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Brasilien-Wahl elektrisiert das Land: Die Unterschiede zwischen Bolsonaro und Lula könnten kaum größer sein

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Von: Lisa Kuner

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Bolsonaro hier rechts,  „Lula“ da Silva steht links
Die anstehende Wahl polarisiert Brasilien: Bolsonaro hier rechts,  „Lula“ da Silva steht links. © Miguel Schincariol/afp (Montage)

Bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen im Oktober stehen sich zwei Kandidaten gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das Land ist schon jetzt in Aufruhr.

Brasilien – „Ich habe keine Angst, die Wahlen zu verlieren“, sagte der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro Anfang August in einem Interview. Er tritt im Herbst bei den Präsidentschaftswahlen erneut an und hofft auf eine zweite Amtszeit. Obwohl er sich so siegessicher gibt, stehen die Chancen des aktuellen Präsidenten für die kommenden Wahlen gar nicht so gut.

Am 2. Oktober wählt das größte lateinamerikanische Land ein neues Staatsoberhaupt. Je nach Ausgang kommt es Ende Oktober dann nochmal zu Stichwahlen. Der gewählte Kandidat übernimmt das Amt dann ab dem 1. Januar 2023. Insgesamt wurden zwölf Kandidat:innen aufgestellt, realistische Chancen haben aber eigentlich nur zwei. Jair Bolsonaro, Brasiliens aktueller Präsident, und Luiz Inácio „Lula“ da Silva – der ehemaliger Präsident.

Brasilien-Wahl: Bolsonaro steht rechts, da Silva links

Der aktuelle Präsident Jair Bolsonaro ist 67 Jahre alt, tritt für die Liberale Partei (Partido Liberal, PL) an und ist für seine rechtsradikalen Ansichten bekannt. Er säte in den vergangenen Jahren regelmäßig Hass gegen Minderheiten, seine Regierung wird unter anderem durch die evangelikalen Pfingstkirchen gestützt.

Sein Herausforderer ist nicht weniger bekannt – und wahrscheinlich nicht weniger berüchtigt. Luiz Inácio „Lula“ da Silva war von 2003 bis 2011 Präsident und tritt für die Arbeiterpartei Partido Trabalhador, kurz PT, an – die sozialdemokratische Partei, vergleichbar mit der SPD, in Brasilien. Der 76-Jährige wollte bereits vor vier Jahren erneut Präsident werden, landete dann aber aufgrund eines Korruptionsskandals im Gefängnis. International hatte er in der Vergangenheit unter anderem durch erfolgreiche Sozialprogramme immer wieder Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

In den Diskussionen taucht immer wieder auch Ciro Gomes auf. Er ist ebenfalls ein Kandidat, der links einzuordnen ist, liegt aber in allen Umfragen weit abgeschlagen hinter den beiden anderen Kandidaten und hat darum keine echten Chancen.

Hitzige Stimmung in Brasilien: „Lula ist für viele eine Reizfigur“

Die Stimmung in Brasilien ist schon Monate vor der Wahl aufgeladen. Zum einen erhitzt Ex-Präsident Lula die Gemüter. „Lula ist für viele eine Reizfigur“, erzählt Niklas Franzen der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Er ist Journalist und berichtet seit vielen Jahren immer wieder aus und über Brasilien. Dieses Jahr ist sein Buch über Brasilien unter Bolsonaro erschienen. Es heißt „Brasilien über alles – Bolsonaro und die rechte Revolte“. Er zeichnet darin nach, wie es zu der rechtspopulistischen Regierung Bolsonaro kommen konnte.

Dass Lula und die PT so umstritten sind, liege laut Franzen auch daran, dass in den vergangenen Jahren medial gezielt Stimmung gegen sie gemacht wurde. Heute ist die Arbeiterpartei für einige Brasilianer darum der Ursprung allen Übels. Gleichzeitig hat auch Bolsonaro viele der Menschen in Brasilien enttäuscht, beispielsweise mit seiner Corona-Politik, und damit viel Wut auf sich gezogen. Nun erfährt der Präsident entweder extreme Ablehnung oder fast grenzenlose Zustimmung.

In Brasilien treffen zwei politische Projekte aufeinander

 „Mit Lula und Bolsonaro treffen nicht nur zwei Kandidaten, sondern auch zwei verschiedene politische Projekte aufeinander“, erklärt Franzen die Polarisierung. Während Lula ein überzeugter Sozialdemokrat sei, dessen Fokus ist, die Ungleichheit zu bekämpfen, stehe Bolsonaro für die Hetze gegen Minderheiten und habe faschistische Züge. Die Unterschiede zwischen den Kandidaten könnten also kaum größer sein.

Das wird klar, sobald man die beiden sprechen hört. Die Debatten rund um die anstehenden Wahlen werden darum oft in hitzigen Ton geführt. Gerade Bolsonaro hetzt förmlich gegen seine politischen Gegner. Welche Auswirkungen diese Polarisierung im schlimmsten Fall haben kann, zeigt ein Vorfall aus dem Juli. In Foz do Iguaçu, im Süden von Brasilien, hatte ein Mitglied der Arbeiterpartei seinen Geburtstag gefeiert. Als Deko dienten Bilder von Lula – ein Unterstützer Bolsonaros störte sich daran. Der Streit eskalierte und er erschoss das Arbeiterpartei-Mitglied.

Lula will Armut und Hunger bekämpfen

Lula ist ehemaliger Gewerkschafter – und seine Hauptziele sind darum auch die Schaffung von Arbeitsplätzen und der Kampf gegen den Hunger. In seiner Amtszeit waren zwar die Abholzungsraten stark zurückgegangen, ein Umweltaktivist ist er dennoch nicht. Ohne Rücksicht auf die ökologischen Verluste setzte er in seiner Amtszeit auch Großprojekte wie den Staudamm Belo Monte in Norden von Brasilien um.

Es gibt Anzeichen, dass er seine Meinung hierzu zumindest angepasst hat. Gerade auf internationalen Reisen betont Lula inzwischen häufig, wie wichtig ihm der Schutz des Amazonas ist. Des Weiteren will er in Zukunft Reiche stärker besteuern und gleichzeitig die Wirtschaft ankurbeln.  

Liste der bisherigen Präsidenten und Präsidentinnen von Brasilien nach der Militärdiktatur

NameAmtszeit
José Sarney 15. März 1985 – 15. März 1990
Fernando Collor de Mello15. März 1990 – 29. Dezember 1992 
Itamar Franco29. Dezember 1992 – 1. Januar 1995 
Fernando Henrique Cardoso1. Januar 1995 – 1. Januar 2003
Luiz Inácio Lula da Silva 1. Januar 2003 – 1. Januar 2011
Dilma Rousseff 1. Januar 2011 – 31. August 2016
Michel Temer  31. August 2016 – 1. Januar 2019
Jair Bolsonaro 1. Januar 2019 bis heute

Bolsonaro setzt auf wirtschaftliche Privatisierung

Das klingt alles fast zu schön, um wahr zu sein – und ist es wahrscheinlich auch. „Auch eine Regierung unter Lula wäre auf eine breite Koalition angewiesen“, gibt Journalist Franzen zu bedenken. Die würde fast sicher auch konservative Kräfte beinhalten. Außerdem sei das oft kritisierte Agrobusiness in Brasilien wirtschaftlich extrem wichtig und auch Lula als Präsident könnte damit nicht vollständig brechen.  

Jair Bolsonaro würde seine zweite Amtszeit laut dem aktuellen Regierungsplan rund um die Werte Familie, Gott, Vaterland, Freiheit und Leben aufbauen. Wirtschaftlich möchte er vor allem auf Privatisierung und Unternehmertum setzen. Außerdem verteidigt er den Abbau von natürlichen Ressourcen – auch in geschützten Gegenden wie beispielsweise indigenem Land.

Wahl in Brasilien: Gewaltsame Ausschreitungen sind möglich

„Alles deutet aktuell darauf hin, dass Bolsonaro die Wahlergebnisse nicht akzeptiert, wenn er verlieren sollte“, meint Journalist Niklas Franzen. Er säe beispielsweise aktuell strategisch Zweifel an der Zuverlässigkeit von Brasiliens elektronischem Wahlsystem. „Was aber nach seiner möglichen Wahlniederlage passiert, ist überhaupt nicht abzusehen“, fügt er hinzu.

Über IPPEN.MEDIA

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Zwar verfüge er über Unterstützung aus dem Militär. Es steht aber nicht geschlossen hinter ihm und ein klassischer Putsch ist darum nicht besonders wahrscheinlich. Gewaltsame Ausschreitungen in irgendeiner anderen Form seien aber durchaus möglich.  

Brasilien-Wahl: Gute Chancen für Lula

Woran die Bürgerinnen und Bürger in Brasilien ihre Wahlentscheidung schlussendlich festmachen, ist unterschiedlich. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass viele von ihnen dazu tendieren, den Kandidaten zu wählen, von dem sie sich persönlich die größten, finanziellen Vorteile erhoffen. „Viele Brasilianer sind eigentlich unpolitisch“, bestätigt auch Franzen. Während vor vier Jahren viele Brasilianerinnen und Brasilianer unbedingt die Arbeiterpartei abwählen wollten, gäbe es nun wieder viele Menschen, die aufgrund der Erinnerung an eine wirtschaftlich stabilere Zeit für Lula stimmen möchten.   

Dessen Chancen stehen gut. In allen aktuellen Umfragen liegt Lula weit vorne. Einige sagen sogar Voraus, dass er bereits im ersten Wahlgang mehr als 50 Prozent der Stimmen erreichen könnte und ein zweiter Wahlgang so überflüssig würde. „Im Wahlkampf kann aber noch viel unerwartetes passieren“, gibt Niklas Franzen zu bedenken. In den vergangenen Jahren habe es oft unerwartete Ereignisse gegeben, die die Wahl entscheidend beeinflussten.

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