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Das kanadische „Plus-Size-Model“ Julianna Mazzei hat keine Probleme damit, ihren Körper zu zeigen.

Bodyshaming

Diskriminierung Übergewichtiger wird als politische Waffe benutzt

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Übergewicht kann gesundheitsschädlich sein. Doch wer andere wegen ihres Körpers diskriminiert, hat nicht das Wohlergehen der Betroffenen im Blick.

Du solltest weniger essen und Sport machen. Friss die Hälfte dann wird das was.“ So kommentiert User @JosefZweck5 einen Tweet der Grünenpolitikerin Ricarda Lang vom 3. Februar über Seenotrettung. Das ist für Lang nichts Neues, sie kennt die Masche. Sie wird immer wieder für ihre politischen Aussagen mit Hasskommentaren zu ihrem Aussehen konfrontiert. Lang ist – von der „Norm“ ausgehend – übergewichtig und nennt sich selbst dick.

Doch was das mit ihrer politischen Meinung zum Klimaschutz, der Bildungspolitik oder eben der Seenotrettung zu tun haben soll, sieht sie nicht ein. Lang hat die Mechanismen des sogenannten Bodyshaming durchschaut und ihnen den Kampf angesagt.

An ihrer Seite stehen andere Aktivisten und Wissenschaftler. Fat-, Body- oder Faceshaming: Die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Aussehens erfährt in der jüngeren Zeit zwar mehr Aufmerksamkeit – doch wirklich bekämpft wird sie immer noch nicht. Woran das liegt und warum Bodyshaming so gut funktioniert, das versuchen Experten und Aktivisten zu klären.

Diskriminierung Dicker geht auf falsche Annahmen zurück

Wie immer bei Vorurteilen: Die Diskriminierung von dicken Menschen geht auf falsche Annahmen und fehlendes Wissen zurück. „Die meisten Menschen, die stark übergewichtig sind, sind tatsächlich krank“, erläutert Martina de Zwaan, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Präsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft.

„Doch selbst ärztliche Kollegen tun sich manchmal schwer damit, zu akzeptieren, dass es sich um eine Krankheit handelt“, sagt de Zwaan. In der Gesellschaft herrsche ebenfalls immer noch die Meinung, dass dicke Menschen einfach faul und undiszipliniert seien.

De Zwaan weist darauf hin, dass stark übergewichtige Menschen, die bei ihr in Behandlung sind, deshalb abnehmen müssen, weil das hohe Körpergewicht bestimmte Krankheiten fördert oder bedingt. „Hohes Übergewicht kann zu Krankheiten wie Diabetes Typ II oder Bluthochdruck führen und muss deshalb behandelt werden. Auch entsteht ein hoher Leidensdruck für die Patienten, wenn sie aufgrund ihres Gewichts diskriminiert werden und sie wollen deshalb abnehmen. Aber der Wunsch, sich der gesellschaftlichen Norm anzupassen, sollte der letzte Grund für an Adipositas Erkrankte sein, um Gewicht verlieren zu wollen“, betont de Zwaan.

Modemagazine reagieren auf Body-Positivity-Aktivisten

Immer lauter und häufiger machen sogenannte Body-Positivity-Aktivisten klar, dass sie gesund leben und Sport treiben, aber eben trotzdem keine Kleidergröße 36 haben - und es auch nicht anstreben. Sie verweigern sich damit der Norm und fordern für sich einen Platz in einer Welt voller Schlankheitsideale. Ihr Protest wirkt. Modemagazine drucken Fotos von sogenannten Plus-Size-Models auf den Covern; in sozialen Medien erhalten dicke Frauen mehr positive Aufmerksamkeit; und weil diskriminierte Menschen sich nun öfter an die Öffentlichkeit wenden, wird deutlich, dass Bodyshaming eigentlich ein Instrument zur Unterdrückung ist. Vor allem von Frauen – denn immer noch sind sie häufiger als Männer Opfer des Bodyshaming, weil sie viel stärker den gesellschaftlich vorgegebenen Schönheitsidealen unterliegen.

Wenn Twitter-Nutzer wie @JosefZweck5 eine Aussage zu einem politischen Thema mit einer Beleidigung des Aussehens verbinden, wollen sie Frauen einschüchtern. Die Betroffenen sollen sich zukünftig nicht mehr trauen, ihre Meinung zu äußern, sonst droht noch mehr Anfeindung.

Die Debatte über den Hass im Netz zeigt wieder: Reaktionäre Kommentatoren wollen Frauen mit einer eigenen Meinung zum Schweigen bringen, indem sie die als „hässliche“ oder „wertlose“ Frauen beleidigen. Und dicke Frauen sollen zum Schweigen gebracht werden, weil sie weiblich UND dick sind – eine Diskriminierung im zweifachen Sinne. Damit sind dicke Frauen, die sich trauen ihren Platz lautstark einzufordern, die größte Bedrohung für den Status quo einer patriarchalen Gesellschaft und werden deshalb besonders oft Opfer von Bodyshaming.

Magda Albrecht: „Dickenfeindlichkeit hängt stark mit Sexismus zusammen“

Aber warum funktioniert das? Die Beleidigungen greifen gesellschaftlich breit akzeptierte Vorurteile auf, die Mobber werfen den Betroffenen vor, selbst verantwortlich für die eigenen Situation zu sein. Das passt nur zu gut in eine Gesellschaft, die oft jene abwertet, die nicht der Norm entsprechen und ihnen vorwirft, nichts zu ändern oder nicht noch „mehr aus sich machen“. Diesen Zusammenhang sieht auch Magda Albrecht.

Die Autorin und Aktivistin hat mit ihrem Buch „Fa(t)shionista: Rund und glücklich durchs Leben“ und Vorträgen zum Thema Bodyshaming bereits viel Aufklärung betrieben. Für sie ist es besonders wichtig zu betonen: „Dickenfeindlichkeit hängt stark mit Sexismus zusammen, hat aber eine eigenständige Logik, die stark mit Kapitalismus zusammenhängt.“ Denn von dem Schlanksein-Ideal profitierten milliardenschwere Diätunternehmen, die Pharmalobby und die Fitnessindustrie, so Albrecht. „Da geht es wenig um Gesundheit oder Wohlfühlen, sondern schlicht darum, die neuesten Diätpillen oder Abnehmprogramme möglichst teuer zu verkaufen.“

Statt den Körper also als das zu akzeptieren, was er ist und vor allem in welcher Form und Ausprägung, wird alles außerhalb des gesellschaftlich akzeptierten Rahmens bekämpft, abgestempelt, verunglimpft. Und wenn man es dann noch schafft, mit dieser breit akzeptierten Form der Diskriminierung politische Gegner einzuschüchtern, hat man als „Hater“ gewonnen.

Drang nach Selbstoptimierung nimmt in Gesellschaft zu

Die Wissenschaftlerin Lotte Rose, die zusammen mit Friedrich Schorb die in Deutschland viel beachteten „Fat Studies“ herausgegeben hat, sieht ein weiteres Problem darin, dass ein immer größer werdender Drang nach Selbstoptimierung tief in unserer neoliberalen Gesellschaft verwurzelt ist. „Es wird immer noch angenommen, dass der Körper etwas ist, das nicht schicksalshaft ist. Im Vergleich zu einer Hautfarbe, Religion oder einem Geschlecht ist der Körper im Verständnis unserer Gesellschaft also etwas, das veränderbar ist.“ Und dass dementsprechend von jenen, deren Körper aus der „Norm“ fällt, erwartet werde, den Körper anzupassen.

„Die Haltung ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘ führt dann auch zu einer stärkeren Entsolidarisierung, die einer Entwicklung hin zu einer progressiven Gesellschaft entgegen steht“, mahnt Rose. Sie ist Professorin für Pädagogik in der Kinder- und Jugendarbeit an der Frankfurt University of Applied Science und engagiert sich zudem in der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung.

Rose beobachtet jedoch auch eine steigende Aufmerksamkeit für das Thema Bodyshaming. Und dass es mittlerweile eine Verschiebung der Maßstäbe, die an Männerkörper angelegt werden, gebe. „Auch Männer sind nicht mehr vor einer Diskriminierung ihre Körpers gefeit. In der Leistungsgesellschaft ist besonders in den privilegierten Milieus ein Bierbauch nicht mehr akzeptiert.“ Der Körper werde – besonders in den wohlhabenden Schichten beruflich erfolgreicher Menschen – als Investition betrachtet, aus dem möglichst viel rausgeholt werden müsse.

Vielleicht führt der steigende Druck auf sie dazu, dass sich auch Politiker und Männer in der Zivilgesellschaft stärker für den Kampf gegen Körperdiskriminierung einsetzen.

WAS IST BODYSHAMING?

Das englische Wort Bodyshaming steht für Körper- oder Gewichtsdiskriminierung. Wenn Menschen alleine aufgrund ihrer Körperform, ihres Gesichts, ihres Gewichts oder ihres Aussehens im Allgemeinen beleidigt und herabgesetzt werden, wird dieser Begriff gebraucht. Er ist besonders in den digitalen Netzwerken zu lesen und wurde dort geprägt, ähnlich wie „Shitstorm“. Shaming ist die aktive Form des englischen Worts „to shame sb.“ – jemanden beschämen. elm

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