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„Achtung Minen!“ steht auf diesem Schild.

Landminen

Bosniens tödliche Ernte

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Am 4. April ist der internationale Aktionstag gegen Landminen. Auf dem Balkan fordern Sprengsätze auch 25 Jahre nach Kriegsende noch Tote und Versehrte.Heute ist der internationale Aktionstaggegen Landminen. Auf dem Balkan fordern Sprengsätze auch 25 Jahre nach Kriegsende noch Tote und Versehrte.

Dichtes Gestrüpp ist über die Hinterlassenschaften des Krieges gewachsen. Zentimeter um Zentimeter tasten sich die fiependen Detektoren der Minensucher in ihren blauen Schutzanzügen über den steinigen Grund inmitten der wuchernden Natur.

Die Vegetation sei das größte Hindernis, sagt Einsatzleiter Smail Zuban – und falsche oder fehlende Lagepläne die größte Schwierigkeit bei der Räumung von Landminen. Oft ließen sich in den Plänen vermerkte Orientierungspunkte auch gar nicht mehr finden. Die Informationen von Anwohnern oder von ehemaligen Soldaten seien zwar eine wichtige Hilfe: „Aber oft finden sich selbst die Leute, die die Minen gelegt haben, nicht mehr zurecht. Die Vegetation wächst und wächst – und verändert viel.“

Prom-1-Springmine.

Weit schweift der Blick von der Anhöhe unweit von Hodovo über die kargen Weiten der Herzegowina. Wegen der strategischen Bedeutung des Hügels bei der Kontrolle der Straße von Mostar nach Trebinje hatten sich während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 sowohl die kroatischen Streitkräfte der HVO als auch der Armee der bosnischen Serben (VRS) in dessen Flanken eingegraben. Der über freigelegtes Geröll stapfende Minenräumer der britischen Hilfsorganisation MAG weist auf die überwucherten Reste eines Unterstands.

Der von der serbischen VRS erstellte Lageplan über das von ihr 1992 angelegte Minenfeld sei zwar relativ genau, schätzt Zuban. Doch zwischen den eingezeichneten Tretminen hätten seine Mitarbeiter von der kroatischen HVO zusätzlich gelegte Springminen gefunden: „Diese Minen töten noch immer: Durch sie sind seit dem Krieg die meisten Minenräumer gestorben.“

Weltweit wird die Zahl der unter der Erdoberfläche vergrabenen Antipersonenminen auf 50 Millionen geschätzt. Auch Bosnien macht das heimtückische Erbe der Balkankriege 25 Jahre nach deren Ende weiterhin zu schaffen. Zwar sind nach Angaben der Behörde für die Landminenräumung (BHMAC) seit 1997 rund 70 000 Minen vernichtet worden und die reine Fläche der Minenfelder hat sich von 4200 auf 1000 Quadratkilometer reduziert. Doch eine halbe Million Bosnier, fast 15 Prozent der Bevölkerung, werden noch immer von Minen bedroht.

„Uns verbindet das Holz“, sagt einer der an der Tankstelle am Ortseingang von Doboj wartenden Frührentner – und klopft lachend auf seine Beinprothese. Nur kurz war der heute 46-jährige Zoran Panic aktiver Soldat gewesen, bevor er auf eine „Pastete“, eine konservenförmige Tretmine, stieß. 1992 war das, als der damals 18-jährige Forstschüler sein rechtes Bein verlor: „Ich war verzweifelt, fragte mich, ob ich jemals wieder laufen, funktionieren und eine Familie haben könnte.“

Minen kennen „keine Religionen oder Nationen“, sagt der heutige Familienvater und Aktivist des Amputiertenverbands (Udas) im Teilstaat der Republika Srpska: „Sie machen keinen Unterschied, ob Soldaten oder Zivilisten, Kinder oder Erwachsene, ein Hasan oder Ivan auf sie treten. Zu Opfern der Minen werden alle. Das Problem ist, dass sie sehr lange ihre blutigen Spuren hinterlassen: Sie töten nicht nur im Krieg, sondern auch danach.“

Trump fantasiert von „intelligenten Minen“

164 Staaten haben die Ottawa-Konvention zur Ächtung von Landminen unterschrieben – nicht aber die Großmächte USA, Russland und China. Im Februar hob US-Präsident Donald Trump sogar den von Vorgänger Barack Obama 2014 verfügten Bann zur Nutzung von Minen wieder auf. „In außergewöhnlichen Umständen“ sollten die US-Streitkräfte „forschrittliche Landminen“ einsetzen können, die aus der Ferne deaktiviert werden könnten, ließ das Weiße Haus wissen: Dem Militär müsse zu genau der „Flexibilität“ verholfen werden, „die es zum Siegen braucht“.

Trumps Landminenpolitik sei ein „Todesurteil für Zivilisten“, ärgert sich die Hilfsorganisation „Handicap International“: 54 Prozent der Opfer weltweit seien Kinder. Die Vorstellung von „intelligenten Minen“ sei absurd: „Die einzige sichere Landmine ist die, die man nicht produziert.“

Minensucher.

Bosnien ist dafür ein immer noch aktuelles Beispiel: Seit 1996 verloren 673 Bosnier durch Landminen ihr Leben, 1769 wurden teils schwer verletzt. Auch 55 Minenräumer kamen ums Leben. Allein in der Region Doboj habe es seit dem Krieg 98 Unglücke mit Landminen gegeben, und 36 Zivilisten kamen ums Leben, zählt der Aktivist Panic auf. Und nicht selten werfe dann der Schock des Verlustes eines oder beider Beine – oder anderer Verstümmelungen – die Opfer aus der Bahn: „Häufig sind sie die Ernährer ihrer Familien und befanden sich schon zuvor in einer schweren Lage und gerieten deshalb beim Holz- oder Pilzsammeln in vermintes Gelände.“ Zivilisten, die durch Minen verstümmelt werden, erhielten eine noch geringere Invalidenpension als Kriegsversehrte, die mit umgerechnet 250 Euro im Monat über die Runden kommen müssen, sagt Panic. Wie Amputierte ihr Trauma überwinden, hänge nicht nur von Hilfsleistungen, sondern auch vom Einzelnen und der Unterstützung durch die Familie ab: „Das größte Problem ist die Isolation, wenn man sich nach so einem Schlag in sich und seine Wohnung zurückzieht.“ In Doboj verhinderten sie das, indem man einen Sitzvolleyballclub gründete. Panic: „Der Sport hat uns geholfen, uns aufzurichten und Amputierte in ganz Bosnien und anderen Ländern kennenzulernen.“

Rote Warnschilder säumen die bereits geräumten Gassen im Minenfeld. Wie ein umgekippter Campingkocher liegt dort eine ausgebuddelte, zwischen Steinen eingeklemmte Springmine „Prom-1“ aus original jugoslawischer Produktion nach deutschem Vorbild („S-Mine“). Tritt man auf eine aus dem Boden ragende Lasche oder zerrt an ihr mittels eines Stolperdrahtes, springt der Hauptteil der Mine einen guten halben Meter in die Luft und spannt einen in der Minenbasis verankerten Draht, wodurch der Minenkörper fragmentiert und Hunderte Metallsplitter verstreut, die in einem Umkreis von 50 Metern alles zerstören. Das Ganze dauert eine Sekunde. Minenräumer Zuban sagt: „Die Frage ist dann nur, wie viele Menschen sich in der Umgebung der Mine befinden. Bei ihr gibt es keine Überlebenden.“

Es fehlt an Geld und Interesse fürs Minenräumen

Um eine Mine zu legen, braucht es nur ein paar Minuten. Es braucht aber Generationen, die tückischen Relikte der Kriege zu beseitigen. Seit 1995 werden in Bosnien Landminen geräumt. Bis 2019 sollte das Land minenfrei sein. BHMAC spricht nun von 2025 als neuem Zieldatum, andere halten 2060 für realistischer.

Gassen in einem unwegsamen Minenfeld.

Es fehle zunehmend am Geld für die Minenräumung, sagt Zoran Panic. „Wir sind für die Spender nicht mehr so interessant. Sie sind weitergezogen – auf andere Schlachtfelder.“ Auch BHMAC-Sprecherin Svjetlana Luledzija nennt den „finanziellen Faktor“ als einen Grund, warum die Minen langsamer als erhofft geräumt werden: „Wir könnten 30 bis 35 Quadratkilometer pro Jahr säubern, aber schaffen nur zehn bis 15, weil weniger Leute beschäftigt werden.“

Da Bosnien weitgehend aus dem Blickfeld der Weltöffentlichkeit geraten ist, engagiert sich die global agierende Hilfsorganisation MAG dort verstärkt seit 2018. Neben den USA und Schweden sei Deutschland in Bosnien ihr größte Sponsor, berichtet Clement Meynier, Direktor des MAG-Landesbüros in Sarajevo: „Im Winter operieren wir in der wärmeren Herzegowina, im Sommer im Norden des Landes.“

Geld für die Minenräumung ist in dem politisch zerrissenen und fragilen Vielvölkerstaat allerdings „nicht das Hauptproblem“, meint Meynier. Ein „flexiblerer Einsatz“ von Minenräumern, Suchhunden und Maschinen könnte die Arbeit „erheblich beschleunigen“: „Aber es fehlt auch am politischen Willen, dem Einsatz und der Entschlossenheit, den Standard der Minenräumung zu modernisieren.“

Ein kühler Wind streicht über das Minenfeld in Hodovo. Vor 23 Jahren sei er „eher zufällig“ Minensucher geworden, erzählt der studierte, aber beschäftigungslose Ökonom Zuban: „Es gab für Vertriebene nach dem Krieg kaum Arbeit.“ Doch längst sei ihm sein riskanter Broterwerb „ins Blut gegangen“: „Wir arbeiten, um unsere Familien zu ernähren. Aber es geht bei diesem Job nicht nur ums Geld. Wenn man eine Mine findet, von der man weiß, dass sie früher oder später noch Menschen töten könnte, ist das einfach eine große Genugtuung.“

Von Thomas Roser

Die EU-Kandidaten im Südosten des Kontinents orientieren sich immer mehr an China und Russland. Die Mächtigen auf dem Balkan scheinen Europa nur vorführen zu wollen.

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