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Brasiliens Wahlen vorerst ohne Gewinner – aber mit Verlierern

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Von: Lukas Zigo

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Meinungsforschern sind Fehler bei den Umfragen zur Präsidentschaftswahl in Brasilien unterlaufen. Das Vertrauen in sie sinkt derweil.

Brasilia – Die erste Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahlen geht ohne einen Sieger zu Ende. Einen großen Verlierer gibt es dennoch bereits: Die Meinungsforschung. Die Umfragen in Brasilien sahen den linken Herausforderer Luiz Inacio Lula da Silva in den Wochen vor der Wahl zwischen 7 und 17 Prozentpunkte vor dem rechten Präsidenten Jair Bolsonaro. Einige deutetet gar darauf hin, dass er bei der Abstimmung am Sonntag (02. Oktober 2022) eine Stichwahl am 30. Oktober vermeiden kann. Dies traf nicht ein.

Präsidentenwahl in Brasilien
Jair Bolsonaro, Präsident von Brasilien, der für eine weitere Amtszeit kandidiert, gibt während der Parlamentswahlen seine Stimme ab. © Andre Coelho/dpa

Als die Brasilianer ihre Stimmen abgaben, betrug Lulas Vorsprung vor Bolsonaro jedoch nur etwas mehr als fünf Prozentpunkte, sodass es zu einer unerwartet spannenden Stichwahl zwischen den beiden kam. In einigen Senats- und Gouverneurswahlen übertrafen Bolsonaro Verbündete die Meinungsumfragen um mehr als 20 Prozent.

Nach den großen Enttäuschungen bei den Wahlen in den USA und dem Brexit-Referendum in Großbritannien 2016, bei denen die Umfragen das Ausmaß der konservativen Stimmung nicht erkennen konnten, lässt das Ergebnis vom Sonntag in Brasilien die Meinungsforschungsinstitute einmal mehr den Kopf schütteln.

Brasilien: Meinungsforscher gestehen Fehler ein, „müssen dieser Diskrepanz mit Ehrlichkeit begegnen“

Der Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstitutes AtlasIntel, sagte, es sei ein mea culpa angebracht. „Der von Atlas vorhergesagte Unterschied von neun Punkten hat sich in den Ergebnissen als nur fünf Punkte herausgestellt“, schrieb er am Montag (03. Oktober 2022) auf Twitter. „Wir müssen dieser Diskrepanz mit Ehrlichkeit begegnen.“

Das Meinungsforschungsinstitut IPEC, das den größten Vorsprung vorausgesagt hatte, erklärte, seine Zahlen zeigten, dass Lula am Ende vorne liegen würde, aber eine Stichwahl sei keineswegs garantiert. In einer Erklärung führte das Unternehmen das bessere Abschneiden Bolsonaros darauf zurück, dass die Anhänger der weniger populären Kandidaten in letzter Minute ihre Stimmen gewechselt hätten. IPEC fügte hinzu, dass es seine Methodik in Bezug auf die Rennen auf Staatsebene analysiere.

Brasilien: Fehler bei Umfragen Ergebnis mehrerer Faktoren

Die Diskrepanz bei den Umfragewerten geht laut politischen Analysten auf mehrere Faktoren zurück. Einige davon seien spezifisch für Brasilien, andere spiegelten globale Trends wider. Als Rechtspopulist, der oft für seine Äußerungen über Frauen und Minderheiten kritisiert wird, hat Bolsonaro viele stille Unterstützer. Diese würden Meinungsforschern nur ungern sagen, dass sie einen so umstrittenen Hitzkopf unterstützen, sagte Creomar de Souza, Geschäftsführer von Dharma Political Risk.

Eben jenes Phänomen scheint auch dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump geholfen zu haben, die meisten Umfrageergebnisse bei den Wahlen 2016 und 2020 zu übertreffen.

Meinungsforscher: Brasilianische Gesellschaft verändert sich schnell

Die brasilianischen Meinungsforscher tappen darüber hinaus im Dunkeln. Aufgrund der Corona-Pandemie hat es seit 2010 keine nationale Volkszählung mehr gegeben. Dies macht es für die Unternehmen schwieriger, eine repräsentative Stichprobe von Befragten zu kalibrieren, so de Souza.

Die brasilianische Gesellschaft verändert sich schnell, wobei beispielsweise die rechtsgerichtete christliche Wählerschaft schnell wächst.

Brasilien: Lula könnte Opfer des eigenen Erfolges sein

Ein weiterer zu bedenkender Faktor sei, dass Lula ein Opfer seines eigenen Erfolges geworden sein könnte. Einige Umfragen der letzten Wochen zeigten, dass er seinen Vorsprung so weit ausbauen konnte, dass er in der ersten Runde einen klaren Sieg davontrug. Dies könnte konservative Wähler dazu verleitet haben, sich von zentristischen Parteien abzuwenden, um Bolsonaro zu unterstützen.

Lula hatte sich weitgehend geweigert, dies Umfragen zu kommentieren. Offenbar in dem Versuch, seine Basis zu mobilisieren – und zu vermeiden, dass die Konservativen mobilisiert werden – dies war jedoch wenig erfolgreich. „Es scheint, dass die taktischen Stimmen an Bolsonaro gingen“, sagte der Soziologe und Politikwissenschaftler Antonio Lavareda. Schließlich, so die Analysten, scheinen die Konservativen in Brasilien – wie auch anderswo – Meinungsforschern einfach zu misstrauen.

Brasilien: Meinungsforschung könnte sich in Teufelskreis befinden

Dies könnte bedeuten, dass sie die Meinungsforschung am Anfang eines Teufelskreises befindet. Einem, in dem die Konservativen sich weigern zu antworten, was dazu führt, dass die Umfragen die von ihnen favorisierten Kandidaten unterschätzen, was ihr Misstrauen nur noch verstärkt.

Einen Großteil seiner vierjährigen Amtszeit verbracht Bolsonaro damit, die großen Meinungsforschungsinstitute zu beschimpfen, und seine Verbündeten schlagen die Trommel erneut mit Nachdruck. Sein Stabschef Ciro Nogueira reif seine Anhänger dazu auf, die Meinungsforscher für den Rest der Wahl zu ignorieren.

„Nach dem Skandal, den sie begangen haben, haben alle Bolsonaro-Anhänger nur eine Antwort an die Meinungsforschungsinstitute: Reagieren Sie bis zum Ende der Wahl auf keines von ihnen!“ schrieb Nogueira am späten Sonntag (02. Oktober 2022) auf Twitter. „Sie haben sich absurd und kriminell geirrt. Nur eine umfassende Untersuchung kann aufdecken, was passiert ist.“ (lz)

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