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Corona

Nach Kritik: Tübingen hält an Corona-Modellversuch fest - aber Fremde müssen draußen bleiben

  • Stefan Krieger
    vonStefan Krieger
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Die Stadt Tübingen sieht den Erfolg des Versuchs von offenen Läden und Gastronomie durch eine wachsende Zahl an Tagesgästen gefährdet.

Stuttgart/Tübingen - Lange Zeit galt Tübingen als Vorzeigeprojekt. Mitte März lag die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner in der Stadt noch bei 19,7. In Tübingen können Menschen kostenlose Tests machen und bei negativem Ergebnis zum Beispiel in Läden, Theater oder Biergärten gehen. Öffnungen, und das trotz Corona und bundesweit steigenden Fallzahlen. Mittlerweile ist die Inzidenz in der von Boris Palmer (Grüne) regierten Stadt jedoch auf 78,7 gestiegen (Stand: Dienstag, 30.03.2021). Fast eine vierfache Steigerung innerhalb von zwei Wochen. Für Boris Palmer jedoch kein Grund, seinen Modellversuch grundsätzlich in Frage zu stellen.

Modellversuch in Tübingen: Kritik von Karl Lauterbach

„Wir wussten, dass die Inzidenz am Anfang steigen wird - bis jetzt ist aber alles im erwartbaren Bereich“, sagte Palmer gegenüber dem SWR. Momentan würden die Zahlen aber im Verhältnis zum Landesdurchschnitt steigen, deshalb sehe er noch keinen Grund, das Projekt vorzeitig zu beenden. Auf Kritik war der Versuch unter anderem bei Bundeskanzlerin Angela Merkel gestoßen. Merkel hatte kritisiert, dass mehrere Länder derzeit statt strengerer Regeln sogar Modellprojekte mit Lockerungen planen, ohne dabei allerdings Tübingen explizit zu erwähnen.

Nicht fälschungssicher: Das Tübinger Tagesticket.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hingegen forderte den Stopp des Versuchs in Tübingen. „Sie geben das falsche Signal“, schrieb Lauterbach auf Twitter. Das Tübinger Projekt zeige, dass unsystematisches Testen mit Öffnungsstrategien die schwere dritte Corona-Welle nicht aufhalten werde. „Testen statt Lockdown ist Wunschdenken, genau wie Abnehmen durch Essen“, schrieb der SPD-Politiker.

Modellversuch in Tübingen: Virologe Christian Drosten ist skeptisch

Auch der Berliner Virologe Christian Drosten fordert eher schärfere Maßnahmen anstatt Lockerungen. Modellprojekte wie in Tübingen sollten eine gute wissenschaftliche Begleitung haben, sagte Drosten. Keines dieser Projekte habe bislang bewiesen, dass es in der Corona-Krise funktioniere, betonte Drosten. Das Ziel, Menschen zu motivieren, sich testen lassen und etwa einkaufen zu gehen sei jedoch vorerst gut. Das sollte man punktuell durchaus mal ausprobieren. Wichtig sei, vorher Erfolgskriterien zu definieren wie etwa eine Zahl der Krankenhausaufnahmen, der Todesfälle nach drei Wochen oder der Wirtschaftsleistung. „Also ich denke, man sollte sich eine ganze Zahl von solchen Erfolgskriterien hinlegen, bevor man diesen Modellversuch macht, um dann irgendwann in der Nachbewertung zu sagen: Das war erfolgreich.“ Wichtig seien auch Abbruchkriterien und eine Vergleichsstadt ohne Modellprojekt.
 

Corona-Modellversuch in Tübingen: Auswärtige Gäste außen vor

Boris Palmer rudert jetzt ein wenig zurück. Wegen des großen Zustroms von auswärtigen Gästen in seine Stadt zieht der Grünen-Politiker die Reißleine: Menschen, die nicht im Landkreis Tübingen wohnen oder in der Stadt Tübingen arbeiten, erhalten bereits ab Donnerstag (1. April 2021) keine Tagestickets mehr an den Teststationen. Die Regelung gilt allerdings vorerst nur bis zum Ostermontag. Ursprünglich sollte die Osterregelung des Modellprojekts „Öffnen mit Sicherheit“ ab Karfreitag gelten. „Es kommen momentan einfach zu viele Personen von auswärts in die Stadt“, sagte Palmer am Mittwoch (31.03.2021). Dadurch verliere der Modellversuch an Aussagekraft.

Der Modellversuch richte sich in erster Linie an die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt und des Landkreises Tübingen. „Wir möchten mit dem Modellversuch zeigen, wie sich häufiges Testen auswirkt. Zu viele auswärtige Gäste zerstören das Tübinger Infektionsgeschehen und damit den Versuch“, sagte Palmer. Er warb um Verständnis. „Alle, die aus anderen Landkreisen kommen, weite Anfahrten in Kauf nehmen und vielleicht vorher noch nie in Tübingen waren, bitte ich, den Besuch auf den Sommer zu verschieben.“

Boris Palmer verteidigt sein Konzept.

Palmer bezeichnete die Regelung für Tübingen als „ganz einfach“. „Wer sich ohnehin regelmäßig in der Stadt bewegt, kann auch über die Osterfeiertage ein Tagesticket bekommen. Das sind Menschen, die hier wohnen oder arbeiten. Wer nur zu Besuch ist, gehört nicht dazu und bekommt kein Ticket. Das gilt auch für Verwandte, Bekannte und Freunde.“ Jede Ausnahme würde Tür und Tor öffnen, deshalb werde damit erst gleich gar nicht angefangen.

Tübingen: Boris Palmer gesteht Fehler ein

Auch Palmer gibt zu, dass in Tübingen nicht alles optimal läuft. So hätten nach seinen Angaben ein ortsansässiger Betrieb mehrere hundert Tagestickets illegal an Bekannte weitergegeben und ihnen so das Einkaufen und Nutzen der Gastronomie ermöglicht, obwohl sie nicht getestet wurden. Kritik gab es auch wegen der einfachen Zettel, die als Tagesticket und damit als Nachweis auf das negative Testergebnis dienen. Die Scheine könnten einfach weitergegeben werden, sodass andere Personen sich das Anstehen für den Test sparen könnten. Palmer räumte unterdessen in einem Interview mit dem SWR ein, das längst nicht alles rund läuft. „Wir mussten ja sehr schnell sein“, so der Politiker. Man habe allerdings damit gerechnet, dass am Anfang noch nicht alles perfekt sei. „Wissenschaft braucht mehr Vorbereitung“ - das wolle man jetzt nachholen, so der Palmer weiter. Durch die Verlängerung des Testzeitraums werde man dann verlässliche Daten bekommen.

Am 26. März hatte das Land Baden-Württemberg dem Antrag zugestimmt, den Modellversuch für die Stadt Tübingen bis zum 18. April zu verlängern und die Ticketausgabe an Auswärtige zu begrenzen und über Ostern auszusetzen. Ob der Test nach Ostern tatsächlich fortgesetzt wird, hat das Land noch nicht entschieden. (Stefan Krieger mit Agentumaterial)

Rubriklistenbild: © Ulmer/Imago

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