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Brasilien: Geschichte und Gegenwart des größten Landes Lateinamerikas

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Von: Sandra Kathe

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Der Stadtteil Copacabana in Brasiliens zweitgrößter Stadt Rio de Janeiro ist einer der berühmtesten Orte in Brasilien (Archivfoto).
Der Stadtteil Copacabana in Brasiliens zweitgrößter Stadt Rio de Janeiro ist einer der berühmtesten Orte in Brasilien (Archivfoto). © Vanderlei Almeida/AFP

Brasilien ist in den Medien oft von seiner fröhlichen Seite zu sehen: mit Samba, Fußball und Karneval. Doch Probleme gibt es in dem Land seit seiner Entdeckung.

Brasília – Dafür, dass Portugiesisch heute mit über 230 Millionen Muttersprachler:innen zu einer der meistgesprochenen Sprachen der Welt gehört, dafür sorgen mitunter die über 212 Millionen Bewohnerinnen und Bewohner Brasiliens. Das Land, das flächenmäßig das größte Land Lateinamerikas ist und außer mit Chile und Ecuador mit jedem südamerikanischen Staat ein gemeinsames Stück Grenze teilt, ist seit den 2000er Jahren auch wirtschaftlich bedeutend gewachsen und hatte sich seitdem binnen Jahren vom Schwellenland zu einer vielversprechenden Volkswirtschaft entwickelt. Doch Korruptionsskandale und ein gespaltenes politisches Klima sorgen seit einigen Jahren wieder für neue Probleme.

BrasilienAmtlich: Föderative Republik Brasilien
Fläche8.515.770 Quadratkilometer
Bevölkerungszahlca. 212 Millionen
SprachePortugiesisch
HauptstadtBrasilia
WährungReal
Staats- und RegierungsformPräsidentielle Republik
PräsidentJair Bolsonaro

Dass hier heute Portugiesisch gesprochen wird, begründet sich auf der europäischen Kolonialgeschichte – die ganz zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Entwicklung des Landes zu seiner heutigen Form angestoßen hat. Mit der Landung des portugiesischen Seefahrers Pedro Álvares Cabral im April 1500 an der Küste des heutigen Bundesstaats Bahia nahm hier wie in nahezu allen Winkeln des globalen Südens die Kolonialgeschichte ihren Lauf. Dass Portugal, das sich in Verhandlung mit Spanien überwiegend Gebiete in Afrika und Asien gesichert hatte, überhaupt ein Anrecht auf ein weiteres Kolonialgebiet in Südamerika hatte, kam eher zufällig aufgrund der Aufteilung der bisher unbekannten Gebiete im heutigen Lateinamerika zustande.

Brasiliens historische Entwicklung: Indigene Völker verlieren Lebensraum

Vor der Kolonialisierung durch Portugal lebten auf dem Gebiet, das heute als Brasilien mit 8,5 Millionen Quadratkilometern fast die Hälfte der Fläche Südamerikas ausmacht, laut der Schätzung von Historiker:innen fünf bis sechs Millionen Menschen, die unzähligen indigenen Stämmen angehörten. Ähnlich wie in der Geschichte der USA sorgte auch in Brasilien die Kolonalisierung aus Europa binnen kürzester Zeit für einen massiven Bevölkerungsrückgang. Die Menschen, die in der „neuen Welt“ zu Hause waren starben an eingeschleppten Krankheiten, wurden versklavt, ermordet und aus ihrem Lebensraum gedrängt.

Offiziellen Angaben zufolge lag die niedrigste Bevölkerungszahl in der indigenen Bevölkerung Brasiliens mit 100.000 in den 1950er Jahren. Heute sollen rund 410.000 Nachkommen von Brasiliens Bevölkerung aus der Vor-Kolonialzeit im Land leben – die meisten von ihnen in „Terras Indígenas“ genannten „Schutzgebieten“ im Bereich der Amazonas-Regenwälder. Zudem sind in Brasilien weitere über hundert Völker nachgewiesen, die gänzlich ohne Kontakt zur Außenwelt leben. Und das wohl aus gutem Grund, denn das Leben normalisiert sich für die Angehörigen indigener Gemeinschaften trotz Wachstum des verschwindend geringen Bevölkerungsanteils (etwa 0,2 Prozent) längst nicht. Und neue Entwicklungen wie die zerstörerische Umweltpolitik von Präsident Jair Bolsonaro verschärfen ihre Probleme seit Jahren.

Brasilien als „Melting Pot“ der Kulturen: Vor allem Europäer prägten das Land

Da sich Brasilien über die Jahrhunderte ähnlich zum „Melting Pot“ entwickelt hat wie in Nordamerika die USA lassen sich kaum klare Angaben mehr zu Abstammungsanteilen der heutigen Bewohner:innen Brasiliens mehr machen, doch fest steht, dass die heutige Bevölkerung Brasiliens vor allem auf vier Personengruppen zurückgeht. Die Nachkommen der portugiesischen Kolonialist:innen, Afrobrasilianer:innen, die aufgrund der Versklavung ihrer Vorfahren zwischen 16. und 19. Jahrhundert im Land geboren wurden, Nachkommen europäischer und asiatischer Auswander:innen sowie der indigenen Minderheit. Massenauswanderung nach Brasilien gab es im 19. und 20. Jahrhundert vor allem aus Italien, Deutschland, Japan und Korea.

Obwohl über die Hälfte aller Brasilianer:innen mindestens einen Vorfahren mit afrobrasilianischen Wurzeln hat, gibt es im Land ein nicht unerhebliches Rassismusproblem, das sich mit der Politik des amtierenden und als rassistisch, homophob und frauenfeindlich geltenden Präsidenten Jair Bolsonaro weiter verschärft hat. Die soziale Schere zwischen den Hautfarben in Brasilien ist enorm und von den Bewohner:innen der Favelas genannten Armutsviertel in den Städten ist der überwiegende Anteil von Schwarzer Hautfarbe. Das mittlere Alter in der sehr jungen Bevölkerungsstruktur Brasiliens beträgt gerade einmal 31,1 Jahre, die Geburtenrate in dem Land ist zuletzt jedoch stark zurückgegangen.

Brasilien als Exil des portugiesischen Königshaus: Die Geschichte des Landes

Das Territorium Brasiliens wurde in den ersten Jahrhunderten nach Eintreffen der Portugiesen heftig umkämpft, zunächst zwischen den Kolonialisten und der indigenen Bevölkerung, dann jedoch auch nach Konflikten mit niederländischen und spanischen Truppen. Die wollten selbst Kontrolle über das Gebiet übernehmen, das die portugiesischen Entdecker „Brasil“ genannt und um 1580 faktisch komplett unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Inspiration für den Namen waren die großen Bestände von Brasilholz an der Küste des Landes, das in früheren Jahrhunderten durch seine rote Farbe als Färberpflanze Einsatz fand. Die Farbe gab dem Brasilholz auch seinen ursprünglichen Namen: Das portugiesische Wort „brasa“ heißt so viel wie Glut.

Im Jahr 1807 nach dem Angriff napoleonischer Truppen auf Portugal floh die portugiesische Königsfamilie ins Exil nach Brasilien, wodurch der Auslandshandel der damaligen Kolonie seinen Anfang nahm. König João VI ging im Jahr 1821 nach Portugal zurück und überließ seinem Sohn Pedro die Herrschaft über Brasilien. Der ließ in Brasilien 1822 die Unabhängigkeit von Portugal verkünden und machte sich wenige Tage später zum ersten Kaiser des Landes Pedro I. In der damaligen Haupt- und Residenzstadt Rio de Janeiro wird auch aus diesem Grund noch heute eine Sprachvariante des brasilianischen Portugiesisch gesprochen, die in Feinheiten an die Aussprache in Kontinentalportugal erinnert.

Politische Entwicklung in Brasilien: Vom Kaiserreich zur Militärdiktatur

Bis zur Herrschaft von dessen Sohn Pedro II. gab es im brasilianischen Kaiserreich immer wieder Konflikte mit Nachbarstaaten wie Paraguay, Uruguay und Argentinien, die teils zu blutigen Kriegen führten. Nach inländischen Unruhen nach dem offiziellen Verbot der Sklaverei 1888 verließ die Kaiserfamilie das Land und zog ins Exil nach Frankreich, was zur Gründung der Republik Brasilien im Jahr 1889 führte, die bis 1930 andauerte und als Rebública Velha (Alte Republik) bezeichnet wird. 1930 kam mit Getúlio Vargas ein Mann an die Macht, der die politischen Verhältnisse in Brasilien von einer Kaffee- und Kautschuk-Oligarchie hin zum Sozialismus wandelte, 1937 den so genannten Estado Novo (Neuer Staat) ausrufen ließ und die Geschicke des Landes erst als „wohlwollender Diktator“, dann als gewählter Präsident führte.

Während Vargas Herrschaft entstand auch ein Großteil der Pläne, nach denen die 1960 eingeweihte Plan-Hauptstadt des Landes Brasília gebaut wurde. Deren Planung war bereits Ende des 19. Jahrhunderts begonnen worden. Kurz nach dem Umzug der Staatsgeschäfte aus Rio de Janeiro in die zentral gelegene Hauptstadt wurde der damalige Präsident João Goulart durch einen Militärputsch aus dem Amt entfernt und das Land wurde bis 1985 Militärdiktatur, die Brasilien neben schwerwiegenden sozialen und gesellschaftlichen Problemen auch politische und wirtschaftliche Krisen brachte, die teils bis heute nachwirken.

Vor der Brasilien-Wahl 2022: Soziale und politische Probleme quälen das Land

Die größten Städte Brasiliens sind São Paulo (12,2 Millionen Einwohner:innen), Rio de Janeiro (6,7 Millionen Einwohner:innen) und Brasília und Salvador (Bahia) mit je fast drei Millionen Einwohner:innen. Vor allem hier, aber auch in vielen anderen großen Städten, ist die Schere zwischen Arm und Reich, die seit Jahrzehnten für gesellschaftliche Probleme sorgt, deutlich zu sehen. Die Armutsviertel sind von Gewalt und Elend geprägt, dort wo die Polizei nach Jahren des Ignorierens der Favelas vermehrt Präsenz zeigt, nehmen die Probleme durch Racial Profiling teils mehr zu als ab.

Auch Korruption von Politiker:innen ist in Brasilien ein alltägliches Thema, das allein die letzten drei längeren Präsidentschaften fundamental prägte. Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (2003 bis 2011 im Amt) wurde beim Versuch einer erneuten Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2018 – mutmaßlich fälschlicherweise – der Korruption beschuldigt, inhaftiert und nach der Wahl nachträglich freigesprochen, seine Nachfolgerin Dilma Rousseff (2011 bis 2016) wurde aufgrund eines Korruptionsskandals einiger ihrer Regierungsmitglieder aus dem Amt gedrängt. Auch der Rechtspopulist Jair Bolsonaro (seit 2019) stand bereits mehrfach unter Korruptionsverdacht.

Bildungspolitik und Religion in Brasilien: Soziale Faktoren beeinflussen auch die Wahl

Ein wichtiges Thema in Brasilien ist die Religion: Viele Menschen in dem Land sind – und zwar unabhängig, ob arm oder reich – tief gläubig. Vom historisch starken Katholizismus in Brasilien, der von den Jahren 1960 bis 2010 von 91 auf 64,6 Prozent gesunken ist, wandern viele Gläubige zur in Brasilien besonders stark ausgeprägten Pfingstbewegung oder den über 35.000 evangelischen und evangelikalen Freikirchen ab. Die Kirchen in Brasilien zeichnen sich etwa auch dadurch aus, dass sie viele soziale Aufgaben übernehmen, für die in der Politik durch die lang anhaltenden Krisenjahre immer weniger Geld vorhanden war.

Das ist nicht nur im sozialen Bereich ein Problem, auch Bildung und Gesundheit leiden immer mehr unter problematischen finanzpolitischen Entscheidungen, die im Land seit Jahrzehnten zu Problemen führen und den Aufstieg vom Schwellenland zur Wirtschaftsnation deutlich gebremst haben. Prominente Beispiele für Projekte, mit denen sich das Land finanziell übernommen hat, waren zuletzt die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2014 sowie der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro. Im Bildungsbereich sowie dem von der Zikavirus-Epidemie sowie der Corona-Pandemie geschwächten Gesundheitssektor kommt es immer wieder zu lautstarken Protesten und Streiks.

Brasilien unter Jair Bolsonaro: Kann sich der amtierende Präsident in der Wahl behaupten?

Zur Besserung der vielen Probleme trägt auch die aktuelle Politik unter dem „brasilianischen Trump“ Jair Bolsonaro wenig bei. Von ihm angeordnete Sicherheitsreformen haben das Leben in den Favelas durch potenzielle Polizeigewalt, wenn überhaupt, noch gefährlicher gemacht, während seiner laxen Corona-Politik verloren über 600.000 Brasilianer:innen ihr Leben.

Auch die Umweltkatastrophe, die in Brasilien seit Jahren droht, hat sich durch den die Klimakrise leugnenden Bolsonaro weiter verschärft. Wie das brasilianische Forschungsinstitut INPE berichtet, sollen sich die Rodungen von Regenwaldflächen unter Bolsonaro unter seiner Präsidentschaft mehr als verdoppelt haben. Wegen der Zerstörung des Lebensraums indigener Völker gab es gegen Bolsonaro sogar Anzeigen beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

Am 2. Oktober 2022 steht in Brasilien erneut eine Präsidentschaftswahl an, bei der Jair Bolsonaro erneut gegen seinen alten Widersacher, den Arbeiterpartei-Politiker Lula da Silva, antreten wird. Ähnlich wie Donald Trump in den USA macht Bolsonaro bereits lange im Vorfeld der Wahl die Theorie möglicher Wahlfälschungen vor, es wird befürchtet, dass er eine Niederlage trotz seiner anhaltend schlechter Zustimmungswerte nicht akzeptieren könnte. Bei einem öffentlichen Auftritt 2021 machte der amtierende brasilianische Präsident deutlich: „Es gibt drei Möglichkeiten für meine Zukunft: Entweder ich werde ins Gefängnis gesteckt, ermordet oder wiedergewählt“. (Sandra Kathe)

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