KOMMENTAR

Brandruine im Wahlkampf

Wenn stimmt, dass Irak das wichtigste Thema im US-Wahlkampf ist, dann haben die amerikanischen Stimmbürger am 2. November die Wahl zwischen zwei Gauklern.

Von DIETMAR OSTERMANN

Wenn stimmt, dass Irak das wichtigste Thema im US-Wahlkampf ist, dann haben die amerikanischen Stimmbürger am 2. November die Wahl zwischen zwei Gauklern. Weder George W. Bush noch John Kerry schenken den Wählern reinen Wein ein. Kerry kann sich darauf berufen, das ganze Ausmaß der von Bush angerichteten Katastrophe noch nicht zu kennen. Aber auch der Herausforderer weiß, dass es schlimmer ist, als man im Wahlkampf selbst als Kandidat der Opposition zugeben kann. "Wie fragt man einen Mann, der letzte zu sein, der für einen Fehler stirbt", hatte der Marine-Leutnant Kerry nach der Rückkehr aus Vietnam gefragt. Heute findet der Kandidat nicht den Mut zu gleicher Konsequenz. Sein Vier-Punkte-Plan, der ausgerechnet auf die Europäer als Ersatz der überforderten Weltmacht setzt, hat keine Chance. Der Rückzug, den Kerry für die kommenden vier Jahre in Aussicht stellt, soll einer nach erfüllter Mission sein. Er ist so irreal wie die potemkinschen Fantasie-Erfolge, die Bush verkündet.

Bush freilich ist nicht nur unehrlich. Man kann ihn bewundern für seine Chuzpe, die Brandruine Irak im Wahlkampf und nun auch vor den Vereinten Nationen wider aller Fakten, aller Geheimdienst-Dossiers und besseren Wissens trotzig als stolze Errungenschaft zu verkaufen. Etwas weniger zynisch lässt sich festhalten, dass der Präsident von Anfang an seine Wiederwahl über Iraks Chancen auf eine stabile Zukunft gestellt hat. Und dass es deshalb heute um Ersteres besser bestellt ist als um Letzteres.

Sonst hätte Bush entweder mehr Truppen nach Irak schicken und für wirkliche Sicherheit sorgen müssen, als die Besatzer sich die letzten Sympathien noch nicht verscherzt hatten. Oder er hätte sich wie von Kerry gefordert zum Mea Culpa aufgerafft und die Weltgemeinschaft gebeten, retten zu helfen, was noch zu retten ist. Beides wäre in den USA nicht populär. Statt dessen blieb Bush auch bei seinem Auftritt vor der UN-Vollversammlung "on message" und wirkte nachgerade surreal. Die täglichen Entführungen, Enthauptungen, Bomben und Überfälle sind ja ebenso wenig Hirngespinste missgünstiger Kritiker wie die Tatsache, dass irakische Rebellenbanden selbst in Bagdad ganze Viertel kontrollieren. Irak libanisiert sich beschleunigt im entstandenen Machtvakuum, wie es viele auch in den USA befürchtet hatten.

Die entscheidende Frage, um die der US-Wahlkampf einen weiten Bogen schlägt, über die aber in Washingtons Denkfabriken, auf den Meinungsseiten der großen Zeitungen und hinter verschlossenen Türen auch unter Beratern beider Kandidaten längst diskutiert wird, ist, ob die Entwicklung Richtung Chaos überhaupt noch aufzuhalten ist - von wem und mit welchem Aufwand auch immer. Ein letzter Versuch mag die militärische Großoffensive sein, die Donald Rumsfeld fürs Jahresende angekündigt hat. Was sie aber bringen soll außer neuen Kämpfen und Zerstörung, ist nicht klar. Nach jeder US-Offensive waren die Aufständischen nur stärker. Der politische Prozess in Irak beschränkt sich ohnehin darauf, die Illusion jener Wahlen, die für Januar versprochen sind, noch ein wenig aufrechtzuerhalten. Über Januar hinaus weiß niemand weiter.

Der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird kurz nach Amtsantritt eine schicksalhafte Entscheidung treffen müssen. Bislang gilt die Parole, dass ein Rückzug in Irak alles nur noch schlimmer mache. Wenn es aber keine Aussicht mehr gibt, Irak von außen zu stabilisieren, ist ein Rückzug irgendwann das kleinere Übel. Die USA könnten zu der Ansicht gelangen, dass die Weltmacht es sich nicht leisten kann, auf Dauer ihre militärischen Kräfte und alle Energien in Irak zu binden. Die US-Wahl mag dann entscheiden, ob ein Präsident Bush oder ein Präsident Kerry seinen Landsleuten erklären muss, warum nach den Toten die Truppen heimkehren, ohne dass am Turm das Banner "Mission erfüllt" weht.

Dossiers: Der Kampf ums Weiße Haus und Irak nach dem Krieg

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