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Zorn in Teilen Afrikas: „Blutdiamanten“ in Elizabeths Krone hauchen ihm neues Leben ein 

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Von: Johannes Dieterich

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Kolonialer Makel: Die Krone der Queen verdankt ihren Glanz auch einem Riesendiamanten aus Südafrika.
Kolonialer Makel: Die Krone der Queen verdankt ihren Glanz auch einem Riesendiamanten aus Südafrika. © Heritage Images/Imago

Der Tod von Queen Elizabeth II. belebt in Afrika den Zorn über grausame Exzesse der britischen Kolonialmacht.

London – Zu allem Unglück jetzt auch noch das. In Südafrika werden Rufe laut, die eine Rückgabe wesentlicher Teile der britischen Kronjuwelen fordern. Gemeint ist vor allem der „Great Star of Africa“: Der mit seinen ursprünglichen 3106 Karat größte Diamant der Welt, dessen Bestandteile sowohl im königlichen Zepter wie in der Krone Verwendung fanden.

Gefunden wurde der Edelstein von der Größe eines menschlichen Herzens Anfang des vergangenen Jahrhunderts im südafrikanischen Städtchen Cullinan: Damals war das Land noch eine Kolonie der britischen Krone. Offensichtlich war es selbstverständlich, dass der wertvollste Gesteinsfund der Menschheitsgeschichte dem Herrscher über das umfangreichste Imperium der Weltgeschichte zukommen musste: Und zwar kostenlos, als Geburtstagsgeschenk für Edward VII.

70 Jahre auf dem Haupt der Queen: „Nichts anderes als kolonialer Diebstahl“

Dessen Nichte Elizabeth trug den von Diamantenschleifern in Antwerpen in handhabbare Stücke zerteilten Stein 70 Jahre lang zur Schau. „Nichts anderes als kolonialer Diebstahl“, schimpft die Sprecherin der südafrikanischen Oppositionspartei „Economic Freedom Fighters“ (EFF), Leigh-Ann Mathys: Wie alle anderen geklauten Kunst- und Schmuckstücke Afrikas müsse der Große Star zurückgegeben werden. „Genau genommen handelt es sich um einen Blutdiamanten“, gibt Everisto Benyera, Politikprofessor an der Universität von Südafrika (Unisa), der Parteisprecherin recht.

Die von zahlreichen politischen Aktivist:innen in Afrika erhobene Forderung ist nur der vorläufige Höhepunkt einer Welle der Empörung, die angesichts der beispiellosen Zeremonien um den Tod der britischen Monarchin über den Kontinent schwappte. Besonders drastisch drückte sich die aus Nigeria stammende Professorin an der amerikanischen Carnegie Mellon University, Uja Anya, aus. Sie wünschte Elizabeth II einen „qualvollen“ Tod: „Wer erwartet hatte, dass ich etwas anderes als Verachtung für eine Monarchin übrig habe, welche eine Regierung beaufsichtigte, die einen Völkermord unterstützte, der die Hälfte meiner Familie massakrierte oder vertrieb, der täuscht sich gewaltig“, schrieb sie auf Twitter.

London unterstützte mörderische Strategie: Im heutigen Nigeria kamen zwei Millionen zu Tode

Die Professorin meinte den nigerianischen Biafra-Krieg, der Ende der 60er Jahre bis zu zwei Millionen Angehörigen des Igbo-Volks das Leben kostete: Damals unterstützte London die mörderische Strategie des Aushungerns seitens der nigerianischen Regierung. Twitter nahm den anstößigen Beitrag Anyas flugs vom Netz, ihre Universität mahnte die Professorin ab.

Die Kritik an der zumindest stillschweigenden Tolerierung brutalster Exzesse der britischen Kolonialmacht durch die Queen wird so allerdings nicht zum Verstummen gebracht. Zu präsent ist die Erinnerung daran im Gedächtnis vieler Afrikaner:innen. Etwa die blutige Niederschlagung des kenianischen Mau-Mau-Aufstands nur wenige Monate nach dem historischen Besuch Elizabeths im Februar 1952: Dort war sie in einer Luxus-Lodge als Prinzessin schlafen gegangen und nach dem nächtlichen Tod ihres Vaters als Königin aufgewacht.

Elizabeth II.: Nachfahren erinnern an den Mau-Mau-Widerstand - Die Queen verhinderte ihn nicht

In den folgenden acht Jahren fanden bei der Niederschlagung der Rebellion mindestens 11.000 Kenianer und Kenianerinnen den Tod: Mehr als 1000 von ihnen ließ die britische Kolonialbehörde exekutieren, Tausende foltern, 160.000 in Konzentrationslager sperren.

Noch immer erinnert sich die Tochter des Anführers des Mau-Mau-Aufstands, Dedan Kimathi, an die Briefe, die ihre Mutter an die Queen schrieb, um sie zur Begnadigung ihres Mannes zu bewegen: vergeblich. Dedan wurde am 18. Februar 1957 gehängt, sein Leichnam in einem nicht markierten Grab verscharrt.

Nach dem Ableben von Elizabeth II. wird immer noch auf Reparationszahlungen gewartet

In den überbordenden posthumen Würdigungen der „pflichtbewussten“ Monarchin kommen solche Geschehnisse nicht zur Sprache. Die „königliche Mythenmaschine“ drehe sich auf Hochtouren, meint die kenianische Autorin Shailja Patel. Die Mythenmacher konzentrieren sich auf den Einsatz der Queen beim Aufbau des Commonwealth, dem Nachlassverwalter des zerbrochenen Empires. Als Oberhaupt des anachronistischen Zusammenschlusses tanzte Elizabeth mit dem sozialistischen Panafrikaner Kwame Nkrumah und duzte sich nach dessen Freilassung mit Nelson Mandela. Dass sie dessen Befreiungskampf unterstützt hätte, lässt sich aber kaum behaupten.

Seit Jahrzehnten warten Millionen an Afrikanerinnen und Afrikanern vergeblich auf Zahlungen von Reparationen oder zumindest eine offizielle Entschuldigung der britischen Krone für die Gräuel der Sklaverei und des Kolonialismus. Dass unter Charles III. die Chancen dafür größer werden, ist nicht zu erwarten. (Johannes Dietrich)

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