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Corona-Pandemie

Rachefeldzug in Großbritannien: Ex-Berater greift Boris Johnson scharf an

  • Christian Stör
    VonChristian Stör
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Dominic Cummings wirft seinem ehemaligen Chef Boris Johnson Versagen in der Corona-Krise vor. Unter anderem sei zu Corona-Partys aufgerufen worden.

Update, 15.15 Uhr: An Boris Johnson perlt Kritik meist einfach so ab. Doch heute könnte das anders sein. Sein früherer Chefberater Dominic Cummings nutzt seine Aussage vor Parlamentsabgeordneten jedenfalls zu einem wahren Rachefeldzug gegen den britischen Premier und die Regierung. Thema im Unterhaus ist die Corona-Pandemie, die von Johnson laut Cummings zu Beginn völlig unterschätzt worden sei.

Die Regierung sei „katastrophal hinter den Standards zurückgeblieben, die die Öffentlichkeit in einer Krise erwarten darf“, sagte Cummings. „Als die Öffentlichkeit uns am meisten gebraucht hat, haben wir versagt.“ Die Anzeichen der sich ausbreitenden Pandemie seien nicht erkannt worden, sagte Cummings. Die Regierung habe zu spät zu Homeoffice-Arbeit aufgerufen und Pubs sowie Sportstätten zu lange offen gelassen.

Dominic Cummings sagt vor Mitgliedern von Unterhaus-Ausschüssen des britischen Parlaments aus.

Cummings attackiert Boris Johnson: Angeblich Aufruf zu Corona-Partys

Cummings behauptete auch, dass die Regierung ursprünglich eine Herdenimmunität erreichen wollte. So habe der damalige oberste Spitzenbeamte Mark Sedwill Mitte März gesagt, Johnson solle die Bevölkerung zu Coronavirus-Partys aufrufen, ähnlich wie Eltern Windpockenpartys für ihre Kinder veranstalten. Das sei offizieller Rat des Gesundheitsministeriums gewesen, sagte Cummings.

Ressortchef Matt Hancock hätte wiederholt gefeuert werden müssen, er habe in vielen Fällen „gelogen“, etwa über die Beschaffung von Schutzausrüstung. Das hätten Cummings und andere ranghohe Personen Johnson wiederholt gesagt. Zu viele Verantwortliche wie Johnson oder Gesundheitsminister Matt Hancock seien inkompetent. „Das Problem in dieser Krise war, dass immer wieder Löwen von Eseln geführt wurden.“ Hancock ist nach wie vor im Amt.

Johnsons Ex-Berater Cummings: Haben Corona-Patient:innen zurück in Heime geschickt 

Cummings wies auch darauf hin, dass Behörden Corona-Patient:innen aus Kliniken zurück in Pflegeheime geschickt hätten. „Im März (2020) wurde uns eindeutig gesagt, dass die Menschen getestet werden, bevor sie in Pflegeheime zurückkehrten.“ Erst nach Wochen hätten Johnson und er herausgefunden, dass das nicht stimmte. „Wir haben sie nicht geschützt, ganz im Gegenteil: Wir haben Leute mit Corona zurück in die Pflegeheime geschickt“, sagte Cummings.

Pflegeheime hätten lange weder über ausreichend Schutzausrüstung verfügt noch über Testmöglichkeiten für Mitarbeiter. Das habe einen Dominoeffekt erzeugt, sagte Cummings. Corona-Erkrankte hätten ihrerseits andere Menschen infiziert, „und dann hat es sich wie ein Lauffeuer verbreitet“.Cummings entschuldigte sich bei den Angehörigen der Corona-Toten.

Ex-Berater Cummings: Johnson wollte sich Coronavirus spritzen lassen

Update, 11.30 Uhr: Die Aussage von Dominic Cummings hat begonnen. Wie erwartet hat der frühere Chefberater der britischen Regierung dem Premier vorgeworfen, das Coronavirus zu Beginn der Pandemie völlig unterschätzt zu haben. Johnson habe sich mit Corona infizieren lassen wollen, um zu zeigen, dass das Virus nicht gefährlich sei, sagte Cummings vor Parlamentsabgeordneten in London. Johnson infizierte sich später tatsächlich mit dem Virus und musste tagelang auf einer Intensivstation behandelt werden.

„Im Februar [2020] dachte Boris Johnson, es sei nur eine Gruselgeschichte“, sagte Cummings. „Er dachte, das sei die neue Schweinegrippe.“ Weiter behauptete Cummings, Johnson habe gesagt: „Ich werde (den medizinischen Chefberater) Chris Whitty dazu bringen, mir das Coronavirus live im Fernsehen zu injizieren, damit jeder merkt, dass es nichts ist, vor dem er Angst haben muss.“

Boris Johnson sieht sich manchmal wohl selbst als Tiger.

Großbritannien: Ex-Berater Dominic Cummings attackiert Boris Johnson

Erstmeldung vom Mittwoch, 26.05.2021: London – Boris Johnson steht in Großbritannien schon lange in der Kritik. Doch das, was ihn am heutigen Mittwoch erwartet, dürfte alles bisher Dagewesene bei Weitem übertreffen. Wenn sein früherer Chefberater Dominic Cummings am Vormittag vors Unterhaus tritt, um zum Corona-Krisenmanagement der britischen Regierung auszusagen, ist in der Tat nicht weniger als ein politisches Beben zu erwarten. Nach einem heftigen Streit hat sich der einst mächtigste Schattenmann der Downing Street nämlich vom Intimus zu einem der größten Gegenspieler Johnsons gewandelt. Nun bläst Cummings ganz offenbar zum Rachefeldzug.

Jedenfalls scheint alles darauf hinauszulaufen, dass Cummings seinen Auftritt vor zwei Parlamentsausschüssen zu einem Rundumschlag gegen Johnson nutzen wird. Er werde, so versprach Cummings vorab schon mal, alle Fragen beantworten, „so lange wie es die Abgeordneten wünschen“. Und offenbar will er schwere Geschütze auffahren. So soll Cummings angeblich auch dazu bereit sein, während der Anhörung jemanden verbal „zu erlegen“ („Cummings will shoot to kill“, wie es der Guardian formuliert).

Dominic Cummings feuert gegen Boris Johnson

Johnson muss sich also auf einiges gefasst machen. Ohnehin ist Cummings schon seit einiger Zeit auf Krawall gebürstet. Seit etwa einer Woche feuert Cummings eine Twitter-Nachricht nach der anderen raus, rechtfertigt darin seine Handlungen zu Beginn der Corona-Krise und wirft der Regierung Untätigkeit und Unfähigkeit vor.

Mit mehr als 150.000 Corona-Toten ist Großbritannien eines der von der Pandemie am schwersten betroffenen Länder Europas. Die Schuld weist Cummings seinem früheren Chef Johnson zu, der ähnlich wie in Schweden die umstrittene Strategie der Herdenimmunität verfolgt habe. Beteuerungen von Regierungsmitgliedern, das sei nicht der Fall gewesen, bezeichnete Cummings als „Bullshit“. Cummings ist zudem der Meinung, dass der erste Lockdown in Großbritannien hätte vermieden werden können – mit kompetenten Leuten in der Regierung.

Dominic Cummings attackiert Boris Johnson.

Boris Johnson nach Aussagen von Dominic Cummings unter Druck

Allgemein wird erwartet, dass Cummings aus dem Nähkästchen plaudern wird. Schon in den vergangenen Wochen gab es immer wieder Berichte über skandalträchtige Aussagen von Boris Johnson. Durchgesickert ist Johnsons Spruch, er nehme lieber in Kauf, dass sich „die Leichen zu Tausenden auftürmen“, als einen weiteren Lockdown durchzusetzen. Alle britischen Medien gehen trotz Johnsons Dementi davon aus, dass dieser Satz so oder in ähnlicher Form gefallen sein muss. Ob Cummings die Quelle dafür war, ist derzeit nicht bekannt.

Auch soll Johnson fünf Corona-Sitzungen des Nationalen Sicherheitsrats zur Pandemie verpasst haben – angeblich, weil er an einer Biografie über den legendären Dichter William Shakespeare arbeitete. Noch offen ist zudem, ob zunächst – entgegen der Bestimmungen – ein Großspender der Konservativen Partei für die teure Renovierung von Johnsons Amtswohnung aufkam. Eine ganz besondere Note könnte die Aussage erhalten, sollte Cummings tatsächlich behaupten, Johnson habe geplant, sich im britischen Fernsehen live mit dem Virus infizieren zu lassen. Dies berichtete die Daily Mail vorab.

Dominic Cummings im Gegensatz zu Boris Johnson verhasst und unbeliebt

Dominic Cummings war in Großbritannien bei vielen Menschen regelrecht verhasst. Doch als er vor einem Jahr Hunderte Kilometer zu seiner Familie nach Durham fuhr und damit offenkundig die Corona-Regeln brach, stellte sich Boris Johnson hinter seinen damaligen Berater. Cummings selbst gab damals im Rosengarten der Downing Street eine skurrile Pressekonferenz und verteidigte sein Tun. Seitdem ist fast auf den Tag genau ein Jahr vergangen. Und erneut steht Dominic Cummings im Rampenlicht. (Christian Stör)

Rubriklistenbild: © House Of Commons/dpa

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