1. Startseite
  2. Politik

Boris Johnson unter Druck: „In Gottes Namen, gehen Sie!“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sebastian Borger

Kommentare

Premierminister Boris Johnson steht am Rednerpult im Parlament und gestikuliert wild beim Sprechen. Sein Ausdruck ist wütend
Unter Druck: Premierminister Boris Johnson am Mittwoch im britischen Parlament. © AFP

Der Premierminister von Großbritannien, Boris Johnson, muss sich erneut den Fragen des Unterhauses stellen. Ein Minister wechselt kurzerhand zur Labour-Party.

London – Neue Premierminister, schreibt Boris Johnsons bester Biograf, Andrew Gimson, sollten schon bei Amtsantritt folgende Warnung beherzigen: „Bald werden die Leute Sie satthaben.“ Trifft dieser Satz bereits jetzt, gut zwei Jahre nach seinem triumphalen Wahlsieg, auf den derzeitigen Amtsinhaber in Großbritannien zu?

Seit Wochen schlägt sich Johnson mit Vorwürfen herum, sein Team in der Downing Street und er selbst hätten während mehrerer Lockdowns gegen Corona-Regeln verstoßen. Weil zwei Partys im vergangenen April am Vorabend des Begräbnisses von Prinz Philip, einer Periode offizieller Staatstrauer, stiegen, musste sich der Regierungschef sogar persönlich bei der Queen entschuldigen – so wie zuvor „voller Reue“ beim Wahlvolk.

Großbritannien: Ein Kritiker von Boris Johnson wechselt zur Labour-Party

Dass die Brit:innen empört sind über den laxen Stil in der Regierungszentrale, fördert eine Umfrage nach der anderen zutage. Der Unmut wird medial ebenso geschürt wie die Spekulationen über eine mögliche Vertrauensabstimmung in der konservativen Unterhausfraktion. Dazu müssten 54 Mitglieder dem zuständigen Hinterbänkler-Komitee schriftlich und vertraulich bekunden, dass sie ihren Partei- und Regierungschef satthaben.

Wie viele dies schon getan haben? Außer dem Gremiumsvorsitzenden Graham Brady weiß dies niemand so genau, öffentlich bekundet haben den Wunsch nach einer Absetzung Johnsons kaum eine Handvoll. Als dieser am Mittwoch (19.01.2022) zur Fragestunde ins Londoner Unterhaus kommt, hat sich ein weiteres Fraktionsmitglied auf spektakuläre Weise als Kritiker geoutet:

Der Saal des Unterhauses ist zu sehen: Ein länglicher, rechteckiger Raum. An der hinteren Wand steht der Premier, entlang der anderen drei Wände sind je fünf Sitzreihen, auf denen zahlreiche Minister Platz genommen haben. Es sind sehr viele Anwesende, einige von ihnen stehen sogar.
Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, spricht im britischen Unterhaus bei der Fragestunde „Prime Minister‘s Questions“ © dpa/House Of Commons

Unter dem Jubel der Opposition wechselt Parlamentsneuling Christian Wakeford zur Labour-Party und begründet dies mit seiner Überzeugung, der Premierminister sei „zu Führungsstärke nicht in der Lage“. Und wenig später zitiert der erfahrene Ex-Brexitminister David Davis den Lordprotektor Oliver Cromwell aus dem 17. Jahrhundert: „In Gottes Namen, gehen Sie!“

Premier von Großbritannien: Boris Johnson kontert Fragen mit Corona-Lockerungen

Freilich bleibt der als Einzelgänger bekannte alte Parlamentshase Davis das einzige Fraktionsmitglied, das sich den Bemühungen von Johnsons Einpeitschern entzieht. Anders als vor einer Woche sind die konservativen Bänke diesmal voll, außer Davis stellen alle Torys Johnson-freundliche Fragen, jede Äußerung des Premierministers wird begeistert aufgenommen, jede Kritik der Opposition niedergeschrien. Demonstrativ nickend sitzt Finanzminister Rishi Sunak, derzeit Favorit auf Johnsons Nachfolge, neben seinem Chef auf der Regierungsbank.

Der entspannt wirkende Labour-Oppositionsführer Keir Starmer setzt dem Premier erneut mit bohrenden Fragen zu, entzückt seine Fraktion mit Witzchen und erklärt staatsmännisch, anders als Johnsons Partytruppe sei seine Partei zu ernsthaftem Regieren bereit. Doch diesmal hat Johnson mehr zu bieten außer neuen Entschuldigungen und dem Verweis auf die Untersuchung sämtlicher illegaler Partys durch eine Spitzenbeamtin.

Die Omikron-Welle sei so stark abgeflaut, freut sich der deutlich erholt aussehende Politiker, dass kommende Woche die ohnehin vergleichsweise liberalen Corona-Bestimmungen in England zu reinen Empfehlungen werden. „Wir vertrauen dem Urteilsvermögen der Briten“, ruft Johnson und hat damit auch viele Partei-interne Kritiker:innen hinter sich.

Großbritannien – Boris Johnson will auch 2024 für seine Partei antreten

Für den 57-Jährigen dürfte sprechen, dass die Reihe hinter ihm für die Nachfolge – neben Sunak vor allem die Ressortchefs für Gesundheit und Äußeres, Sajid Javid und Liz Truss – keine überzeugende Alternative abgeben. Auch stößt vielen Konservativen zunehmend sauer auf, dass die Kampagne gegen Johnson vor allem durch dessen früheren Chefberater Dominic Cummings immer neue Nahrung erhält.

Dabei hatte der parteilose Stratege der erfolgreichen Brexit-Kampagne während seiner Zeit in der Downing Street selbst eklatant gegen Lockdown-Regeln verstoßen. Gegen diesen Vorwurf nahm ihn der Premier im Mai 2020 zwar in Schutz, ein halbes Jahr später musste Cummings dann aber doch seinen Hut nehmen. Seither hält er den Regierungschef für „völlig unfähig“ – ein offenkundig von verletzten persönlichen Gefühlen geleitetes Urteil.

Boris Johnson – Wird Großbritannien ihn doch noch satthaben?

Dass seine Karriere ihr Ende noch lange nicht erreicht habe, diesen Wunsch hat der Premierminister am Mittwoch (19.01.2022) deutlich formuliert. Auf Wakefords Fraktionswechsel bezogen erinnerte er seine Partei daran, dass dessen Wahlkreis Süd-Bury bei Manchester nach jahrzehntelanger Labour-Dominanz bei der jüngsten Unterhauswahl zum ersten Mal an die Konservativen fiel.

Das dürfte nicht zuletzt Johnsons Qualitäten als Wahlkämpfer geschuldet gewesen sein. „Und beim nächsten Mal gewinnen wir Süd-Bury wieder unter diesem Premierminister“, ruft Johnson und macht damit deutlich, dass er seine Partei auch in die 2024 anstehende nächste Wahl führen will – mal sehen, ob ihn das Land und seine Partei bis dahin nicht doch noch satthaben. (Sebastian Borger)

Auch interessant

Kommentare