1. Startseite
  2. Politik

Brasilien-Wahl: Deutsche Konzerne drücken Bolsonaro die Daumen

Erstellt:

Von: Nail Akkoyun

Kommentare

Über einen Sieg des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro bei der Stichwahl in Brasilien würde sich vor allem der Agrarsektor freuen. Das aber gilt auch für große Teile der deutschen Wirtschaft.

Brasilia/Berlin – Brasilien steht vor einem Scheideweg: Am Sonntag (30. Oktober) gehen Präsident Jair Bolsonaro und sein Konkurrent Lula da Silva in die Stichwahl. Während der rechtspopulistische Amtsinhaber marktliberal regiert und mit Blick auf die Wirtschaft seit jeher Umweltschäden billigend in Kauf nimmt – unter dem Präsidenten hat die Rodung des Amazonas Rekordwerte erreicht – will Lula den brasilianischen Markt stärker regulieren. Darüber hinaus hat der Ex-Präsident den Klimaschutz zu einem zentralen Punkt seiner Wahlkampagne gemacht.

Während die Landwirtschaft in Brasilien blüht, leidet der Industriesektor. Viele Kaufleute scheuen sich vor der hohen Abgabenlast – tagesschau.de zufolge verlangt der Staat teilweise Importzölle von bis zu 100 Prozent. Trotz dessen legte der Wert der Einfuhren 2021 im Vergleich zum Vorjahr um 38,2 Prozent zu, der Wert der Exporte stieg um 34,2 Prozent. Das zeigen Zahlen der brasilianischen Wirtschaftsdatenbank Comexstat.

Da ist es wenig verwunderlich, dass ein Großteil der Unternehmer:innen in Brasilien auf eine zweite Amtszeit von Jair Bolsonaro hofft. Doch auch die deutsche Wirtschaft hat sich in der Vergangenheit den wirtschaftsliberalen Kurs des „Tropen-Trump“ zunutze gemacht – und könnte das weiterhin.

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro bei einem Treffen mit dem Nationalen Verband der Gemeinden im Palácio da Alvorada. (Archivfoto)
Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro bei einem Treffen mit dem Nationalen Verband der Gemeinden im Palácio da Alvorada. (Archivfoto) © Ton Molina/Imago

„Wunschkandidat der Märkte“: Deutsche Konzerne profitieren von Bolsonaros Wirtschaftskurs

Nach Amtsantritt im Jahr 2018 bezeichnete die Deutsche Bank den Rechtsextremisten Bolsonaro als „Wunschkandidaten der Märkte“, Unternehmen wie Volkswagen produzieren seit Jahren für den lokalen Markt in Brasilien. Konzerne wie Bayer profitierten in hingegen vom Landwirtschaftsboom im fünftgrößten Land der Erde: Unter Bolsonaro wurden allein im vergangenen Jahr mehr als 500 Pestizide zugelassen, von denen einige aktuell in der EU verboten sind. Die Regierung argumentiert, dass es nur auf Nachfrage der Landwirtschaftsunternehmen zu den Zulassungen kam.

Sollte Lula da Silva die anstehende Stichwahl in Brasilien gewinnen, könnte sich an dieser Front etwas ändern. Auch, weil dann nicht mehr der Ökonom Paulo Guedes als Wirtschaftsminister fungieren würde. Im Kabinett Bolsonaro sorgte Guedes etwa für die Privatisierung von Flughäfen und weiteren Staatsbetrieben. Weiter wurde eine Rentenreform zur Bremsung der Staatsverschuldung verabschiedet sowie gewisse Bereiche der Wirtschaft entbürokratisiert.

Lula hatte bereits angekündigt, die Privatisierung der Staatsbetriebe stoppen zu wollen. Auch die Flexibilisierung des Arbeitsrechts von 2017, die als eher arbeitgeberfreundlich gilt, soll rückgängig gemacht werden – falls der 77-Jährige am kommenden Sonntag triumphieren sollte.

Brasilien-Wahl: Lulas Wirtschaftspolitik ist zum Teil noch ungewiss

Brasilianische und deutsche Unternehmer:innen hoffen bei der Präsidentschaftswahl dementsprechend indirekt auf Jair Bolsonaro, im Grunde jedoch eher auf eine weitere Amtszeit von dessen Wirtschaftsminister Guedes. Das erklärte auch der Unternehmensberater Philipp Klose-Morero gegenüber tagesschau.de: „Wenn ich mich als Unternehmer jetzt entscheiden muss zwischen zwei Extremen, nehme ich eher denjenigen, bei dem ich weiß, wie sein Wirtschaftskurs sein wird. Und da hoffen eben viele auf den Liberalen Paulo Guedes.“

Sollte das EU-Mercosur-Abkommen künftig in Kraft treten – ein Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur – könnte die deutsche Wirtschaft noch enger mit Brasilien zusammenarbeiten. Greenpeace bezeichnet die Pläne als „Brandbeschleuniger für die Umweltzerstörung“. Angesichts der Tatsache, dass Europa seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs mit unzuverlässigen Rohstofflieferungen zu kämpfen hat, scheint das Abkommen heute aber nicht mehr unwahrscheinlich. (nak)

Auch interessant

Kommentare