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Die Bosheit der Macht

  • VonHans-Jürgen Linke
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Arno Schmidts "Leviathan"

"Er stirbt." Das ist nicht ganz so endgültig wie "er ist tot", aber man kann wohl nichts mehr machen. Sollte man es vielleicht wenigstens versuchen?

Besser nicht. Denn in Arno Schmidts Leviathan, im Oktober 1946 niedergeschrieben, gibt allein der Tod noch Anlass zur Hoffnung. Auf der Flucht aus der zerstörten schlesischen Stadt Lauban im Winter 1945 - oder der Flucht aus irgendeiner zerschossenen Stadt am düsteren Ende irgendeines Krieges - findet sich eine Gemeinschaft von Fliehenden, so zufällig wie repräsentativ für ein endzeitliches gesellschaftliches Stadium. Verkehrsmittel ist eine zufällig und aufgrund kollektiver Anstrengung noch funktionierende Lokomotive, an der zufällig ein Schwellenreißer hängt, der, zunächst mit einer Eisenkette gefesselt, nach einem eher zufälligen Tieffliegerangriff seine zerstörerische Arbeit beginnt: Hinter den Fliehenden zerfetzt er den Gleiskörper. Wenn man das als Metapher für die zivilisatorische Evolution des Homo sapiens nimmt, ist kaum ein prägnanterer Beleg vorstellbar, dass zwar kein lieber Gott, aber ein zutiefst boshafter Dämonen existiert, der unsere Welt beherrscht: der Leviathan?

Die Erzählung selbst besteht aus einer Art Flucht-Tagebuch-Notizen, beginnend am 14. Februar 1945, dem Tag der Bombardierung Dresdens, und findet ihr Ende auf dem Pfeiler eines zerschossenen Viadukts über der Neiße: vorn der Abgrund, hinten die zerstörten Gleise. Während der Flucht hat es außerdem gegeben: Lakonische Betrachtungen über Panzerfaust abschießender Hitlerjungen und die katholische Kirche; eine mehrstimmige Diskussion über erkenntnistheoretische, religiöse, kosmologische Themen mit einem Exkurs in nicht-euklidische Geometrie und Allgemeine Relativitätstheorie; einen Ich-Erzählers mit illusionslosem, überlegenem Intellekt; und endlich eine weglose Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler und der mitreisenden Anne Wolf.

Denkende Dreiecke

Die wichtigsten Erkenntnisse: Erstens sollten wir akzeptieren, dass wir von der Welt nicht mehr wissen können als denkende Dreiecke von dem Raum über ihnen. Zweitens ist die Welt Produkt des Leviathan oder mit ihm identisch, was manches erklärt, aber den Haken hat, dass wir selbst dessen Teil sind und er Teil von uns. Drittens: Seine Macht ist riesig, aber nicht unendlich. Überhaupt gibt es keine zwingenden Hinweise auf die Existenz von Unendlichem. Wenn aber die Macht des Leviathan begrenzt, er also sterblich und dazu ein Teil von uns ist, dann schwächt jeder Tod ihn und seine Boshaftigkeit. Und eine andere Hoffnung gibt es nicht für die Welt.

Am Ende flattern die Aufzeichnungen des Ich-Erzählers vom Brückenpfeiler in die Kälte, es gibt keinen Zweifel, dass er und Anne folgen werden; und denkende Dreiecke fragen sich also, wie diese Erzählung publiziert werden konnte.

Arno Schmidts Leviathan enthält das Substrat dessen, was nach dem Zweiten Weltkrieg die so genannte Kahlschlagliteratur ausmacht: Schrecken und Elend, Anti-Kollektivismus, skeptische Vernunft und einiges mehr, so kondensiert, so intelligent, eigenständig, kunstreich und radikal, dass man sich fragen möchte, warum es die Gattung der Nachkriegsliteratur noch geben musste, nachdem sie schon so früh zu ihrer Vollendung gekommen war. Seither sind sechs Jahrzehnte wie im Flug vergangen. Immer noch stehen wir zögernd an einer verlorenen Stelle zwischen zerstörten alten und noch nicht begehbaren neuen Wegen und spüren die Macht des Leviathan.

Serie: Inventur

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