Analyse

Boogaloo & Helter Skelter

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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Inwiefern stützt die US-amerikanische Verfassung das Recht, Milizen zu bilden?

Es hängt alles am zweiten Zusatz zur Verfassung der USA von 1791, einem einzigen Satz: „A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed.“ Zu Deutsch: Da eine wohlgeordnete Miliz unabdingbar ist für die Sicherheit eines Staates, soll das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden. Jedem „normalen“ Menschen müsste schon an „well regulated Militia“ auffallen, dass hier ein historisches Dokument vorliegt, das niemals wortwörtlich auf egal welche Jetzt-Zeit angewendet werden kann.

Es gibt in den USA „normale“ Menschen, die die „Constitution“ als „lebendige Verfassung“ sehen, die mit der Zeit geht und angepasst werden muss, wenn sie nicht mehr zeitgemäß ist. Manche glauben sogar, dass die Verfassungsväter von 1787 die Notwendigkeit von Modernisierungen vorhersahen und diese in der Verfassung verankerten.

Ihnen gegenüber stehen die „Originalisten“, die darauf bestehen, dass die Verfassung heute so gültig ist wie vor 233 Jahren und allein exakt so interpretiert werden darf wie im 18. Jahrhundert. Demnach dürfen sich US-Staatsbürger ohne weiteres zu Milizen zusammenschließen (was sie dann automatisch „well regulated“ macht) und „den Staat“ (den die allermeisten Milizionäre rundheraus ablehnen) absichern. „Originalists“ sind mit der Berufung von Amy Coney Barrett im US Supreme Court nun in der Mehrheit. Wenn sie sich durchsetzen, dann werden die Rechte der Schwarzen weiter eingeschränkt, Frauen wird das Wahlrecht entzogen. Die Frau Amy Coney Barrett sieht da offenbar keinen Widerspruch.

Damit erfüllt der Verfassungsstreit ums „second amendment“ alle Charakteristika eines Religionsstreits. Man könnte die USA am Beginn ihres eigenen „30-Jährigen Krieges“ wähnen. Wären da nicht die Hawaiihemden.

Unter dem angeblich in Internet-Foren generierten Label „Boogaloo“ versammeln sich die jüngsten rechtsradikalen Grüppchen der USA: Thicc Boog Line, P A T R I O T Wave, Boogaloo Nation … Ihnen gemein sind besagte Hawaiihemden mit Militärkluft, martialisches Auftreten und „Accelerationism“ – die Überzeugung, der Westen stehe kurz vor dem Untergang und aus den Trümmern werde eine weiße Diktatur über alle niederen Rassen erwachsen. Nichts anderes als eine weitere faschistische Fantasie. Oder?

Keineswegs. Der Schlüssel ist „Boogaloo“, ein Begriff und Modetanz aus der Fusion von Latino-Pop und Black Soul Anfang der 1960er Jahre. Was nun überhaupt nicht zu Rechtsradikalen passt, möchte man meinen. Oh doch: Ende der 1960er Jahre versammelte der Ex-Zuhälter und talentlose Songwriter Charles Manson eine Clique orientierungsloser Hippies um sich und nannte sie „The Family“. Diese Familie beging auf sein Geheiß mehrere Morde, unter anderen an Roman Polanskis Frau Sharon Tate. Den mörderischen Aktionismus erklärte Manson zu „Helter Skelter“, der Vorbereitung eines Rassenkrieges zwischen Schwarz und Weiß, an dessen Ende „The Family“ die Oberhoheit über ein Heer schwarzer Sklaven antreten würde. „Helter Skelter“ ist ein Song vom White Album der Beatles, und Manson behauptete, der Song über ein „Holterdipolter“ habe ihn inspiriert. Die Parallelen zu „Boogaloo“ sind frappierend.

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