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Unterstützerinnen des zurückgetretenen Präsidenten Evo Morales demonstrieren in der Stadt El Alto.

Umsturz

Boliviens Indigene: „Wir werden den Rassismus weiter bekämpfen“ 

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Die bolivianische Feministin Adriana Guzmán Arroyo spricht über die Folgen des Umsturzes in Bolivien.

In Bolivien bezeichnen sich von den knapp zehn Millionen Einwohnern etwa 40 Prozent als indigen. Nach dem Rücktritt von Präsident Evo Morales befürchten viele von ihnen Repressionen. Adriana Guzmán Arroyo gehört der Organisation „Feminismo Comunitario Antipatriarcal“ an. Die Indigene ist seit langem eine hörbare Stimme einer Bewegung, die für einen kommunitären Feminismus streitet. Die Organisation steht mit den wichtigsten bäuerlichen, indigenen und gewerkschaftlichen Organisationen Boliviens im Austausch. Der kommunitäre Feminismus grenzt sich von den westlichen Feminismen ab: Der Ansatz ist stark von einer indigenen Vorstellung von Kollektivität geprägt.

Bolivien und der Umsturz - ein Land militarisiert sich

Wie beurteilen Sie die aktuelle politische Lage in Bolivien?
Sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes wird gefragt, ob es ein Staatsstreich war oder nicht. Für uns ist es ein Putsch.

Woran machen Sie das fest?
Das Militär schießt auf den Straßen, das Land militarisiert sich und man kann sich nicht mehr frei bewegen. Ich muss mich verkleiden, um meine indigene Identität zu verbergen, wenn ich auf die Straße gehe. Zeitgleich findet ein Schlag gegen indigene Medien und die Pressefreiheit statt. Entweder werden die Medien abgeschaltet oder es läuft Musik, so als ob alles normal sei im Land. Derweil erhalten Journalisten Morddrohungen. Die neue Kommunikationsministerin Roxana Lizárraga hat angekündigt, dass allen Journalisten der Prozess gemacht werden soll, wenn sie zu Gewalt aufrufen oder Informationen veröffentlichen, die zu Zusammenstößen führen. Die internationale Presse wird verfolgt. Am Samstag mussten argentinische Journalisten das Land verlassen. Außerdem wurde ein Amnestiedekret erlassen, das Polizei und Militär Straffreiheit in ihrem Handeln gewährt, selbst dann, wenn sie jemanden töten.

Adriana Guzmán Arroyo gehört der indigenen Gruppe der Aymara an.  

Welches Ziel hat die Einschränkung der Pressefreiheit?
Die Kontrolle über die Medien unterdrückt alle Stimmen, die von einem Putsch reden. Stattdessen wird gesagt, es sei ein demokratischer Übergangsprozess. Und dass wir, die indigenen Frauen und Männer, die Aggressoren sind.

Wen verorten Sie dahinter?
Auf der Straße säen bewaffnete und motorisierte Gruppen Terror. Die Drahtzieher sind Unternehmer, für die Luis Fernando Camacho spricht. Er ist der Präsident des Bürgerkomitees des Bundesstaates Santa Cruz. Die Komitees sind zivile Zusammenschlüsse unterschiedlicher lokaler und regionaler Akteure, in Santa Cruz dominiert die Unternehmerseite das Bündnis. Der Bundesstaat ist in den Händen von Großgrundbesitzern, Oligarchen und Unternehmern der Soja-, Holz- und Ölbranche.

Bolivien: Die Bibel zurück im Regierungspalast

Sie behaupten, dass die Gruppe um Camacho religiös-rassistische Züge aufweist.
Viele Mitglieder gehören zu evangelikalen Kirchen. Camacho verkündete, dass Evo Morales ein Diktator sei. Dass man ihn aus der Regierung entfernen müsse, um die Demokratie zurückzuerobern. Und dass man die Bibel in den Regierungspalast zurückholen müsse. Er sagte wortwörtlich, man müsse das Land wieder in Gottes Hände legen. Als Evo zurücktrat, betrat Camacho den Regierungspalast, legte die Bibel auf die Nationalfahne und sagte: „Wir werden die Pachamama aus dem Regierungspalast vertreiben.“ Die Pachamama ist die Mutter Erde. Sie spielt im „plurinationalen Staat“ Bolivien eine zentrale Rolle, seit Morales an die Regierung kam. Dann verbrannte Camacho die Wiphala, die Fahne der Farben, die für alle indigenen Völker und Gemeinden im Land steht.

Was verbindet Camacho und das Militär?
Er ist Sohn eines Paramilitärs, der in den achtziger Jahren auf der Seite der Militärputsche stand. Camacho wuchs zwischen Soldaten auf und unterhält sehr gute Beziehungen zu ihnen. Schritt für Schritt konnte er Teile der Polizei und der Armee auf seine Seite ziehen.

Enttäuschte Hoffnungen: Warum die Menschen in den „eigentlich reichen Länder“ auf die Straße gehen

Putsch in Bolivien

Welche Rolle spielt noch der rechte Kandidat Carlos Mesa, der bei der Wahl am 20. Oktober gegen Morales angetreten war?
Er hat jegliche Vormachtstellung verloren. Seine Stimme hat kein Gewicht mehr.

Sollte dies das Ende der Ära Morales sein, was bedeutet das für die indigene Bevölkerung?
Wenn der Putsch Erfolg hat, müssen wir wieder unsere Köpfe senken und werden wieder aus allen Bereichen ausgeschlossen sein. Erneut werden wir zu Dienerinnen der Weißen und sollen ihre Häuser putzen und ihre Herden versorgen. Wir gehen nicht auf die Straße, um die Partei von Evo, die MAS, zu verteidigen. Wir verteidigen hier unsere Würde, die Möglichkeit weiter leben zu können. Wir als indigene Völker werden aus dem Kampf mit denen, die den Staat wieder unter ihre Kontrolle bringen wollen, gestärkt hervorgehen. Wir werden den Rassismus weiter bekämpfen. Meine Organisation muss diesen Moment nutzen, um sich neu aufzustellen, den Putsch zurückzudrängen und darüber nachzudenken, wie wir diesen Prozess des Wandels in Zukunft gestalten wollen.

Interview: Timo Dorsch

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