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Der Boss knöpft sich die Wall Street vor

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Am Puls der Zeit: Bruce Springsteen.
Am Puls der Zeit: Bruce Springsteen. © Sony Music / Danny Clinch

Bruce Springsteen will singen wie Bob Dylan, immer am Puls der Zeit. In seinem neuen Album „Wrecking Ball“ wettert er gegen Banker und erzählt, welche Schäden die katholische Erziehung bei ihm hinterlassen hat.

Von Martin Scholz

Bruce Springsteen will singen wie Bob Dylan, immer am Puls der Zeit. In seinem neuen Album „Wrecking Ball“ wettert er gegen Banker und erzählt, welche Schäden die katholische Erziehung bei ihm hinterlassen hat.

Näher als einen halben Meter wagt sich, trotz des Gedrängels der Journalisten, niemand an Bruce Springsteen heran. Natürliche Autorität. Da steht er, lässig in schwarzen Jeans, schwarzem Hemd und Anzug an der Bar im Théatre Marigny an den Champs Elysées in Paris.

Der 62-Jährige war nach Paris gekommen, um etwas zu machen, auf das er sonst meist verzichtet – mit der Presse sprechen. Im großen Saal des Theaters hatte sich Springsteen den Fragen europäischer Journalisten gestellt.

Mr. Springsteen, Ihr neues Album „Wrecking Ball“ ist ein wütendes Pamphlet gegen die Gierigen der Wall Street, zugleich porträtieren Sie in vielen Songs die Opfer der Finanzkrise. Ist es hilfreich für einen Rock-Sänger, wenn er sich mit viel Wut im Bauch an die Arbeit macht?

Es kann im Rock ’n’ Roll nie schaden, wenn du stinksauer bist. Und ja, die erste Hälfte des Albums ist von besonders wütenden Songs geprägt. Die meisten dieser Lieder entstanden 2008, zu Beginn der gewaltigen Finanzkrise.

Damals verloren in den USA viele Menschen ihre Häuser, darunter auch Freunde von mir. Was mich aufregte war: Niemand schien dafür verantwortlich zu sein. Es gab keinen Aufschrei der Empörung, keine Stimmen des Protestes, wie sie erst später durch die Occupy-Bewegung laut wurden.

Was hat die Occupy-Bewegung Ihrer Ansicht nach bewirkt?

Occupy war deshalb sehr kraftvoll, weil es erstmals die Ungleichheit in der Gesellschaft so angesprochen hat, dass es jetzt die nationale Debatte bestimmt. Das war vorher nicht möglich gewesen. Alle Versuche, diese Debatte über Ungleichheit und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu führen, wurden durch die Rechte, vor allem durch die Tea-Party-Bewegung abgewürgt.

Das hatte Obama enorm unter Druck gesetzt. Jetzt wird überall darüber diskutiert. Und warum? Weil die Menschen auf die Straße gegangen sind. Es funktioniert.

Woran machen Sie das fest?

Zum Beispiel daran, dass der Republikaner Newt Gingrich seinen Parteikollegen Mitt Romney als „Finanz-Geier“ beschimpft. Das wäre vor Occupy nicht vorstellbar gewesen. Jetzt werden die Debatten in den USA zu 99 Prozent von diesem Thema bestimmt. Das ist wichtig.

In Ihren neuen Songs werden die „Bad Banker“ als „Fat Cats“ gescholten, oder Sie fordern: „Send the robber barons straight to hell“.

Weil sie uns unserer Ideale und Werte beraubt haben. Die Gier dieser Leute richtete sich gegen alles, wofür die amerikanische Idee steht. Ich habe in meinen Songs immer versucht, das Ideal des amerikanischen Traums mit der amerikanischen Realität abzugleichen. Ich wollte immer wissen, wie weit liegen Vision und Wirklichkeit auseinander?

Sie bringen in dem Kontext die Flagge mit ins Spiel, als Symbol für die Besinnung auf patriotische Werte, die bei Ihnen immer auch menschliche sind.

Patriotismus und Bilder wie das der US-Flagge, werden oft von der Rechten für sich beansprucht. Ich fordere sie zurück. Das habe ich auch in früheren Songs schon gemacht.

Aber auch Ihr kritischer Patriotismus ist von den Konservativen vereinnahmt worden. Das populärste Beispiel war Ihr Song „Born In The USA“, der die Geschichte eines Vietnam-Heimkehrer erzählt. Ronald Reagan hatte den Song 1984 vor allem auf seinen schlagkräftigen Titel reduziert. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen das mit neuen Songs auch passieren könnte?

Man darf keine Angst haben, solche Metaphern, solche Symbole, zu benutzen. Sehen Sie, wenn ich so einen Song schreibe, mache ich mir dazu viele Gedanken. Ich bin sehr um Präzision bemüht, formuliere mit Bedacht und Klarheit. Wenn ich ihn dann veröffentliche, müssen sich die Hörer ihre eigene Meinung dazu bilden.

Und wenn sie den Inhalt komplett anders deuten?

Dann haben sie vielleicht nicht genau hingehört, sollten sich vielleicht noch ein zweites Mal gründlicher damit beschäftigen. In vielen meiner Lieder gibt es unterschwellig diese patriotischen Gefühle. Es ist aber immer eine sehr kritische, eine infrage stellende, manchmal wütende Form des Patriotismus. Und ich will das nicht aufgeben, dazu bin ich nicht bereit – nur weil irgendjemand meine ursprünglichen Aussagen vereinfachen oder missverstehen könnte.

Wenn ich Songs schreibe, bin ich ehrlich. Das ist wohl auch der Grund, warum es zwischen mir und meinen Fans seit Jahrzehnten diese intensive Verbindung gibt. Ich möchte mit meinen Liedern, Körper und Geist ansprechen. Ich möchte in den Songs aufsaugen, was gerade in der Gesellschaft, auf den Straßen passiert. Das habe ich an Bob Dylan immer bewundert. Das will ich auch erreichen.

"Die Bush-Regierung war so furchtbar, dass ich etwas tun musste"

Mr. Springsteen, Sie haben im vergangenen Wahlkampf Barack Obama unterstützt, gaben für ihn Konzerte, traten gemeinsam mit ihm auf. Werden Sie jetzt wieder für ihn singen?

Ich bin in diese Kampagnen-Tätigkeit ja eher zufällig hineingeraten. Vor 2004 hatte ich nie einen Politiker mit Kampagnen unterstützt. Aber die Bush-Regierung war so furchtbar, dass ich damals einfach etwas tun musste.

Ich konnte nicht einfach nur weiter herumsitzen. Also unterstützte ich den Demokraten John Kerry und dann vier Jahre später Barack Obama. Dass Sie mich nicht missverstehen: Ich bedauere das keineswegs. Aber ich bin deshalb kein Kampagnen-Profi, der das jetzt alle vier Jahre macht.

Ich stehe lieber an der Seitenlinie des politischen Spielfelds. Ich bin eher sowas wie ein Kanarienvogel in der Kohlengrube, so eine Art Frühwarnsystem. Das ist die Rolle von Künstlern, eine gewisse Distanz zu den Mächtigen zu halten und diese zu beobachten.

Wie fällt Ihre Bilanz von Obamas Amtszeit aus? Stehen Sie inhaltlich immer noch hinter ihm?

Obama hat vieles in Bewegung gesetzt und erreicht – er hat General Motors am Leben gehalten, was enorm wichtig für Detroit und den Bundesstaat Michigan war. Er hat die Gesundheitsreform durchgesetzt. Er hat Osama bin Laden getötet. Das war sehr wichtig.

Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass es ihm schon früher gelungen wäre, mehr Jobs zu schaffen. Die Arbeitslosenzahlen sind zuletzt zwar ein bisschen gesunken, aber noch immer auf einem viel zu hohen Niveau. Des Weiteren hatte ich mir erhofft, dass Guantanamo inzwischen geschlossen wäre.

Mr. Springsteen, wenn Sie ein neues Album veröffentlichen, erwartet man von der „Stimme Amerikas“ nicht nur neue Hits, sondern auch so was wie gesungene Kommentare zur Lage der Nation. Belasten Sie diese hohen Erwartungen eigentlich?

Sie meinen, ob es mich bedrückt, wenn ich abends in meinem riesigen Haus im Bett liege und über das schwere Leben sinniere, das ich führe? (lacht) Eher nicht. Sehen Sie, ich führe ein gesegnetes Leben und bin mir dessen bewusst. Wenn ich schreibe, dann über Erfahrungen und Entwicklungen, die mich interessieren.

Wenn ich den Eindruck habe, ich habe etwas zu sagen, dann sage ich es auch. Aber grundsätzlich schreibe ich in erster Linie für mich. Ich versuche, die Welt zu verstehen, in der wir leben.

Neben den politischen Inhalten, arbeiten Sie in den Songs mehr als früher zahlreiche religiöse Motive ein. Wenn Sie beispielsweise davon singen, dass der Glaube belohnt wird. Denken Sie mit 62 heute öfter als früher über die eigene Sterblichkeit nach?

Nein. Das kommt daher, weil ich als Kind eine Art katholische Gehirnwäsche durchgemacht habe. Und wenn du in dieser Kirche mal drin warst, zieht es dich immer wieder dahin zurück. Sie wissen schon: Einmal Katholik, immer Katholik.

In der Schule hatte ich in den ersten acht Jahre einen sehr religiös geprägten Unterricht. Dann lebten wir eine Zeit lang noch direkt neben einer Kirche. Da bekam ich alles sehr direkt mit. Ich sah jede Hochzeit, jede Beerdigung, jede Messe, immer wieder Priester und Nonnen, die kamen und gingen. All das hat mir damals sehr anschaulich den Sinn des spirituellen Lebens vermittelt. Mit meinem Sex-Leben war das damals allerdings etwas schwer zu vereinbaren – aber das geht schon in Ordnung (lacht).

Eines der sehr spirituell geprägten neuen Lieder, „In The Land Of Hope And Dreams“, ist das letzte, auf dem Ihr langjähriger musikalischer Partner, Saxofonist Clarence Clemons, noch mitspielte. Er starb im vergangenen Jahr an den Folgen eines Schlaganfalls. Ist es seltsam, nun ohne ihn zu spielen?

Ich vermisse ihn. Ich habe Clarence das erste Mal getroffen, als ich 22 war. Er war damals um die 30. Mein Sohn ist jetzt 22, fast noch ein Kind. Ich war damals auch noch ein Kind, als ich den „Big Man“ traf, fing gerade an, erwachsen zu werden. Die Freundschaft zu ihm war für mich elementar. Es hatte gar nicht mal damit zu tun, wie wir miteinander sprachen, sondern wie wir aufeinander reagierten. Wenn wir zusammen waren, passierte irgendetwas.

Clarence feuerte meine Vorstellungskraft, meinen Traum an. Ich wollte immer Songs schreiben, in dem sein Saxofon-Sound zur Geltung kam. Sein Tod war für mich ein großer Verlust, es ist so, als müsste ich künftig ohne den Regen oder ohne die Luft leben. Aber so ist das: der Tod ist Teil des Lebens. Und diese Strömungen erfassen dich auch in der Traum-Welt des Pop. Du kannst dem nicht entkommen.

Sie nehmen seinen Neffen, Jake Clemons, mit auf Tournee, der ebenfalls Saxofon spielt. Wie kam es dazu?

Jake hatte seinen großen Onkel 1988 erstmals Saxofon spielen gehört, fing dann später selbst an, zu spielen. Vor ein paar Jahren hatte mir Clarence gesagt: „Du, der Junge spielt richtig gut.“ Jake hatte uns zuletzt öfter auf Tourneen begleitet, die Band kennengelernt, und er hat verstanden, was eine Band ausmacht.

Jake und ich, wir waren mit Clarence zusammen, in der Woche als er starb. Durch ihn habe ich weiterhin eine musikalische und spirituelle Verbindung zu Clarence.

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