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Bosnien und Herzegowina: Geografie, Geschichte und Bevölkerung eines zerrissenen Landes

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Von: Julia Schöneseiffen

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Das heutige Bosnien und Herzegowina hat sich nach der Auflösung Jugoslawiens und dem Bosnienkrieg gebildet. Alle Infos im Überblick.

Sarajevo – Bosnien und Herzegowina liegt in Südosteuropa und war einst Teil von Jugoslawien. Nach Bosnien und Herzegowinas Unabhängigkeitserklärung brach im Jahr 1992 ein Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Bevölkerungsteilen des Landes aus. Erst durch den Dayton-Vertrag wurde Bosnien und Herzegowina zu einem ungeteilten, souveränen Staat. Doch noch heute ist das Land von innenpolitischen Spannungen geprägt. Diese und eine komplexe politische Gliederung haben unter anderem Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit der Regierung.

LandBosnien und Herzegowina
HauptstadtSarajevo
Fläche51.209 Quadratkilometer
Einwohnerzahletwa 3,4 Millionen Einwohner (Stand: 2021)
Drei HauptbevölkerungsgruppenBosniaken, Kroaten, Serben

Bosnien und Herzegowina: Geografie und Bevölkerung

Bosnien und Herzegowina liegt mit einer Gesamtfläche von 51.209 Quadratkilometern in Südosteuropa. Hauptstadt und zugleich größte Stadt des Landes ist Sarajevo. Im Jahr 2021 lebten rund 3,3 Millionen Menschen in Bosnien und Herzegowina. Das Land ist vollständig von ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens umgeben: Kroatien im Norden und Westen, Serbien im Osten und Montenegro im Süden.

Große Teile des Landes sind von Mittelgebirgen bedeckt. Der höchste Berg ist der Maglić mit 2.386 Metern. Da mehr als die Hälfte von Bosnien und Herzegowina bewaldet ist, weist das Land eine reichhaltige Tier- und Pflanzenwelt auf. Das bosnische Wetter schwankt zwischen Extremen. So kann es im Winter bis zu -20 Grad Celsius werden, während es im Sommer wegen Hitze und ausbleibendem Regen oft zu Trockenheit und Dürre kommt.

An einem Haus in der Sarajewo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, hängt eine Flagge des Landes.
In Sarajewo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, leben rund 343.000 Menschen (Stand: 2021). © Armin Durgut / Pixsell / IMAGO

Die Geschichte von Bosnien und Herzegowina: Illyrer, Osmanen und die Weltkriege

Das heutige Bosnien und Herzegowina wurde schon früh besiedelt. Archäologische Funde dokumentieren eine Hochkultur zwischen 5.500 und 4.500 vor Christus.

In der Bronzezeit ließen sich die Illyrer am Balkan nieder. Sie betrieben Viehzucht und etwas Acker- und Bergbau. Zudem handelten die Illyrer mit Silber. Später wurde das Gebiet Teil des Römischen Reichs, bevor es im 15. Jahrhundert dem Osmanischen Reich angegliedert wurde. Die Osmanen brachten schließlich den Islam in das heutige Bosnien und Herzegowina.

Nach dem Sieg der Russen gegen die Osmanen 1878 wurde die Region der Habsburger Monarchie unterstellt. Aus dem wachsenden Wunsch zur Unabhängigkeit kam es zum Attentat auf den Thronfolger Franz-Ferdinand in Sarajevo. Der Erste Weltkrieg brach aus. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Bosnien und Herzegowina Teil von Jugoslawien und blieb bis zur Auflösung im Jahr 1990 eine sozialistische Teilrepublik Jugoslawiens.

Die Unabhängigkeit von Jugoslawien: Bosnien und Herzegowina stürzt in einen Bürgerkrieg

Nach einem Referendum wurde das unabhängige Bosnien und Herzegowina ausgerufen. Doch zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen herrschte Uneinigkeit. Die Mehrheit der Bosniaken und der kroatischen Volksgruppe unterstützte die Gründung des neuen Staates. Die meisten der in Bosnien lebenden Serben aber befürworteten den Verbleib im jugoslawischen Staat. Sie boykottierten das Referendum und zahlreiche bosnisch-serbische Politiker riefen eine „serbische Republik“aus. Es kam zum Bürgerkrieg: der Bosnienkrieg begann im April 1992.

Der Krieg gegen den neuen Staat und die multinationale Gesellschaft wurde mit größter Brutalität geführt: Die Politik der „ethnischen Säuberung“ der bosnoserbischen und bosnokroatischen Nationalisten beinhaltete Zerstörungen, Vertreibungen und Massenmord. Ziel war es, ethnisch homogene Gebiete zu schaffen. Mehr als 100.000 Menschen wurden durch die Kämpfe getötet.

Bosnienkrieg: Dayton-Vertrag beendet den Bürgerkrieg

Erst durch das Eingreifen der Weltgemeinschaft fand der fast vier Jahre andauernde Bosnienkrieg ein Ende. Im Friedensabkommen von Dayton, welches unter der Vermittlung der USA zustande gekommen war, einigten sich die Kriegsparteien auf ein neues Bosnien und Herzegowina. Der Dayton-Vertrag erklärt Bosnien und Herzegowina zu einem ungeteilten, souveränen Staat.

Aufbau und Bevölkerung des Staates Bosnien und Herzegowina

Das neue Bosnien und Herzegowina setzt sich seit dem Abkommen aus zwei Teilrepubliken (Entitäten) zusammen. Dabei wurde der Gesamtstaat sehr schwach gehalten und stark dezentralisiert.

Dies sind die zwei Entitäten:

Außerdem gibt es im Norden des Landes den kleinen Distrikt Brčko, der offiziell zu beiden Entitäten gehört, de facto aber als eigenes Sonderverwaltungsgebiet funktioniert.

Alle Staatsbürger Bosnien und Herzegowinas bezeichnet man offiziell als Bosnier. Dabei lassen sich drei Hauptbevölkerungsgruppen identifizieren:

Des Weiteren leben 17 weitere anerkannte Minderheiten wie beispielsweise Juden oder Roma in Bosnien und Herzegowina. Im Jahr 2020 lebten 51 Prozent der Bürger:innen auf dem Land; 49 Prozent in der Stadt.

Auf gesamtstaatlicher Ebene wurden ein Zwei-Kammer-Parlament, ein dreiköpfiges Staatspräsidium (entsprechend der drei Hauptbevölkerungsgruppen), ein Ministerrat, ein Verfassungsgericht und eine Zentralbank eingerichtet. Allerdings besitzen diese gesamtstaatlichen Institutionen nur wenige Kompetenzen.

Kompetenzen, die bei den gesamtstaatlichen Institutionen liegen:

Alle weiteren Kompetenzen liegen bei den Entitäten Föderation von Bosnien und Herzegowina (FBiH) und Republika Srpska (RS).

Bosnien und Herzegowina: Das sind die Staatspräsidenten seit den Wahlen 2018

2006 fanden die ersten freien Wahlen im neuen Bosnien und Herzegowina statt. Dennoch konnte bislang keine Einigung innerhalb der Politik des Landes erzielt werden. Die EU, USA und Russland, die noch immer in Bosnien und Herzegowina vertreten waren, beschlossen einen Hohen Repräsentanten oder eine Hohe Repräsentantin auf unbestimmte Zeit in dem zerrissenen Staat einzusetzen.

Bei allen seither durchgeführten Wahlen gab es Diskussionen über einen möglichen Wahlbetrug und zum Teil jahrelange Gespräche bis zur Regierungsbildung. Bei den Wahlen im Oktober 2018 gingen die nationalistischen Parteien SDA und SNSD als klare Sieger hervor. Eine neue Regierung kam aber erst nach 10 Monaten im August 2019 zustande.

Seit der letzten Wahl sind die folgenden Staatspräsidenten im Amt:

Stand: September 2022

Die drei Staatspräsidenten wechseln sich regelmäßig im Vorsitz ab. Regierungschef von Bosnien und Herzegowina ist der Vorsitzende des Ministerrats Zoran Tegeltija. (Stand: September 2022)

Die Abspaltung der Republika Srpska

Milorad Dodik, bosnisch-serbisches Mitglied des dreiköpfigen Staatspräsidiums, verfolgt seit Sommer 2021 den Rückzug aus den gesamtstaatlichen Institutionen und damit eine Abspaltung der Republika Srpska. Im Dezember 2021 hat das Parlament alle seit 1995 vollzogenen Kompetenzübertragungen auf den Gesamtstaat rückgängig gemacht und die Gründung eigener Institutionen beschlossen. Am 2. Oktober 2022 wählt Bosnien und Herzegowina ein neues Parlament und Staatspräsidium.

Bosnien und Herzegowina und die EU

Am 15. Februar 2016 hat Bosnien und Herzegowina offiziell einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt. Doch aufgrund der innerbosnischen Machtkämpfe sind die Aussichten auf den Beginn von Beitrittsverhandlungen gering.

Die Wirtschaft von Bosnien und Herzegowina: Hohe Arbeitslosigkeit und Abwanderung

Die offizielle Landeswährung ist die Konvertible Mark. Der Wert der Konvertiblen Mark ist im festen Verhältnis an den Euro gebunden, der ein weitverbreitetes Zahlungsmittel in Bosnien und Herzegowina ist.

Bosnien und Herzegowina hat mit einer hohen Arbeitslosenquote zu kämpfen. Im Jahr 2019 lag diese bei 16 Prozent – die Jugendarbeitslosenquote wird sogar doppelt so hoch geschätzt. Dies führt zu einer starken Abwanderung, insbesondere der jungen Bevölkerung. Die Corona-Krise hat die wirtschaftliche Lage zusätzlich verschärft. Bereits im Juni 2020 sollen schätzungsweise 30.000 Menschen ihre Arbeit verloren haben.

Neben der hohen Arbeitslosenquote ist auch das BIP ein Beleg der schwachen Wirtschaft Bosnien und Herzegowinas. Im Jahr 2021 lag nach Angaben der Weltbank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Bosnien und Herzegowina bei 22,57 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem pro-Kopf-BIP von knapp 7.000 US-Dollar. Zum Vergleich: In Deutschland lag das BIP 2021 bei 4,22 Billionen US-Dollar, das pro-Kopf-BIP bei rund 50.000 US-Dollar. (jsch)

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