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Boris Johnson: Wer die Nachfolge des Premiers antreten könnte

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Von: Nail Akkoyun

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Boris Johnson gibt den Tory-Vorsitz ab, die Nachfolge des Premierministers ist noch nicht geklärt. Ein Überblick über mögliche Kandidat:innen und ihre Chancen.

London – Schenkte man Boris Johnson bei dessen Rücktrittsrede Gehör, kam man kaum zu dem Entschluss, dass es der Premierminister ernst mit seiner Abdankung meinen könnte. Die Verantwortung für seinen Rücktritt gab Johnson jedem anderen, nur nicht sich selbst. Seine Stellungnahme am Donnerstagmittag (7. Juli) war sinnbildlich für seine Regierungszeit: Selbstbewusst, ohne Zweifel, stets unschuldig.

Dabei konnte sich Johnson nach seinem überstandenen Misstrauensvotum kurzzeitig in Sicherheit wiegen, doch die bittere Realität holte den britischen Premier am Vorabend (6. Juli) ein, als Gesundheitsminister Sajid Javid und Schatzkanzler Rishi Sunak aus Protest ihre Hüte nahmen. Mehr als 50 weitere Rücktritte von konservativen Regierungsmitgliedern waren letztlich ein zu deutliches Zeichen, dass die Partei ihren Chef nicht mehr stützte. Direkter Auslöser für den Rücktritt war der Skandal um den ehemaligen Abgeordneten Chris Pincher. Johnson musste letztlich einräumen, dass er von Vorwürfen der sexuellen Belästigung gegen den Tory-Parteifreund gewusst hatte.

Wer auch immer die Nachfolge von Johnson antritt, steht nicht nur vor innenpolitischen Schwierigkeiten, der Corona-Pandemie und dem Ukraine-Konflikt, sondern muss auch das zerrüttete Vertrauen in die Tory-Partei wiederherstellen. Darüber hinaus muss bedacht werden, welche Kandidat:innen im nächsten Wahlkampf gegen die Labour-Opposition von Parteichef Keir Starmer die besten Aussichten haben. Es folgt eine Auswahl an möglichen Kandidat:innen.

Boris Johnson tritt als Tory-Parteichef ab und wird schon bald auch nicht mehr Premierminister des Vereinigten Königreichs sein. (Archivfoto)
Boris Johnson tritt als Tory-Parteichef ab und wird schon bald auch nicht mehr Premierminister des Vereinigten Königreichs sein. (Archivfoto) © Han Yan/Imago

Rishi Sunak: Angeschlagener Top-Kandidat trug zum Sturz von Boris Johnson bei

Wäre dieser Artikel vor einem halben Jahr geschrieben worden, stünde der ehemalige Schatzkanzler Rishi Sunak, der erst am Mittwoch von seinem Amt zurücktrat, wohl ganz oben auf der Favoritenliste. In einem Interview mit der Washington Post attestiert der Kolumnist und Großbritannien-Experte Clive Crook dem 42-Jährigen einen „technokratischen Führungsstil“. Sunak ist ein Brexiter, dürfte in den Verhandlungen mit der EU jedoch einen harmonischeren Ansatz verfolgen und versuchen, die internationalen Beziehungen zu pflegen.

Im April geriet Rishi Sunak aber in Kritik, als der internationale Steuersatz seiner Gattin Akshata Murty bekannt wurde – die Tochter eines indischen Milliardärs genoss in Großbritannien den Status einer „Nicht-Domizilierten“, wodurch ihr Steuerzahlungen erspart blieben. Darüber hinaus musste sich Sunak für die Teilnahme an Boris Johnsons Geburtstagsparty während des Lockdowns verantworten.

Das einst tadellose Bild Sunaks ist zweifellos angekratzt, allerdings hatte die Tory-Partei unter Johnson bewiesen, dass sie Skandale und Fehltritte schnell verzeiht. Es ist fraglich, ob die Konservativen nach all der negativen Aufmerksamkeit, die Johnson zweifellos auf sich und die Partei zog, einen angeschlagen Tory zum neuen Premierminister wählen würde. Andererseits löste Rishi Sunak mit seinem Abtritt eine Protestwelle gegen Johnson aus und trug damit maßgeblich zu dessen Demontage bei.

Einst Top-Kandidat im Falle eines vakantes Premierministerpostens: Rishi Sunak. (Archivfoto)
Einst Top-Kandidat im Falle eines vakantes Premierministerpostens: Rishi Sunak. (Archivfoto) © WIktor Szymanowicz/Imago

Kompetent und beliebt: Ben Wallace steht hinter Boris Johnson – und könnte neuer Premier werden

Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace ist unscheinbar, gilt aber als „Macher“. Als Premierminister würde er nicht mit extrovertierten Auftritten oder flapsigen Aussagen auffallen – sein aktuelles Amt übt Wallace kompetent und still aus. So zeigte er sich unter anderem für die vielen Waffenlieferungen an die Ukraine verantwortlich, während Boris Johnson die klare Kante der Brit:innen gegenüber Wladimir Putin und dem Kreml deutlich machte.

Doch schon 2014 machte sich Wallace erstmals für Boris Johnson stark und gilt nach wie vor als enger Vertrauter. Eine Tatsache, die ihm eine mögliche Kandidatur zunichtemachen könnte – immerhin sollte das künftige Staatsoberhaupt eine Assoziation mit seinem oder ihrem Vorgänger vermeiden. Berichten zufolge will Wallace eine offizielle Kandidatur allerdings vorerst abwarten und vorher mit seiner Familie sprechen.

Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace gilt als Favorit für den Tory-Parteivorsitz. (Archivfoto)
Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace gilt als Favorit für den Tory-Parteivorsitz. (Archivfoto) © Sander Ilvest/Imago

Liz Truss: Folgt die Außenministerin auf Boris Johnson?

Elizabeth „Liz“ Truss sammelte politische Erfahrung als Hinterbänklerin im britischen Unterhaus, ehe sie 2012 parlamentarische Staatssekretärin mit Verantwortung für Ausbildung und Kinderbetreuung wurde. Nachdem sie 2014 bis 2016 Ministerin für Umwelt, Ernährung und ländlichen Raum war, bekleidete sie unter Theresa May den Posten der Justizministerin, ehe sie als Staatssekretärin ins Schatzamt wechselte.

Als Außenministerin entwickelte sich Truss im Kabinett Johnson zur Brexit-Hardlinerin – dabei stimmte sie beim Referendum im Jahr 2016 noch für den Verbleib in der EU. Aktuell will sie ein Gesetz auf den Weg bringen, welches das Nordirland-Protokoll einseitig außer Kraft setzen würde. Nun könnte sie aber wie auch einst Boris Johnson von der Außenpolitik in das Amt des Premiers wechseln.

Mit ihrer festen Überzeugung von der freien Marktwirtschaft und ihrer kompromisslosen Art erinnert die 46-Jährige zuweilen an die frühere Tory-Premierministerin Margaret Thatcher, die noch heute unter Konservativen bewundert und von der Arbeiterklasse verhasst wird. Darüber hinaus hat sich Liz Truss aufgrund ihrer unmissverständlichen Haltung gegenüber Russland Feinde in Moskau gemacht – und gibt damit bereits einen Vorgeschmack auf ihren Kurs als mögliche Premierministerin.

Außenministerin Liz Truss gilt als Brexit-Hardlinerin. (Archivfoto)
Außenministerin Liz Truss gilt als Brexit-Hardlinerin. (Archivfoto) © Tayfun Salci/Imago

Penny Mordaunt kann sich Hoffnungen auf den Posten von Boris Johnson machen

Großer Beliebtheit unter den Konservativen erfreut sich dieser Tage Penny Mordaunt. Und das, obwohl die 49-jährige Staatsministerin für Handelspolitik sich entgegen vieler ihrer Kolleg:innen nicht dazu entschloss, als Teil der Protestwelle gegen Premierminister Boris Johnson zurückzutreten. Sie stimmte Verteidigungsminister Wallace zu und erklärte auf Twitter, die Öffentlichkeit würde es nicht verzeihen, „wenn wir diese Staatsämter leer ließen“.

Mordaunt, ehemalige Reservistin der Royal Navy, die 2019 die erste Verteidigungsministerin Großbritanniens wurde, gilt neben Ben Wallace aktuell als heiße Favoritin für den Premierposten. Als Brexit-Befürworterin hat sie mehrfach klar Stellung zur Zukunft Großbritanniens bezogen – beim parteiinternen Misstrauensvotum im letzten Monat sagte sie aber nicht, ob sie für oder gegen Johnson stimmte. Zuvor kritisierte sie den Parteichef jedoch mehrfach für dessen Lockdown-Partys.

Penny Mordaunt, unter Premierminister Boris Johnson Staatsministerin für Handelspolitik, läuft durch die Downing Street in London. (Archivfoto)
Penny Mordaunt, unter Premierminister Boris Johnson Staatsministerin für Handelspolitik, läuft durch die Downing Street in London. (Archivfoto) © Victoria Jones/dpa

Erbitterter Rivale von Boris Johnson: Jeremy Hunt hat nur Außenseiterchancen

Eine weitere Option wäre Jeremy Hunt. Schon 2019 buhlte er um das Amt des Premierministers, nachdem Theresa May ihren Rücktritt bekannt gegeben hatte. Schlussendlich unterlag er Boris Johnson – und avancierte im Laufe der Zeit zu einem seiner schärfsten Kritiker. Insbesondere, weil er den Corona-Kurs der britischen Regierung als Vorsteher des Gesundheitsausschusses zum Teil missbilligte.

Was den Charakter angeht, könnten sich Jeremy Hunt und Boris Johnson nicht weniger ähneln. Während der amtierende Premier gefühlt kein Fettnäpfchen auslässt, gilt der moderate Hunt eher als nüchtern und pragmatisch. Vielleicht war es diese Haltung, die ihn 2016 dazu bewegte, für „remain“, also einen EU-Verbleib, zu stimmen. Im Gegensatz zu Truss hat sich der 55-Jährige allerdings nicht zu einem Verfechter des Brexits entwickelt. Ausreichend Stimmen der Tory-Mitglieder dürfte Hunt deshalb nicht für sich gewinnen.

Der Tory-Abgeordnete Jeremy Hunt hätte bei einer Parteivorsitzkandidatur keine guten Chancen. (Archivfoto)
Der Tory-Abgeordnete Jeremy Hunt hätte bei einer Parteivorsitzkandidatur keine guten Chancen. (Archivfoto) © Tayfun Salci/Imago

Nachfolge von Boris Johnson: Bislang nur zwei Kandidaturen – und die haben schlechte Chancen

Generalstaatsanwältin Suella Braverman brauchte nicht lang, um ihre Kandidatur für den Posten des Parteivorsitzes zu verkünden. Am Donnerstagmorgen erklärte sie in einem Rundfunkinterview, die nächste Tory-Chefin werden zu wollen und wurde noch am selben Tag während einer Fragestunde im Parlament von der Labour-Opposition für ihre Pläne verspottet. In der Vergangenheit rief die 42-Jährige zum „Krieg gegen die Wokeness“ auf und dürfte damit einen Teil der Parteibasis ansprechen. Eine Mehrheit der Mitglieder dürfte das allein jedoch nicht überzeugen.

Auch Tom Tugendhat, Chef des Auswärtigen Ausschusses im Parlament, hat bereits seine Kandidatur für den Tory-Vorsitz angekündigt. Der ehemalige Militäroffizier gilt als Favorit unter den Mittelständler:innen der Partei. Problematisch ist für ihn, dass viele konservative Hinterbänkler:innen in den vergangenen Jahren nach rechts gerückt sind. Sein Vorteil wäre, dass er keine Verbindung zum Johnson-Kabinett hat und mit „weißer Weste“ ins Amt gehen würde – gleichzeitig kann man dem 49-Jährigen jedoch auch mangelnde Erfahrung anlasten. Um eine wirklich attraktive Option zu sein, dürfte Tugendhat die Lobby fehlen.

Rücktritt von Boris Johnson: Sogar Neuwahlen wären möglich

Wahlberechtigt sind zunächst die derzeit 358 Mitglieder der Tory-Fraktion. In jeder Wahlrunde scheidet die Kandidatin oder der Kandidat mit den wenigsten Stimmen aus – bis nur noch zwei Namen im Rennen sind. Wie die BBC berichtete, könnte dies noch vor der parlamentarischen Sommerpause am 21. Juli der Fall sein. Die Entscheidung treffen dann alle Parteimitglieder in einer Stichwahl. Dies könnte bis September oder sogar etwas länger dauern, hieß es.

Viele Parteikolleg:innen wollen die Lage vorher geklärt haben. Darauf setzt auch die Opposition. Labour-Chef Keir Starmer hat ein Misstrauensvotum im Parlament angekündigt. Sollte die Regierung das verlieren, käme es zu einer Neuwahl. In den Umfragen führt Labour. (nak/dpa)

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