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Die "Kathedrale des Sozialismus" im Kyritzer Lügenmuseum.
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Die "Kathedrale des Sozialismus" im Kyritzer Lügenmuseum.

Ehrenamt

Botschafter des Fantastischen

Die Bundesregierung möchte stärker fördern, was Künstler Zabka lebt: das bürgerschaftliche Engagement. Zabka hat mit dem Lügenmuseum ein Gesamtkunstwerk erschaffen.

Von NINETTE KRÜGER

Die Landschaft gleicht einem Idyll. Grillen zirpen, eine Hummel brummt, ein Kätzchen schläft auf einem Holztisch in der Sonne. Keine Menschenseele weit und breit. In der ländlichen Gegend der Ostprignitz, mit baufälligen Häusern, verlassenen Bahnhöfen und bunten Heidewiesen liegt abgelegen ein Museum. Früher war es mal ein Schloss, heute ist es ein Refugium der Fantasie: das Lügenmuseum.

Auf 400 Quadratmetern hat dort der Künstler Reinhard Zabka aus unfassbar vielen Objekten ein Gesamtkunstwerk installiert. Maximalismus nennt der 58-Jährige gebürtige Erfurter die "geschlossene Linie" des Werkes, geboren als künstlerische Replik auf die Mangelwirtschaft der DDR - die Heimat in seinen ersten 39 Lebensjahren.

Personal kann sich Zabka nicht leisten, doch hat er einen Mitarbeiter: es ist Andreas, 43 und arbeitslos. Der gelernte Nachrichtentechniker kümmert sich ehrenamtlich "um allet, wat so anfällt". "Besser als jarnüscht oder sich betrinken", sagt er und beginnt auf Politiker zu schimpfen, die nicht wüssten, was es heißt, arbeitslos zu sein. Ohne Leute, die sich freiwillig engagieren, würde "dat Ding sowieso nüscht loofen".

"Dat Ding" sind eigentlich hunderttausend Dinge, angehäuft in 20 Jahren, platziert in zwölf Räumen samt Freskogalerie und großem Skulpturengarten. Ehrenamtliche, Künstler, Aussiedler aus Bosnien und Afrika, junge Leute, die ein freiwilliges ökologisches Jahr absolvierten - alle packten an und bekamen, wenn überhaupt, ein Taschengeld. Für die gemeinnützige Arbeit am Museum habe er in all den Jahren immer wieder Menschen gewinnen können, erzählt Zabka.

Das Lügenmuseum sei dazu da, Rätsel aufzugeben, betont Zabka. Die Ausstellung selbst ist ein schräges Feuerwerk für die Sinne. Die Besucher passieren kosmische Kuhfladen, es rattert und rüttelt, eine Trommel schlägt. Reste einer Liebesinsel tun sich auf, gefolgt von einem Ragout von Wahrheit und Lüge. Schrauben, Spielzeug, Knöpfe, Schlüssel, Besteck, Licht und Spiegel, alles bewegt sich, es muht und kräht und raschelt, Einmachgläser leuchten. Sehnsucht, Traum, Erinnerung, der korrodierende Aufschwung Ost - all das nehmen die bizarren Werke thematisch auf, die von verschiedenen nationalen und internationalen Künstlern zusammengesetzt, geklebt und gebaut worden sind. Die mechanisch angetriebenen "Sachen", Zabka nennt sie "psychedelische Maschinen" eines Künstlers im Widerstand, sind ebenso genial, wie einfach.

Teil der Subkultur der DDR

Den Pflichtdienst in der Nationalen Volksarmee (NVA) verweigerte Reinhard Zabka, seine künstlerische Karriere Ende der siebziger Jahre fand so ein jähes Ende. Damals gehörte er zur Subkultur und Künstler-Boheme des Prenzlauer Bergs im Berliner Osten. Als Dissident "von Partei und Stasi unterwandert", blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit Gelegenheitsarbeit durchzuschlagen.

Er organisierte illegal Künstlerevents und Straßenfeste, erste Rauminstallationen entstanden in dieser Zeit, Ausstellungen und Konzerte sowie experimentelle Workshops kamen dazu. Fortan machte sich Zabka mit seiner dadaistisch-absurden Kunst politisch unangreifbar, weil keiner sie verstand. 1980 ging er von Berlin weg, zog aufs Land, ins kleine brandenburgische Dorf Babe und baute dort ein Kunsthaus auf, der Vorläufer des heutigen Lügenmuseums. Nach der Wende, erzählt Zabka, habe er sein Atelier in Babe zum Museum erklärt und internationale Künstler eingeladen. Zabka zeigte seine Sammlung im Ausland, reiste zu Kunstsymposien.

Mitte der neunziger Jahre bot ihm die Wohnungsbaugenossenschaft der Stadt das verfallene Gutshaus in Gantikow zur Nutzung als Museum an. "Mein Fehler war, dass ich nicht darauf bestanden habe, einen Etat zu bekommen." Von der Stadt bekommt Zabka heute keinen Cent, manchmal werden einzelne Projekte gefördert. Er selbst lebt vom Eintrittsgeld, 200 bis 300 Euro im Monat auf "sehr niedrigem Niveau".

Ein seit Jahren andauernder Rechtsstreit mit dem heutigen Eigentümer - Zabka musste wegen, teils selbst verschuldeter, finanzieller Schwierigkeiten verkaufen - ist zwischenzeitlich in einen bizarren persönlichen Kleinkrieg entartet, es geht um Mietforderungen, Pfändungsversuche, Verleumdung. "Ich bin offiziell gekündigt und lebe unter feindlichen Bedingungen, ich kann das Gästehaus nicht mehr benutzen, für Sonderausstellungen bekomme ich keine Genehmigung. Dass ich noch existiere, ist ein Wunder." Die finanzielle Realität drückt die Stimmung, Grund zur Hoffnungslosigkeit besteht nicht. "Ich greife auf die Erfahrung aus dem Widerstand in der DDR zurück und lebe als Künstler meine Insolvenz öffentlich aus."

Zabka wirkt zufrieden, er lebt mit seiner dreifarbigen Katze Mieze und ein paar Hühnern, trägt Sandalen mit dicken Wollsocken, die Haare zu einem Zopf gebunden und begrüßt jeden Besucher persönlich. 6000 sind es im Jahr, "das ist viel", sagt Zabka, andere Museen in der Region kämen nur auf die Hälfte. "Trotz aller Schwierigkeiten, war das Museum in den vergangenen 19 Jahren nicht einmal geschlossen", erzählt er.

Kultur als einzige Perspektive

Kyritz im Nordwesten Brandenburgs hat 9900 Einwohner, eine hübsche historische Altstadt, ein Gymnasium und keine Arbeitsplätze. Warum steht das Lügenmuseum dort, im strukturschwachen brandenburgischen Niemandsland, aus dem die jungen Leute abwandern? Die Kultur, sagt Zabka, "ist eben die einzige Perspektive für die Region".

So ist er stets dabei, Kulturanbieter zu vernetzen, schaut, wo Entwicklungspotenzial verborgen liegt, inszeniert weiter Festivals und Kunstprojekte. "Ich träume davon, dass das Lügenmuseum die Region belebt und ich in Gantikow einen kleinen wirtschaftlichen Standort aufbauen kann, mit Trödelmarkt und Café." Er will "das kreative Potenzial der Provinz" fördern. "Am liebsten", sagt Zabka, "wäre ich der Kulturbotschafter der Region."

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