinville. © AFP

Von wegen absolute Mehrheit: Lula da Silva muss gegen Jair Bolsonaro in die Stichwahl. Die irreführenden Umfragen zur Brasilien-Wahl haben gleich mehrere Gründe.

Brasilia – Wochenlang ging man in Brasilien davon aus, dass der amtierende Präsident Jair Bolsonaro nach dem 2. Oktober – dem Wahltag im Land – seinen Hut nehmen muss. Immerhin hatten sämtliche Umfragen den Eindruck erweckt, dass ein Großteil der Bevölkerung nicht hinter dem Rechtsextremisten, sondern hinter seinem Konkurrenten Lula da Silva steht. Denn obwohl Lula wenige Prozentpunkte vor Bolsonaro landete, war die erste Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahlen alles andere als ein Erfolg für die Linke.

Die letzten beiden Umfragen vor der Brasilien-Wahl, die am 1. Oktober von den angesehenen Meinungsforschungsinstituten Ipec und DataFolha veröffentlicht wurden, machten dem linken Lager sogar Hoffnung auf eine absolute Mehrheit. Am Montag (3. Oktober) machte sich jedoch ein deutlich geringerer Abstand als zuvor geschätzt bemerkbar – die Konsequenz: Stichwahlen am 30. Oktober.

Wie konnten die Meinungsforschungsinstitute derart falsch liegen? Die Gründe für das vermeintliche Versagen der Forschenden sind laut Fabio Best, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, vielschichtig.

Brasilien-Wahl: Skepsis gegenüber den Wahlforschungsinstituten

„Für Meinungsforschungsinstitute ist es durch das Erstarken einer wissenschafts- und medienkritischen Wählerschaft deutlich schwieriger geworden, den Wahlausgang ‚vorherzusehen‘, da diese Wählerschaft Wahlumfragen in der Regel skeptisch gegenübersteht und folglich häufiger die Teilnahme an ebendiesen verweigert“, sagte Best im Gespräch mit fr.de von IPPEN.MEDIA. Dabei würde es sich um eine Entwicklung handeln, die man „hüben wie drüben“ bemerke. Zu beobachten gewesen sei dies in Europa unter anderem vor dem Brexit-Referendum und in Deutschland vor allem in der Anfangszeit der AfD.

In Brasilien gab es häufiger kritische Stimmen gegenüber Meinungsinstituten. Fábio Faria, Bolsonaros Minister für Kommunikationsangelegenheiten, bezeichnete die Umfrageergebnisse vor der Wahl als „völlig falsch“. Forschende arbeiten für ihre Erhebungen mit Stichproben von Wählerinnen und Wählern, deren Antworten gewichtet werden, um sie so repräsentativ wie möglich zu machen. Fehler liegen daher meist in der Methode der Stichprobenauswahl oder in den statistischen Anpassungen.

„Einzig der Stimmanteil Bolsonaros wies bei der Wahl starke Abweichungen nach oben auf – mutmaßlich, weil seine Wählerschaft infolge der artikulierten Skepsis seines Teams die Teilnahme an Meinungsumfragen verweigert hat“, sagte Fabio Best über die Fehlerquote der Institute. Auch wenn diese „Weigerungshaltung“ nichts Neues sei, häufen sich entsprechende Ausreißer laut Best in den vergangenen Jahren.

Südamerika-Experte über Brasilien-Wahl: Lulas Anhängerschaft war zurückhaltend

Als Grund für das überraschende Wahlresultat sieht Best aber auch die Wählerschaft von Lula da Silva. „In der Gruppe der Analphabeten, traditionell eine Hochburg für Lulas Arbeiterpartei PT, hat sich die Hälfte der Befragten am Wahltag entschieden, nicht an der Wahl teilzunehmen“, sagte der Südamerika-Experte. Über die Gründe könne man nur spekulieren, allerdings sei es plausibel, dass Lulas gemäßigtere Unterstützerinnen und Unterstützer weniger den Drang verspürt hätten, ihren Kandidaten zu unterstützen – ganz im Gegenteil zur Gefolgschaft von Jair Bolsonaro.

Die Wahlbeteiligung lag bei 79,1 Prozent und ist damit die niedrigste seit 1998. Für Meinungsforschungsinstitute sei es immer wieder schwierig bis unmöglich, „solche ‚Abwesenheiten‘ am Wahltag zu berücksichtigen“, sagte Best. Oft würden Wählerinnen und Wähler zum Teil spontan entscheiden, ob sie an einer Wahl teilnehmen oder nicht.

Fairerweise sei aber auch gesagt, dass Umfragen grundsätzlich nur Momentaufnahmen darstellen. „Bereits am nächsten Tag kann die Lage wieder ganz anders aussehen“, sagte Fabio Best. Daher würden Meinungsinstitute Begriffe wie „Wahlbefragung“ oder „Prognose“ vermeiden. In den Meinungsumfragen zur Brasilien-Wahl gaben gegenüber den Insituten Datafolha und IPEC fünf beziehungsweise sieben Prozent an, noch unentschlossen zu sein – diese unentschlossene Wählerschaft könnte am 30. Oktober, wenn es in die Stichwahl geht, entscheidend sein. (nak)

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