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Selbst Kindern werden Abtreibungen verboten – Brasiliens Frauen hoffen jetzt auf die grüne Welle

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Von: Lisa Kuner

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Seit Jahren demonstrieren Frauen mit grünen Halstüchern in Südamerika gegen Gewalt und für das Recht auf Abtreibung, wie hier in Buenos Aires, Argentinien.
Seit Jahren demonstrieren Frauen mit grünen Halstüchern in Südamerika gegen Gewalt und für das Recht auf Abtreibung, wie hier in Buenos Aires, Argentinien. © Ronaldo Schemidt/afp

Brasilien ringt um das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche. Viele hoffen nun auf Aktivisten, die schon in anderen Ländern Lateinamerikas für eine Liberalisierung gesorgt haben.

Santa Catarina/Brasilien – „Kannst du nicht noch ein bisschen länger mit dem Baby in deinem Bauch aushalten?“ Das fragt im Mai dieses Jahres eine Richterin eine Elfjährige in Santa Catarina im Süden von Brasilien. Bei der Anhörung geht es um die Frage, ob das Mädchen das Recht hat, nach einer Vergewaltigung abzutreiben. Die Elfjährige ist zu dem Zeitpunkt in der 22. Schwangerschaftswoche.

Brasilien ist weit entfernt davon, Schwangerschaftsabbrüche liberal zu regeln. Brasiliens gut ausgebautes und öffentliches Gesundheitssystem erkennt zwar reproduktive Rechte– also das Recht, frei über den eigenen Körper zu entscheiden – an und verschafft kostenlosen Zugang zu verschiedenen Verhütungsmitteln. Abtreibungen sind dennoch illegal und werden mit bis zu vier Jahren Gefängnis bestraft. Ausnahmen sind sexueller Missbrauch, Vergewaltigung und Fälle, in denen das Leben der Mutter auf dem Spiel steht. „Leider ist die Gesetzgebung in diesem Punkt hier sehr strikt“, sagt die Anwältin Gabriela Rondon FR.de von IPPEN.MEDIA. „In anderen Ländern reicht es, wenn die Gesundheit der Mutter bedroht ist, hier muss sie wirklich in Lebensgefahr schweben.“ Rondon ist Anwältin und Co-Direktorin der Nichtregierungsorganisation „Anis – bioethisches Institut“ in Brasilien. Die Organisation setzt sich mit verschieden Kampagnen und Forschungen für reproduktive Rechte von Frauen ein.

Abtreibungen in Brasilien: Konservative Politiker und die Kirche spitzen Diskurs zu

Auch wenn Abtreibungen in Brasilien noch nie legal waren, in den vergangenen Jahren hat sich der Diskurs um das Thema zugespitzt. Konservative Politiker und die Kirchen setzen sie regelmäßig mit Mord gleich. „Auch das Gesundheitsministerium leugnet in Bezug auf Abtreibungen regelmäßig, was wir aus wissenschaftlichen Studien wissen“, sagt Gabriela Rondon.

Ein Fakt, den Studien immer wieder bestätigen ist, dass die Anzahl von Abtreibungen nicht sinkt, wenn sie illegal sind. Schwangere, die abtreiben müssen oder wollen, tun das im Zweifel auch in der Illegalität. Was sich aber verändert ist, wie sicher die Abtreibungen sind. „Wir wissen, dass in Brasilien nahezu jede zweite Frau nach einer Abtreibung wegen Komplikationen im Krankenhaus landet“, sagt Anwältin Rondon. Das sei weit mehr als im internationalen Durchschnitt und liege daran, dass sie aus Mangel an Alternativen auf unsichere Mittel zurückgreifen müsssten und bei medikamentösen Abbrüchen unter Umständen nicht richtig darüber aufgeklärt seien, wie der Abbruch durchzuführen sei. Treten nach einem Schwangerschaftsabbruch in Brasilien Komplikationen auf, trauen sich viele Frauen erstmal gar nicht, Hilfe zu suchen. Sie haben Angst, Krankenpfleger oder Ärzte könnten sie wegen des illegalen Abbruchs anzeigen.

„Es gibt eine große Unwissenheit rund ums Thema Abtreibung“, sagt Anwältin Rondon. „Vielen Menschen ist nicht klar, dass Schwangerschaftsabbrüche eine Gesundheitsleistung sind.“ Grundsätzlich gebe es in Brasilien viel zu wenig strategische sexuelle Aufklärung. Gerade im ländlichen Raum gebe es oft nicht genügend Zugang zu Informationen. Das betreffe nicht nur Abtreibungen, sondern beispielsweise auch Verhütungsmittel. „Es gibt Menschen, die keine Kupferspirale nutzen möchten, weil sie überzeugt sind, dass sei eine Art von Abbruch“, erklärt Rondon.

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Brasilien: Abtreibungen müssen teils gerichtlich erstritten werden

„Die Schlagzeilen von Kindern, denen die Abtreibung verboten wird, sind nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Rondon. In Wirklichkeit gebe es noch viel mehr ähnliche Fälle. Aufgrund der strengen gesetzlichen Regelungen oder auch aufgrund ihrer eigenen Überzeugungen würden viele Mitarbeiter des Gesundheitssystems davor zurückschrecken, Abtreibungen bei Lebensgefahr oder nach sexueller Gewalt vorzunehmen – besonders, wenn die Schwangerschaft schon weit fortgeschritten ist. „Dabei wissen wir, dass es gerade bei Kindern oft lange dauert, bis die Schwangerschaft entdeckt wird und sie sich Hilfe suchen“, sagt sie. Dass in einigen Fällen das Recht auf eine Abtreibung dann auch noch gerichtlich erstritten werden müsse, sei eine zusätzliche und unnötige Belastung für die Schwangeren. Außerdem führen Gerichtsprozesse zu kritischen Verzögerungen. „Jeder zusätzliche Tag erhöht das Risiko“, sagt Gabriela Rondon.

Auch im Fall der Elfjährigen in Santa Catharina zogen sich die gerichtlichen Auseinandersetzungen in die Länge, sie belasteten das Mädchen und dessen Mutter. Am Ende wurde der Abtreibung stattgegeben, weil eine Schwangerschaft in diesem Alter immer das Leben der Mutter bedrohe und gar nicht Ergebnis von Konsens sein könne. Schließlich sei ein Kind da noch gar nicht in der Lage, sexuellen Handlungen zuzustimmen, so die Argumentation.

Restriktive Gesetzgebungen in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche sind in vielen Ländern Lateinamerikas trauriger Alltag. Bis 2020 lebten 97 Prozent der Frauen auf dem Kontinent an Orten, an denen es keinen oder nur sehr eingeschränkten Zugang zu Abtreibung gab. In den meisten Ländern Lateinamerikas sind Abtreibungen unter bestimmten Bedingungen, beispielsweise nach einer Vergewaltigung oder bei Bedrohung des Lebens der Mutter, möglich. Allerdings nicht in Nicaragua, El Salvador, der Dominikanischen Republik, Haiti und Honduras – dort sind Abtreibungen vollständig verboten.

Länder mit sehr restriktiver Gesetzgebung zu Schwangerschaftsabbrüchen:

Abtreibungen in Lateinamerika: Schwangerschaftsabbrüche als Teil der Gesundheitsversorgung

Dennoch hat sich zuletzt einiges getan. Im Dezember 2020 entkriminalisierte als erstes Argentinien Abtreibungen. Mexiko folgte, in diesem Jahr zog auch Kolumbien nach. Der Entwurf der neuen Verfassung in Chile legt nahe, dass auch dort in Zukunft legale Abtreibungen möglich werden sollen.

Es sind Ergebnisse eines langen feministischen Kampfes. In Argentinien gab es seit 2005 eine Kampagne, die sich dafür einsetzte, Schwangerschaftsabbrüche als Teil der Gesundheitsversorgung zu sehen. Mit grünen Halstüchern gingen beispielsweise 2018 Hunderttausende dort auf die Straßen, um für reproduktive Rechte und gegen Gewalt gegen Frauen zu demonstrieren. Die sogenannte „grüne Welle“ gilt als hauptverantwortlich für den Wandel.

Abtreibungen in Brasilien: Hoffen auf die grüne Welle

Trotz der schwierigen aktuellen Situation in Brasilien hat die Anwältin noch Hoffnung: „Während es im politischen Diskurs Rückschritte gibt, liberalisiert sich die Meinung der Zivilbevölkerung “, sagt Rondon. Falls die aktuelle Regierung Brasiliens bei den Wahlen im kommenden Herbst abgewählt werde, gebe es auch mehr Möglichkeiten für strukturelle und gesetzliche Veränderungen. „Es gibt über viele lateinamerikanische Länder hinweg in feministischen Bewegungen ein gemeinsames Verständnis darüber, dass Abtreibungen als Gesundheitsleistungen behandelt werden sollten“, erklärt sie. Sie hofft deshalb, dass die grüne Welle bald auch in Brasilien ankommt.

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