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Alles Fassade. Und ansonsten hohe Zäune: Das Hauptquartier des Bundesnachrichtendienstes in Berlin.

BND

Eine Milliarde hinter Schießscharten

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Das neue Berliner Hauptquartier des Bundesnachrichtendienstes wird in Betrieb genommen.

Everhard Holtmann hat mit dem neuen Bundesnachrichtendienst kein Problem. „Ich teile nicht die verbreitete Kritik, dass das Gebäude besonders hässlich sei“, sagt der Politikwissenschaftler, der seit 2016 direkt gegenüber wohnt. Es handele sich um einen „Spagat zwischen Sparsamkeit und Ästhetik“, der „nicht völlig misslungen“ sei.

Am Freitagvormittag wird Kanzlerin Angela Merkel das Gebäude in Berlin-Mitte eröffnen, das auf einer Bruttogrundfläche von 260.000 Quadratmetern 4000 Büros beherbergt. Damit geht eine kontroverse Geschichte zu Ende.

Die Entscheidung, in Berlin einen Neubau zu errichten und den Auslandsnachrichtendienst aus Pullach südlich von München dorthin zu verlagern, fiel 2003 und war umstritten. Das hatte mit den Kosten zu tun, aber auch mit Aversionen gegen eine Zentralisierung in Berlin und dem Interesse Bayerns, den Standort Pullach mit seinen vielen lukrativen Arbeitsplätzen zu erhalten. 2008 wurde der Grundstein gelegt, 2010 Richtfest gefeiert. 2015 kam es dann zu einem Zwischenfall. Da stahlen Unbekannte auf der bestens gesicherten Baustelle fünf Wasserhähne, wonach große Mengen Wasser austraten. Der Schaden wurde auf eine Million Euro taxiert, der oder die Täter wurden nie gefunden.

Bereits 2014 war der nördliche Teil des Gebäudes in Nutzung übernommen worden. Dort befinden sich die Logistik, die Energiezentrale und die Sicherheitsschleuse, durch die bis zum Klopapier alles rein und der Müll rauskommt. Ende 2017 folgten der erste Umzug durch die Abteilung Terrorismus und im Sommer kamen Präsident Bruno Kahl und der Leitungsstab, die bis zuletzt in der Berliner Dependance in Lichterfelde West gesessen hatten. Zuletzt kamen „die Pullacher“.

Nun gehen die Urteile über die äußere Erscheinung des BND auseinander. Manche fühlen sich beim Blick auf die Fenster an Schießscharten erinnert. Fest steht, dass der Dienst jetzt dichter an der Regierung liegt, für die er arbeitet. Das war ein Ziel. Fest steht auch, dass der gigantische Bau dem Areal zwischen Berlin-Mitte und Wedding einen enormen Schub gegeben hat. Wo zu DDR-Zeiten das Stadion der Weltjugend stand und anschließend viel Brachfläche zwischen Ost- und West-Berlin war, sind heute neben dem BND zahlreiche weitere Büros, gehobene Geschäfte, Restaurants, Hotels und vornehme „Townhouses“, die es früher nicht gab. Dafür gibt es aber auch zwei Probleme.

Das eine ist, dass laut BND 100 Mitarbeiter, die aus Pullach weg sollten, bis heute nicht wollen. Ohnehin bleibt die Abteilung Technische Aufklärung mit 1500 Mitarbeitern in Pullach und an anderen Standorten in Bayern. Das andere Problem sind – wie immer – die Kosten. Ursprünglich wurden sie auf 720 Millionen Euro taxiert. 2014 war dann von 912 Millionen Euro die Rede. Jetzt sind es offiziell 1,08 Milliarden – plus, so der „Tagesspiegel“, 300 Millionen für Umzug und Erstausstattung.

Eine Sprecherin des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Derzeit können notwendige Kostenfortschreibungen, die grundsätzlich bei jedem Bauvorhaben wegen Baupreis-Indexsteigerungen zu erwarten sind, noch nicht im Voraus berücksichtigt werden, da gemäß Bundeshaushaltsordnung nur die Kosten im Jahr der Aufstellung zum Ansatz gebracht werden dürfen.“ Sprich: im Jahr der Planung.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Marco Wanderwitz, fordert, dies zu ändern. „Wir können die mit Sicherheit zu erwartenden Preissteigerungen im Vorfeld nicht einstellen“, sagte er dem RND. „Damit geraten wir automatisch in Erklärungsnot. Das zu ändern, würde uns als Bauministerium sehr gefallen. Doch bisher sind wir beim Bundesfinanzministerium regelmäßig gegen eine Wand gelaufen.“ SPD-Haushaltsexperte Johannes Kahrs mahnt ebenfalls Korrekturen an. „Der Bund sollte sich ein Vorbild an Hamburg nehmen und das Bundesrecht ändern“, sagt er. „Hamburg preist die Inflation ein und bekommt damit einen ehrlicheren Preis. So ein Verfahren sollte auch der Bund einführen.“

Der Dienst

Der Bundesnachrichtendienst, offiziell gegründet am 1. April 1953, ist das Kind eines ehemaligen Wehrmachtsoffiziers: Generalmajor Reinhard Gehlen.

Gehlen führte bis 1945 die Aufklärungsabteilung „Fremde Heere Ost“ im obersten Wehrmachtsstab, die bis zum Zusammenbruch des Hitlerreichs als der erfolgreichste deutsche Auslandsgeheimdienst galt. Bis heute gibt es allerdings Zweifel daran, ob nicht das Renommee der Abteilung vornehmlich an Gehlens Imagepflege lag.

Bei Kriegsende versteckte Gehlen praktisch alle Akten der „Fremde Heere Ost“ und – so will es die Legendenbildung des Dienstes – befahl seinen Untergebenen, sich dünne zu machen. Wenn alles vorbei sei, werde man sich schon wiedersehen. Die gesicherten Akten wollte er den Westalliierten präsentieren und sich ihnen so andienen für weitere Spionage gegen die Sowjetunion und deren Verbündeten.

Die Amerikaner hatten an dem gefangenen General erstmal wenig Interesse. Bis Gehlen in Wiesbaden auf einen US-General traf, der den Kalten Krieg schon voraussah – ein Krieg, für den sich Reinhard Gehlen dringend empfahl. Ansonsten hätte er mit Auslieferung an die Russen rechnen müssen.

In den USA konnte Gehlen dann weitere Überzeugungsarbeit leisten und kehrte 1946 zur Gründung der „Organisation Gehlen“ innerhalb der US-Besatzungsbehörde nach Deutschland zurück. Für die Organisation holte er das versteckte Material der „Fremde Heere Ost“ hervor und rekrutierte ehemalige Untergebene von vor 1945.

Ab 1951 wurde im Stillen dann auf den Etagen der politischen Führung der neuen Bundesrepublik Deutschland die Einrichtung eines Auslandsgeheimdienstes diskutiert. Gehlens Organisation war zur Stelle und in den ersten drei Jahren bis 1956 wurden mehrere Tausend Mitarbeiter eingestellt. Ein erklecklicher Anteil von ihnen hätte eine ernsthaft betriebene Entnazifizierung nie straffrei überstanden.

Bis zur Wende 1989 litt der BND an von der Stasi erfolgreich infiltrierten Maulwürfen und galt auch nie als sonderlich effektiv. Ein immer noch geheimer Bericht von 1968 soll Korruption und Vetternwirtschaft auflisten. Über Erfolge des Dienstes ist praktisch nichts bekannt – dafür hat Gehlen bis zu seinem Abgang 1968 und auch danach intensiv versucht, seinen Dienst ins beste Licht zu rücken.

Heute hat der BND seine Arbeit mit Hunderten anderer Dienste verzahnt. Seit 2014 läuft wegen der NSA-Affären eine Transparenz-Offensive des BND. Wirklich durchsichtig ist die geheimdienstliche Tätigkeit aber bis dato immer noch nicht – naturbedingt. rut

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