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Blut spenden und zusammenrücken

Nach dem Anschlag glauben viele Moskauer, dass der Tschetschenien-Krieg ins "Herz des Landes" zurückgekehrt ist

Von Florian Hassel (Moskau)

Es war ein Aufruf, der in der Dramatik der Bilder leicht hätte untergehen können. Wenige Stunden, nachdem am Dienstag dutzende Überlebende der Explosion unter dem Moskauer Puschkin-Platz ins Sklifosowskij-Unfallkrankenhaus eingeliefert worden waren, bat der Chefarzt die Moskauer Bevölkerung um Hilfe. Die Mediziner hätten nicht genug Blutkonserven, um in den nächsten Tagen alle Schwerverletzten zu versorgen, die in der Klinik um ihr Leben ringen. Ab halb neun Uhr sei am Mittwoch deshalb die Blutsammelstelle der Klinik geöffnet.

So lange wollten viele Moskauer nicht warten. Schon eine Stunde vor der Öffnung standen dutzende williger Spender in einer langen Schlange vor einem unscheinbaren, grauen Gebäude am Großen Sucharewskij-Platz. Bis zum Mittag hatten allein in dieser Sammelstelle mehr als 500 Moskauer Blut gespendet. "Ich habe sofort gestern Abend entschieden, hierher zu kommen", sagt die 23 Jahre alte Unternehmerin Olga Hassan. "Das Schrecklichste ist, dass wir sonst nichts tun können."

Blut spenden, in Russland seit jeher Ausdruck des Zusammenrückens in Krisenzeiten, war für die Moskauer die einzige Möglichkeit, in einer Situation völliger Hilflosigkeit doch helfen zu können - oder zumindest das Gefühl des Helfens zu haben. Ansonsten blieb den Einwohnern der Zwölf-Millionen-Stadt und ihren Landsleuten nur das Gefühl völliger Ohnmacht - und vielen die Überzeugung, dass mit dem Bombenanschlag vom Dienstagabend der Tschetschenienkrieg ins Herz Russlands zurückgekehrt sei.

Ein Terrorist kann sich in der Tat kein besseres Ziel aussuchen als den Puschkin-Platz: Mit dem Denkmal des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin, Kinos und Theatern, Restaurants, Springbrunnen und baumgesäumten Boulevards ist der Platz an der Prachtstraße Twerskaja einer der beliebtesten Moskauer Treffpunkte. In den frühen Abendstunden durchqueren zehntausende Menschen das verzweigte Tunnelsystem unter dem Platz, wo drei U-Bahn-Linien zusammentreffen. An den Wänden reihen sich dutzende kleiner Kioske aneinander, in denen Zeitungen und Videos, Blumen, Schuhe und Uhren verkauft werden. Am Dienstag hielten sich kurz vor 18 Uhr schätzungsweise 2 000 Menschen in der unterirdischen Passage auf. Augenzeugen berichteten, zwei mit schwarzen Jeans und T-Shirts bekleidete Männer Ende 20 seien an den Kiosk Nr. 40 getreten und hätten sich bei der Verkäuferin für eine Tasche interessiert. Als sie die Ware in Dollar, der inoffiziellen russischen Leitwährung, bezahlen wollten, antwortete die Verkäuferin, sie dürfe nur Rubel annehmen.

Die Männer machten sich zu einer nahen Wechselstube auf - und ließen ihren Aktenkoffer am Kiosk zurück. Nach einigen Minuten schöpfte die Verkäuferin Verdacht. Doch bevor ein Wachmann den Aktenkoffer untersuchen konnte, explodierte die darin versteckte Bombe, die nach Auskunft von Innenminister Wladimir Ruschailo eine Sprengkraft von 400 Gramm TNT hatte.

Die Gewalt der Bombe tötete sieben vorbeieilende Passanten, darunter die 18 Jahre alte Olga Udalowa und die 20 Jahre alte Anna Fjodorowa. Granatsplittern gleich umherfliegende Glassplitter, Feuer und Rauch verwandelten die Überlebenden mit zerfetzten Kleidern und blutüberströmter, verbrannter Haut in Gestalten wie aus einem Horrorkabinett. Am Mittwoch stand die vorläufige Zahl der Opfer fest: sieben Tote und 93 Verletzte. Zwölf Schwerverletzte kämpfen um ihr Leben. Unter dem Puschkin-Platz reparieren Elektriker die vom Feuer geschmolzenen Stromleitungen. Niedergelegte Blumensträuße, rote Nelken und brennende Kerzen erinnern an die Toten.

Wie nach der Serie von Terroranschlägen im Herbst 1999 begannen Polizei und Geheimdienst in einer Neuauflage der Aktion "Wirbelsturm-Antiterror" in ganz Russland mit demonstrativem Aktionismus. An den Grenzen Moskaus stoppten die zu Zwölf-Stunden-Diensten verdonnerten Beamten alle Lastwagen, auf den Straßen, Bahnhöfen und U-Bahnen kontrollierten die Polizisten vor allem Kaukasier. Wie nach den Moskauer Anschlägen im September 1999 verbreitete die Polizei schnell Phantombilder dreier angeblicher Verdächtiger aus dem Kaukasus. Innenminister Ruschailo sagte, in der Nacht seien ein Tschetschene und ein Dagestaner festgenommen worden. Bei ihnen seien Rauschgift und "religiöse Literatur, die man den Wahhabiten bringen kann", beschlagnahmt worden. Eine Anspielung auf Islamisten, die den Krieg mit Moskau als Kampf für einen angeblich wahren Islam begreifen. Jedoch konnte den beiden Festgenommenen keine "direkte Beteiligung" an dem Anschlag nachgewiesen werden.

Die schnelle Präsentation der "üblichen Verdächtigen" ist nicht neu: Nachdem im September 1999 zwei Wohnhäuser in Moskau gesprengt worden und mehr als 200 Menschen gestorben waren, nahm der Geheimdienst zwei aus der tschetschenischen Nachbarrepublik Inguschetien stammende Männer fest und präsentierte sie im Fernsehen als angebliche Terroristen. Wochen später stellte sich, unbeachtet von den meisten russischen Medien, ihre Unschuld heraus. Bis heute haben die russischen Behörden nicht einen Beweis dafür vorgelegt, dass Tschetschenen für die Anschläge verantwortlich waren, die zur Rechtfertigung des Einmarsches russischer Truppen in Tschetschenien 1999 dienten. Viele Indizien weist darauf hin, dass der Inlandsgeheimdienst FSB die Attentate organisiert haben könnte, um Stimmung für den Krieg zu machen.

Tschetscheniens Präsident Aslan Maschadow dementierte nach dem Attentat am Dienstag eine tschetschenische Urheberschaft. "Weder die regulären tschetschenischen Streitkräfte noch die Geheimdienste oder die Feldkommandeure haben etwas mit der Explosion unter dem Puschkin-Platz zu tun", sagte Maschadow der Nachrichtenagentur afp. Doch in Moskau gab sich nicht nur Bürgermeister Jurij Luschkow überzeugt, das Attentat sei "zu hundert Prozent tschetschenische Arbeit". Die seriöse Tageszeitung Wremja Nowostei hatte "keinen Zweifel" an einem Attentat tschetschenischer Terroristen. "Der Alptraum wiederholt sich", schrieb die Iswestija. "Es ist alles das Gleiche wie vor einem Jahr. In Moskau, Wolgodonsk, Buinaksk. Wir befinden uns schon lange im Kriegszustand."

Der 38 Jahre alte Jagdflieger Sergej Amerchanow denkt wie die meisten anderen von der FR befragten Moskauer, "dass die Tschetschenen den Anschlag organisiert haben". Der 51-jährige Nasibulla Rafikow allerdings glaubt, dass der Anschlag "die Handschrift des FSB trägt. Putin will noch mehr Vollmachten, und in dem emotionalen Ausnahmezustand nach diesem Anschlag bekommt er sie auch." Wenn die Russen mit dem Moskauer Anschlag aus der Urlaubsstimmung des Augusts gerissen werden und erst jetzt das Gefühl haben, als sei der Krieg in die russische Hauptstadt zurückgekehrt, so liegt dies auch daran, dass sie das Leiden und Sterben tschetschenischer Zivilisten unter dem brutalen russischen Besatzungsregime ebenso verdrängt haben wie das andauernde Sterben russischer Soldaten und Polizisten im verbissenen Guerillakrieg mit den Rebellen. Allein am Dienstag und in der Nacht zum Mittwoch griffen die Rebellen in Tschetschenien nach offiziellen, von der Agentur Interfax verbreiteten Meldungen neunmal russische Stellungen an. Kaum haben russische Pioniere eine Straße von ferngesteuerten Minen geräumt, legen die Rebellen nachts neue Sprengkörper. Am Dienstag sprengten die Rebellen mit sechs Fernminen die Eisenbahnlinie bei Chassawjurt.

Laut Meinungsumfragen ist die Unterstützung für den Krieg deutlich gesunken. "Während der ersten Kriegsmonate im vergangenen Jahr habe ich noch geglaubt, dass (Präsident Wladimir) Putin das Problem löst", sagt Jagdflieger Sergej Amerchanow. "Jetzt denke ich, dass wir Verhandlungen mit Maschadow aufnehmen müssen, wenn der Krieg nicht endlos weitergehen soll." Auch Blutspenderin Olga Hassan glaubt, "dass wir den Krieg nur mit Friedensverhandlungen beenden können". Doch Wladimir Putin gibt sich so unnachgiebig wie zuvor. Einerseits sei es nach dem Attentat zwar "falsch, eine nationale, eine tschetschenische Spur zu suchen", weil "Verbrecher und Terroristen keine Nationalität haben", sagte Putin am Mittwoch in einer Fernsehansprache. Andererseits müssten die Russen wissen, "woher die Bedrohung kommt". Die föderalen Streitkräfte würden den Krieg in Tschetschenien "bis zum Ende führen" und den Terroristen "in ihrer Höhle den Todesstoß verpassen".

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