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Bosnien hat ein Salafisten-Problem

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Arabische Touristen wandern auf einer Alm bei Fojnica.
Arabische Touristen wandern auf einer Alm bei Fojnica. © REUTERS

In Bosnien und Herzegowina lehren Salafisten den radikalen Islam. In Feriendörfer für Araber werden Millionen investiert - die Finanzströme sind alles andere als transparent.

Von Adelheid Wölfl

Es war einst eine sozialistische Vorzeigeinstitution: Das „Haus der Jugend“ in Sarajevo wurde 1969 in funktionellem Beton und Glas gebaut. Ein halbes Jahrhundert später treten dort am Sonntagabend statt Rockbands zuweilen Salafisten auf. Der Mann mit dem dichten Bart hat den Saal gefüllt. Hier wird nicht mehr die Gleichheit der Bürger und Geschlechter gelehrt – Männer und Frauen müssen getrennt sitzen. Sie lauschen andächtig den Worten des Predigers und stellen keine Fragen.

Almir Kapic weiß genau, wo es langgeht. Er spricht von der „schönen Tradition des Islam“, die anders sei als in Frankreich. Zur „schönen Tradition des Islam“ gehöre etwa, dass Männer und Frauen, die nicht verwandt sind, nicht in einem Raum sein dürften. Frauen sollten zudem den Schleier tragen. Tatsächlich sind die meisten, die hierhergekommen sind, verschleiert. Es sind auch Frauen zu sehen, die den Niqab, den Ganzkörperschleier tragen – was in Bosnien-Herzegowina vor dem Krieg (1992–1995) kaum vorstellbar war.

Kapic weiß, wo er Pausen setzen soll, wie man die Dramaturgie eines Vortrags gestaltet. Sein Anliegen ist kein spirituelles, sondern ein gesellschaftlich-politisches. Der Westen wolle „uns“ zwingen, dass die Hochzeit von Gleichgeschlechtlichen erlaubt werde, wettert er.

Der Westen sei gegen den Islam, denn der Islam sei nun aus den Moscheen herausgekommen. Kapic spricht positiv über Saudi-Arabien und die Türkei, er plädiert gegen einen EU-Beitritt. Und er verweist auf die drohende „Strafe“, falls das Volk den Koran nicht akzeptiere und vom Glauben abfalle. Diese Strafe Gottes könnte die Menschen bereits im diesseitigen Leben treffen. Dann kämen etwa schlechte Politiker an die Macht, warnt er.

Der Begriff „Abfall vom Glauben“, im Koran „ridda“ genannt, wurde ursprünglich für die Rebellion arabischer Stämme während des Kalifats von Abu Bakr (573–634) verwendet. In diesem Zusammenhang wird auch die damals geforderte Todesstrafe für die „Abgefallenen“ genannt. Die in Bosnien-Herzegowina traditionell verankerte Hanafi-Schule des Islam klassifiziert „ridda“ nicht als ein Vergehen, für das eine gottgewollte Strafe vorgeschrieben ist, erläutert Ahmet Aliba?ic von der Islamischen Fakultät in Sarajevo. Ganz anders sehen das aber die Salafisten.

Prediger wie Kapic sind auf dem Balkan beliebt. Ins „Haus der Jugend“ in Sarajevo sind Leute aus der Mittelschicht gekommen, jung, konservativ, aber keine Außenseiter. Die religiöse Rechte hier erinnert an Bewegungen wie die Tea Party in den USA. In das ideologische Vakuum, das nach dem Ende des Sozialismus entstand, drangen nationalistische und religiöse Strömungen vor. Liberale und säkulare Bosnier fühlen sich von ihnen bedroht. Es ist mittlerweile „normal“ geworden, dass Männer im öffentlichen Gesundheitswesen aus „religiösen“ Gründen keine Frauen behandeln wollen – oder umgekehrt Patientinnen sich von ihnen nicht berühren lassen wollen. In öffentlichen Institutionen werden Gebetsräume und Gebetszeiten eingefordert. Der Streit zwischen den Säkularen und den Religiösen wird lauter.

In einer Gesellschaft, die ohnehin so wenig gemeinsame Identitätsmöglichkeiten für die Bürger bietet wie Bosnien und Herzegowina, können religiös-politische Bewegungen spalten. Der politische Islam fördert das Misstrauen zwischen jenen mit orthodoxen Namen, jenen mit katholischen und jenen mit muslimischen Namen. Die islamische Glaubensgemeinschaft distanziert sich von Predigern wie Almir Kapic. Man habe mit der Veranstaltung nichts zu tun, sagt Muhamed Jugo vom Rijaset, dem Sitz des Großmufti in Sarajevo.

Tatsächlich wurden viele salafistische Prediger in den Golfstaaten ausgebildet. „Dann werden sie nach Bosnien zurückgeschickt, um zu missionieren, oft ohne die speziellen kulturellen Merkmale des Islam in Bosnien anzuerkennen“, erklärt der Wissenschaftler Vlado Azinovic, der sich seit vielen Jahren mit islamischem Extremismus auseinandersetzt. „Die finanzielle Unterstützung für dieses Bestreben, das vor allem den Reichtum und die Tradition einer ethnischen Identität auf eine rein religiöse reduzieren und begrenzen will, kommt meistens aus dem Ausland“, so Azinovic. Allerdings nicht über das reguläre Bankensystem.

Er betont, dass nicht alle Salafisten gewaltbereit seien. „Die gewaltbereitesten befinden sich nicht einmal in Bosnien, sondern agieren von anderen Staaten aus, meisten aus der EU.“ Die offizielle Islamische Glaubensgemeinschaft, die 1882 unter österreichisch-ungarischer Okkupation begründet wurde, habe praktisch keinen Einfluss auf sie.

Die meisten Muslime in Bosnien-Herzegowina fürchten sich vor dem radikalen und politischen Islam. In den letzten zwei Jahren, seit immer mehr Touristen aus den Golfstaaten nach Bosnien kamen, äußerten viele ihre Bedenken, dass der Salafismus dadurch stärker werden könnte. Vollverschleierte Araberinnen werden in Sarajevo abfällig „Ninjas“ – nach den japanischen Kriegern – genannt. Und über die Feriendörfer für die Araber auf den bosnischen Almen wird mit viel Misstrauen getratscht.

Das größte solche Projekt – eine Investition über 2,3 Milliarden Euro aus den Vereinigten Arabischen Emiraten – sollte in Trnovo, 30 Kilometer außerhalb von Sarajevo gebaut werden. Bislang wurde aber gerade erst einmal der Grundstein gesetzt. Einige Felder für die „Ozon City“ wurden noch nicht einmal gekauft – offenbar mangelt es an Geld. Zunächst war vereinbart worden, dass die Almen von der Gemeinde erworben werden und die Araber diese nur pachten dürfen. Doch dann änderte die Gemeinde ihren Plan. Weil nur bosnische Staatsbürger Land erwerben können, kaufte eine junge Bosnierin namens Aldijana R., die einen Araber geheiratet hatte, das Land. Dahinter steckt das Geld der Investoren.

Die Finanzströme sind alles andere als transparent – die betroffene Bank stoppte zeitweise die Überweisungen. Der Wissenschaftler Azinovic erklärt, dass „die arabischen Anschaffungen von Land und Eigentum mit einer Anzahl von beunruhigenden finanziellen Unregelmäßigkeiten verbunden scheinen“. Er sei sich aber keineswegs sicher, dass diese „Vorwürfe ordentlich untersucht werden“. Offensichtlich ist nur: Politiker – insbesondere von der mächtigen bosniakischen SDA, die beansprucht, alle Muslime zu vertreten – unterstützen die Investitionen.

Im Winter landen jede Woche zehn Flieger vom Golf in Sarajevo, im Sommer sind es doppelt so viele. An abgelegenen Bergseen, wo sonst nur Kühe und Bäuerinnen zu sehen sind, flanieren schwarz gekleidete Frauen mit teuren Handys in der Hand.

Die arabischen Investitionen haben in Bosnien-Herzegowina für viele Diskussionen gesorgt – wenn man sich die ausländischen Direktinvestitionen aber genauer anschaut, so liegen noch immer die Europäer vorn. Laut der bosnischen Zentralbank investierte im Jahr 2015 Kroatien im Nachbarland am meisten, gefolgt von den Niederlanden, der Türkei und Luxemburg. Erst nach Österreich, Italien und Russland folgt Kuwait. Sieht man sich aber die Investitionen aller Golfstaaten (Bahrain, Iran, Irak, Kuwait Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Emirate) an, zeigt sich ein anderes Bild: Im Jahr 2015 umfassten sie 30,2 Millionen Euro. Gemeinsam mit der Türkei (32,7 Millionen) machte das knapp 26 Prozent aller Auslandsinvestitionen aus. Bis Juni 2016 investierten die Golfstaaten 12,1 Millionen Euro, die Türkei 4,3 Millionen – das machte schon 39 Prozent aller Auslandsinvestitionen in Bosnien-Herzegowina aus.

Insgesamt ist ein anderer langfristiger Trend unübersehbar: Seit dem Beginn der Finanzkrise 2008 gingen alle Investitionen zurück. Wurden 2007 noch 1,3 Milliarden Euro in den Balkanstaat investiert, so waren es 2015 gerade mal 244 Millionen. Auch deshalb wurden die Investoren vom Golf wichtiger.

Von den Besuchern vom Golf profitieren besonders die einheimischen Salafisten. Im Sommer war tagtäglich zu beobachten, wie bosnische Wahhabiten die Touristen vom Flughafen abholten, in ihre eigenen Autos verfrachteten und zuweilen auch bei sich selbst unterbrachten. Azinovic verweist darauf, dass das Geld, dass sie als Touristenführer, Fahrer oder Bodyguards verdienen, am regulären Bankensystem vorbeiläuft. „Da werden keine Steuern eingefordert“, sagt er. „Es ist ziemlich plausibel, dass mit diesem Geld auch ein ideologischer Einfluss einhergeht, obwohl ich dafür keine Evidenz habe.“

Die Islamische Glaubensgemeinschaft verweist darauf, dass Tourismusgeschäfte nicht zu ihrem Aufgabenfeld gehörten.

Der Tourismus aus den Golfstaaten habe auch mit den Kriegen in Libyen und Syrien und der Situation in Ägypten zu tun, wo zuvor viele hinreisten, meint der Wissenschaftler Azinovic. „Die Tourismusgeschäfte bringen vielen Salafisten-Familien eine bedeutende Einkommensquelle.“ In jüngster Zeit würden viele Salafisten aus den Dörfern in die Vorstädte oder Städte ziehen.

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