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Großbritannien

Schlammschlacht in London geht weiter – Druck auf Premier Boris Johnson wächst

  • Tobias Möllers
    VonTobias Möllers
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Lange perlten alle Skandale an Boris Johnson ab, doch die jüngsten Vorwürfe bringen sogar Großbritanniens Premier ins Schwitzen. Und Ex-Berater Dominik Cummings hat noch mehr zu sagen.

London – Erst seit einigen Wochen ist im politischen London etwas Ruhe eingekehrt. Nach Monaten des Chaos um fehlende Corona-Tests und Schutzausrüstung brachten das britische Impfwunder und die massiv gesunkenen Infektionszahlen die Regierung von Boris Johnson in ruhigeres Fahrwasser – und sorgten sogar zu einem Umfragehoch. Doch damit ist es nun, ausgerechnet gut eine Woche vor einem Super-Wahltag am 6. Mai – mit Urnengängen in Schottland, Wales und vielen Kommunen in England – vorbei.

Johnson sah sich am Montag gezwungen, Berichte zu dementieren, wonach er im vergangenen Jahr gesagt haben soll, dass er lieber in Kauf nehme, dass sich „die Leichen zu Tausenden auftürmen“, als einen weiteren dritten Lockdown zu erlassen.

Schlammschlacht in London: Ist Cummings die Quelle für die Enthüllungen über Johnson?

Die aktuelle Aufregung begann zunächst mit Presseberichten über die zweifelhafte Nähe von Kabinettsmitgliedern zu Lobbyisten. Bald geriet auch Johnson selbst ins Visier der Enthüllungen, die offenbar von Insidern an die Medien getragen wurden. Ganz Westminster rätselte, wer dahinter steckte.

Unruhige Zeiten in der Downing Street 10: Der britische Premier Boris Johnson bekommt reichlich Gegenwind.

Als der Inhalt von Textnachrichten zwischen Johnson und dem Staubsauger-Unternehmer James Dyson an die „BBC“ durchsickerte – es ging um die Umgehung von Steuern bei der Herstellung dringend benötigter Beatmungsgeräte – zeigte der Regierungsapparat hinter den Kulissen mit dem Finger auf Ex-Berater Dominic Cummings.

Eigentlich hatten viele gehofft, mit dem Ausscheiden des Brexit-Strategen und politischen Strippenziehers Cummings im Dezember vergangenen Jahres sei ein konstruktiverer Geist in den Regierungssitz in der Downing Street zurückgekehrt. Damals wurde gemunkelt, sein Ausscheiden sei das Resultat eines internen Machtkampfs mit der einflussreichen Verlobten Johnsons, Carrie Symonds. Cummings galt als schroff und unbarmherzig, daher atmeten damals viele auf. Die Ära der Machos, so glaubte man, neigte sich dem Ende entgegen, so der Glaube.

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Vorwürfe gegen Boris Johnson: Mit der Schlammschlacht erlebt Cummings ein Comeback

Doch nun erlebt der geschasste Cummings eine Wiederkehr. Er hält sich allerdings eher für den Helden in diesem Politdrama und ließ mit seiner Antwort nicht lange auf sich warten: In einem optisch recht unscheinbar wirkenden Blogeintrag packte er aus – und das schlug ein, wie eine Bombe. Cummings zufolge hat Johnson seinen früheren Vertrauten nicht nur zu Unrecht beschuldigt, sondern auch versucht, seiner Verlobten zuliebe, interne Untersuchungen zu stoppen und die unter deren Leitung durchgeführten luxuriösen Renovierungsmaßnahmen in seiner Dienstwohnung auf zwielichtigem Wege zu finanzieren.

Kurze Zeit später folgten die nächsten Medienberichte, dieses Mal über Johnsons angebliche Äußerung über die Leichenberge – ohne klare Quelle, doch selbst die „BBC“ berichtete erstaunlich selbstbewusst darüber, als gebe es keine Zweifel daran. Die Behauptungen wurden offenbar von mehreren unabhängigen beteiligten Personen bestätigt.

„Wie haben sie sich selbst in diese schreckliche Lage gebracht, in der sie Dinge inoffiziell leugnen können und die ‚BBC‘ wird es trotzdem bringen, weil sie denken, dass ihre eigenen Quellen vertrauenswürdiger sind?“, fragte eine Quelle im „Guardian“.

London: Johnsons Regierung geht von Rachefeldzug von Cummings aus

Glaubt man der offiziellen Linie der Downing Street, sind trotzdem all diese Vorwürfe Lügen – an den Haaren herbeigezogen von einem, der nach seinem Abgang aus dem erlesenen Zirkel seinen persönlichen Rachefeldzug vollzieht. Doch bei der Frage, wer hier die Wahrheit sagt und wer nicht, tappen selbst altgediente Westminster-Reporter im Dunkeln.

Johnsons Problem ist, dass ihm nun keine ausreichend abgebrühten Berater mehr zur Verfügung stehen. Mehrere Insider, die mit dem „Guardian“ sprachen, beschrieben Johnsons zwei engste Berater – den Kabinettssekretär Simon Case und den Stabschef in der Downing Street, Dan Rosenfield – als politisch zu unerfahren, um die giftigen Kriege in der Downing Street zu bewältigen.

„Der Premierminister wird hier im Stich gelassen“, sagte eine Quelle. „Es muss Interventionen von seinem Team geben, aber das geschieht nicht. Das sind die Momente, in denen es darauf ankommt – Leute zu haben, die nein sagen können. Er ist jetzt von Leuten umgeben, denen er nicht besonders vertraut oder die er nicht besonders kennt.“ Vertrauen hatte Johnson hingegen in Cummings, doch der spielt jetzt in seinem eigenen Team – im Zweifel gegen den britischen Premier.

Johnson ist skandalerprobt – Cummings hat noch mehr zu sagen

Trotzdem ist fraglich, wie sehr die neuen Vorwürfe dem Premierminister wirklich schaden. Johnson hat sich in der Vergangenheit als äußert resistent gegen Skandale erwiesen. Auch pietätlose Kommentare ist man von ihm längst gewohnt. Als im vergangenen Jahr die Beatmungsgeräte knapp wurden und die britische Regierung alle möglichen Unternehmen dazu aufforderte, in die Bresche zu springen, soll er in einer Telefonschalte mit Dutzenden Firmenchefs gescherzt haben, man könne den Aufruf als „Operation Last Gasp“ (Operation letzter Atemzug) bezeichnen.

Sicher ist für den Moment nur eines: Ein Ende der Schlammschlacht ist nicht in Sicht. Längst gibt es Gerüchte, Cummings habe Tonaufnahmen aus seiner Zeit in der Downing Street – mit womöglich noch brisanteren Enthüllungen. Zudem soll er in einem Monat vor einem Parlamentsausschuss aussagen. Er werde, so versprach Cummings genüsslich, Fragen zu all diesen Themen beantworten, „so lange wie es die Abgeordneten wünschen“. (Tobias Möllers mit dpa)

Rubriklistenbild: © Pippa Fowles

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