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Sie hat als jüngste Abgeordnete   im Bundestag für Wirbel gesorgt. Jetzt will Anna Lührmann im Sudan für Frauenrechte streiten.
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Sie hat als jüngste Abgeordnete im Bundestag für Wirbel gesorgt. Jetzt will Anna Lührmann im Sudan für Frauenrechte streiten.

Anna Lührmann

Botschafterin des Eigensinns

Die Grüne Anna Lührmann nimmt auch als Diplomaten-Gattin kein Blatt vor den Mund. "Ob Deutschland oder Sudan im Grunde kämpfen alle gegen die gleichen Missstände", sagt sie. Von Katharina Sperber

Von Katharina Sperber

"Heute ist es kühl in Khartum, so um die 30 Grad", sagt Anna Lührmann und lacht. In Anbetracht der Tatsache, dass es in der Hauptstadt des nordafrikanischen Wüstenstaates Sudan weit über 40 Grad heiß werden kann, hat die Ehefrau des deutschen Botschafters Recht. 30 Grad morgens um neun Uhr, das ist nicht ohne. Doch Lührmann ist hart im Nehmen und im Austeilen.

Das wird möglicherweise auch noch der Präsident des Sudan merken. Seit dem Frühjahr wird Omar al-Baschir wegen der ihm angelasteten Kriegsverbrechen in der südlichen Provinz Darfur mit internationalem Haftbefehl gesucht. Und Anna Lührmann hat schon immer die Stimme erhoben, wo sie Ungerechtigkeiten erkannte. Das wird sie auch in ihrer neuen Rolle als Botschafter-Gattin nicht ändern, verspricht sie.

Schon 2002, nachdem Anna Lührmann gleich nach dem Abitur als jüngste Abgeordnete aller Zeiten in den Bundestag eingezogen war, hatte sie für Rabatz gesorgt. Die damals 19-Jährige plädierte dafür, dass Rentner auch mal verzichten sollten, und zwar auf weitere Rentenerhöhungen. Ein Sturm der Entrüstung fegte durchs Land. Vor allem ältere Semester beschimpften Lührmann als unverschämt und verlangten gar, für Abgeordnete "ein Mindestalter von 25 Jahren einzuführen, damit eine gewisse Lebenserfahrung und sittliche Reife" im Parlament herrsche.

Der Jungstar der Grünen mit der markanten Brille erklärte daraufhin, er wolle nicht die Alten rupfen, sondern "Generationengerechtigkeit". Die Jungen finanzierten die heutigen Renten, wollten aber sichergehen, dass sie dereinst in Altersruhegeld bekämen, von dem sich auch leben ließe. Damit erfüllte Lührmann genau die Rolle, die ihr von ihrer Partei zugedacht worden war: Das Küken sollte andere Küken in den überalterten Parteistall holen.

"Ob Deutschland oder Sudan im Grunde kämpfen alle gegen die gleichen Missstände"

Inzwischen ist Anna Lührmann flügge geworden. Sie hat in zwei Legislaturperioden im Bundestag Lebenserfahrung gesammelt und ist in der nun zu Ende gegangenen Wahlperiode im Haushaltsausschuss sittlich reif geworden. Sie hat an der Fernuni Hagen ihren Bachelor-Abschluss in Politik- und Organisationswissenschaften abgelegt und hat eine einjährige Tochter.

Die Parlamentarierin kandidiert nicht noch einmal, sondern ist nun ihrem 28 Jahre älteren Ehemann in den Sudan gefolgt: Rainer Eberle ist dort deutscher Botschafter. Kein leichter Posten in einem vom Bürgerkrieg beherrschten Land, dessen Regierung wegen ihrer Unterdrückungspolitik seit Jahren international in der Kritik steht.

Verhandlungen in einem solchen Umfeld erfordern viel diplomatisches Fingerspitzengefühl. Und welche Rolle wird dort die Ehefrau des Botschafters spielen? Eine Frau, die mit dem Slogan "Machen statt meckern" auftritt, stets frank und frei ihre Meinung kundtut und die bisher auf Partei- oder Staatsräson herzlich wenig gab?

Sie will sich in ihrer Wahlheimat bei internationalen und sudanesischen NGO´s engagieren, für Frauenrechte und Umweltschutz werben und bei den Vereinten Nationen mitarbeiten. Wird sie Kritik üben, wenn sie auf Missstände stößt? "Warum denn nicht?", fragt Lührmann. Sie sei ein freier Mensch. "Ich spreche ja nicht im Namen Deutschlands. Ich werde keine Rücksicht nehmen, nicht auf die deutsche Regierung, nicht die sudanesische, nicht auf meinen Gatten." Ihr Mann mache seinen Job und sie den ihren. Basta.

Sie ist sich gewiss, dass sich das Bild einer Diplomaten-Gattin wandeln wird und sie könnte auch da wieder Trendsetterin sein. Nur Bella Figura auf Cocktail-Empfängen oder schicke Fundraiserin zu sein, das ist für Lührmann zu wenig.

Derzeit lernt sie die arabische Sprache denn nach Lührmanns Auffassung gebietet es der Respekt vor dem Gastland, die Landessprache verstehen und sprechen zu können. Und sie wird wieder studieren an der größten Frauenuniversität Afrikas, an der "Ahfad" in Khartum.

Dort hat sie sich am Institut für Gender Studies eingeschrieben. Wie bitte? Gender Studies, die Forschung über Geschlechtergerechtigkeit ausgerechnet im Sudan einem Land, in dem die Sittenpolizei Frauen schon vor Gericht zerrt, wenn sie in Jeans im Café sitzen?

Anna Lührmann lacht ihr glockenhelles Lachen. Sie weiß, dass die Kombination Gender Studies und Sudan in Deutschland abenteuerlich klingt. Sie habe auch nicht gedacht, dass sie in Khartum studieren würde. Aber das Leben sei eben unberechenbar.

"Natürlich ist die Diskriminierung von Frauen im Sudan krasser und offensichtlicher als in Deutschland", sagt sie. "Aber im Grunde kämpfen wir alle gegen die gleichen Missstände und Vorurteile." Im Sudan drohe man Frauen, die sich mit Frauenthemen beschäftigen, mit der Ehelosigkeit "und in Deutschland haben Feministinnen auch kein gutes Image".

Lührmann schließt eine Rückkehr in die Politik nicht aus. Doch für die nächsten Jahre wird der Sudan ihre Heimat sein. Und sie will ein zweites Kind. Dann wird ihre Offenheit das Auswärtige Amt nicht nur ins Schwitzen bringen, sondern es wird auch seinem Botschafter Elternzeit einräumen müssen wie jedem Vater. Darauf wird seine Frau bestehen.

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