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Bodo Ramelow steht nach der Wahl eine schwierige Regierungsbildung bevor.

Wahlanalyse

Bodo Ramelow bei jungen Städterinnen beliebt

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  • Marcel Sacha
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Wahlanalysen erklären nach der Thüringer Landtagswahl die Stärke von Bodo Ramelows Linkspartei und Björn Höckes AfD - und fördern überraschende Ergebnisse zutage.

Das Ergebnis der Landtagswahl in Thüringen wirft viele Fragen auf: Wie konnte es zu einem so komplizierten Ergebnis kommen? Wie erklärt sich das gute Abschneiden von Bodo Ramelows Linken? Und woher kommt der enorme Stimmenzugewinn der Höcke-AfD? Ein Blick auf die Ergebnisse der Wahlbefragung des Umfrageinstituts Infratest Dimap gibt erste Antworten.

Dass sich etwa die Linke mit 31 Prozent der Stimmen und deutlichem Abstand zur AfD als Wahlsiegerin feiern kann, hat sie vor allem den älteren Thüringern zu verdanken. 40 Prozent der Generation 60 plus gaben ihre Stimme demnach der Partei von Ministerpräsident Bodo Ramelow. Die AfD kam in dieser Altersgruppe hingegen nur auf 17 Prozent. Noch deutlicher ist der Unterschied bei den Wählern jenseits der 70. Hier konnte die AfD nur 13 Prozent der Stimmen für sich verbuchen, während für die Linke 41 Prozent stimmten.

Das gute Abschneiden der Linken bei den Senioren ist vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen: Einerseits schneidet die Partei in den ostdeutschen Bundesländern bei älteren Wählern traditionell besser ab als im Gesamtergebnis. Andererseits lässt sich – wie schon bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg – bei den älteren Wählern eine Tendenz in Richtung des amtierenden Ministerpräsidenten feststellen.

Anders sieht es bei den 18- bis 59-Jährigen aus. Hier stimmten 26 Prozent für die Linke, während die AfD in dieser Altersgruppe 27 Prozent der Stimmen erhielt und stärkste Kraft wurde. Außergewöhnlich ist die Stärke der AfD bei den Erst- und Jungwählern. Während die Partei bei den anderen ostdeutschen Landtagswahlen in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen im Vergleich zum Gesamtergebnis zuletzt jeweils deutlich schlechter abschnitt, gleicht das Thüringer Ergebnis unter den jungen Wählern mit 23 Prozent dem der Gesamtbevölkerung.

Anders als zuletzt konnten auch die Grünen bei den jungen Wählern nicht richtig punkten. Zwar liegen sie mit einem Anteil von 13 Prozent unter den 18- bis 24-Jährigen auch in Thüringen deutlich über dem Gesamtergebnis von 5,2 Prozent. Von einem Höhenflug wie in Sachsen oder Brandenburg (20 und 27 Prozent) kann aber keine Rede sein. Sogar in Erfurt wählte nur etwa jeder Zehnte die Grünen. In größeren Städten schnitt die Ökopartei zuletzt besonders stark ab.

Höcke liebäugelt mit Bundesvorsitz
Thüringens AfD-Chef Björn Höcke sieht sich und den radikalen „Flügel“ seiner Partei nach den drei erfolgreich verlaufenen Landtagswahlen im Aufwind – und meldet Ansprüche der ostdeutschen Landesverbände für die Neuwahl des Bundesvorstands Ende November an. Ob er selbst für die Nachfolge von Alexander Gauland kandidieren möchte, ließ er ausdrücklich offen.

Woher die Gewinne der Linken mit 2,8 Prozent und der AfD mit 12,8 Prozent kommen, verrät ein Blick auf die Wählerwanderung: Nach Verrechnung von Zu- und Abströmen zwischen den Parteien verlor die SPD 20.000, die CDU sogar 23.000 Stimmen an die Linke. Den größten Zugewinn im Vergleich zur Landtagswahl 2014 verzeichnete die Partei aber mit 53.000 zusätzlichen Stimmen bei den Nichtwählern.

Deutlich stärker als alle anderen Parteien hat aber die AfD aus dem Lager der vorherigen Nichtwähler dazugewonnen. 78.000 Menschen, die ihre Stimme bei der Landtagswahl 2014 nicht abgegeben hatten, machten nun ihr Kreuz bei der AfD – das sind mehr Menschen, als 2014 in Thüringen überhaupt AfD gewählt haben. Den zweitgrößten Zugewinn (36.000 Stimmen) erhielt die AfD aus dem Lager ehemaliger CDU-Wähler, und auch die Linke verlor 16.000 Wähler an die Höcke-Partei.

Noch ein weiterer Faktor liefert bei der Wahlanalyse ein interessantes Ergebnis. Ist dieser Tage häufig vom alten weißen Mann die Rede, der sich vor Veränderungen fürchte und frustriert rechte Populisten wähle, zeigt sich, dass dieses Klischee in Thüringen nur bedingt gilt. Zwar fällt der Unterschied zwischen Männern und Frauen bei der AfD besonders deutlich auf: Während 28 Prozent der Männer der Partei ihre Stimme gaben, waren es bei den Frauen nur 18 Prozent. Einen größeren Geschlechterunterschied gibt es bei keiner anderen Partei.

Doch hat der „alte weiße Mann“, der laut links-progressiver Definition primär im ländlichen Raum anzutreffen ist, dort mehrheitlich der Linken sein Vertrauen geschenkt. Demnach votierten nur 20 Prozent der „älteren Männer auf dem Land“ für die AfD, also drei Prozent weniger als alle Altersgruppen im gesamten Bundesland. Die Linke hingegen konnte in dieser Bevölkerungsgruppe 37 Prozent der Stimmen für sich gewinnen. Der Wert liegt also fünf Prozentpunkte über dem Gesamtergebnis der Partei von Ministerpräsident Ramelow.

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Bemerkenswert schwach schnitt die AfD bei jüngeren Frauen in Städten ab. Von ihnen gaben lediglich 14 Prozent der Partei von Björn Höcke ihre Stimme. Ramelows Linke hingegen konnte bei diesen Frauen mit 37 Prozent ein überdurchschnittliches Ergebnis einfahren – ein Milieu, das in der jüngeren Vergangenheit vor allem den Grünen gute Wahlergebnisse beschert hatte.

Deutliche Unterschiede bei der Wahlentscheidung gibt es auch mit Blick auf den Berufsstand der Wähler. Während die AfD vor allem bei Arbeitern und Selbstständigen (39 und 28 Prozent) punkten konnte, holte die Linke bei Rentnern (40 Prozent) überdurchschnittliche viele Stimmen. Hier kam die AfD nur auf 17 Prozent.

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