In einer schwach beleuchteten Kathedrale sitzen dutzende Menschen auf Plastikstühlen und blicken dem Betrachter entgegen. Die meisten tragen weiße Tücher, die auch ihren Kopf bedecken. Im unscharfen Bildvordergrund ist ein Mann in blauem Gewandt zu erkennen, der eine große, rote Trommel trägt.
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Äthiopisch-orthodoxe Christinnen beten in der Kathedrale von Medhane Alem für den Frieden.

Kein Friedensstifter mehr

Äthiopien: Mit Friedensnobelpreis in den Krieg

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Letztes Jahr wurde Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed der Friedensnobelpreis verliehen — jetzt führt er einen bewaffneten Konflikt gegen das Volk der Tigray.

Äthiopiens Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed ist auf dem besten – oder besser: schlechtesten – Weg, sich in einen Kriegsfürsten zu verwandeln. Seit seine Streitkräfte am vergangenen Mittwoch in die Provinz Tigray einmarschierten, präsentiert sich der 44-jährige Regierungschef bei TV-Auftritten statt im Anzug in einer schwarzen Bomberjacke, und zeigt allen Aufrufen, den Konflikt mit dem Brudervolk durch Verhandlungen zu lösen, die kalte Schulter.

In den vergangenen Tagen eskalierte der Premierminister den Waffengang mit Luftangriffen auf Ziele in der Nord-Provinz des Landes und ersetzte mehrere Schlüsselpositionen seines Staats – wie den Streitkräftechef, den Außenminister und Geheimdienstchef – mit Kriegstreibern. In seiner Ansprache zur Entgegennahme des Friedenspreises hatte Abiy den Krieg im vergangenen Jahr noch als „Inbegriff der Hölle“ bezeichnet. Jetzt scheint er ihn als Fortsetzung seiner Politik mit anderen Mitteln zu sehen.

Äthiopien: Präsident und Friedensnobelpreisträger Abiy heizt Krieg in Tigray an

Am Samstag setzte das Parlament in der Hauptstadt Addis Abeba Tigrays Provinzregierung ab – die Voraussetzung dafür, dass Abiy eine ihm genehme Administration einsetzen kann. Gespräche mit der bislang regierenden Volksbefreiungsfront Tigrays (TPLF) werden dadurch ausgeschlossen. Diese waren sowohl von UN-Generalsekretär António Guterres wie von der Afrikanischen Union gefordert worden. Stattdessen wetterte Abiy, dass „kriminelle Elemente dem Recht nicht unter dem Deckmantel der Versöhnung“ entkommen könnten. Aus der Provinz selbst werden unterdessen täglich zum Teil schwere Kämpfe gemeldet. Weil die Mobilfunk- und Internetverbindungen nach Tigray unterbrochen wurden, sind Details über die dortige Lage kaum zu erhalten.

Einheimische Ärzt:innen und Mitglieder ausländischer Hilfsorganisationen berichten von Dutzenden von Toten und Hunderten von Verletzten. Dabei soll es sich vor allem um Soldaten handeln. Die Kämpfe konzentrieren sich offenbar im Westen der Provinz. Dort hätten die Streitkräfte bereits vier Ortschaften eingenommen, heißt es in Addis Abeba. Außerdem habe die Luftwaffe so gut wie alle schweren Waffen der Aufständischen zerstört.

Ethnische Spannungen zwischen Omoro, Amhara und den Tigray verschärfen Konflikt in Äthiopien

Entscheidend ist die Beantwortung der Frage, wie sich der in Tigrays Hauptstadt Mekele stationierte „Northern Command“ verhält, eine von vier Divisionen der Streitkräfte Äthiopiens. Nach Angaben der TPLF sind sämtliche Soldaten des Northern Command zu den aufständischen Tigray übergelaufen. Beobachterinnen und Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass das zumindest für einen Teil der Uniformierten gilt, nämlich diejenigen, die dem Volk der Tigray angehören.

Sie machen rund sechs Prozent der äthiopischen Bevölkerung aus, waren in den vergangenen drei Jahrzehnten jedoch überproportional stark in den Streitkräften und der Zentralregierung vertreten. Erst Abiy, der väterlicherseits dem Mehrheitsvolk der Oromo und mütterlicherseits den Amhara angehört, drängte den Einfluss der Tigray in jüngster Zeit stark zurück; der Hintergrund für den derzeitigen Konflikt.

Abiy Ahmed: Vorschusslorbeeren für einen, der im Konflikt gegen die Tigray brutal vorgeht

Nach seinem Amtsantritt im April 2018 hatte sich der ehemalige Geheimdienstoffizier mit zahlreichen hoffnungsvollen politischen Initiativen ausgezeichnet: Er ließ die politischen Häftlinge frei, schloss Frieden mit dem Nachbarstaat Eritrea, nahm viele Frauen in seine Regierung auf und machte sich an eine Liberalisierung der verkrusteten Wirtschaft.

Sein Versuch, aus dem Vielvölkerstaat mit starken föderalistischen Zentrifugalkräften einen einheitlichen Nationalstaat zu machen, stößt jedoch nicht nur in Tigray auf Widerstand. „Abiy wird als Reformer schwer überschätzt“, meint Tsedale Lemma, Chefredakteur des unabhängigen Nachrichtenmagazins „Addis Standard“: „Abiy driftet leider in einen kompromisslosen Autoritarismus ab.“ (Johannes Dieterich)

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