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Nach dem Selbstmordanschlag in Bagdad, bei dem mindestens sechs Menschen getötet wurden. Der Motor des Autos, in dem die Bombe explodierte, wurde 50 Meter weit geschleudert.

Bloß nicht auffallen in den Straßen Bagdads

Ausländer leben in Irak in ständig wachsender Angst vor Entführungen / Auch zweite US-Geisel offenbar ermordetIrakische Extremisten haben innerhalb von zwei Tagen offenbar zwei US-Amerikaner enthauptet. Unter den in Bagdad lebenden Ausländern geht die Angst um. Dossier: Irak nach dem Krieg

Bagdad · 22. September · dpa/ap · Nach einer entsprechenden Erklärung der Terrorgruppe des Jordaniers Abu Mussab Sarkawi wurde am Mittwoch in Bagdad eine Leiche ohne Kopf gefunden und den US-Behörden übergeben. Ob es sich bei dem Toten um den entführten Bauingenieur Jack Hensley handelt, war zunächst nicht bestätigt. Erst am Dienstag war die Leiche des zusammen mit Hensley entführten US-Bürgers Eugene Armstrong gefunden worden, der nach Erkenntnissen des US-Geheimdienstes CIA von Sarkawi persönlich enthauptet wurde. Die Täter drohten im Internet damit, auch den dritten Ausländer in ihrer Gewalt umzubringen, den 62-jährigen Briten Kenneth Bigley. Sarkawis Terrororganisation Tawhid und Dschihad fordert die Freilassung weiblicher Häftlinge in Irak.

Aus Angst vor Entführungen verkriechen sich in Bagdad lebende Ausländer in Hotelanlagen, die durch hohe Betonwände und bewaffnete Wachen gesichert sind. Sie meiden Marktplätze und andere Menschenansammlungen, in denen sie wegen ihres Äußeren auffallen könnten. Niemand will in die Hände von Geiselnehmern fallen, die durch ihre Brutalität und Gnadenlosigkeit schockieren. Bislang galt ein "low profile" als eine gangbare Strategie: sich ein nettes Haus in einem besseren Bagdader Viertel suchen, am besten mit einer hohen Mauer davor, und ein paar Wächter einstellen. Doch seit sich Kidnapper zwei italienische Aufbauhelferinnen sowie Armstrong, Hensley und ihren britischen Kollegen Bigley aus genau solchen Residenzen geholt haben, ist diese Option nicht mehr attraktiv.

Viele Geiselnahmen sind mit schrecklichen Ungewissheiten verbunden. Oft tauchen Botschaften auf dubiosen Internet-Seiten auf und erweisen sich als Fälschungen. Von den beiden Italienerinnen hat man seit ihrer Verschleppung vor zwei Wochen nichts gehört. Der Kontakt zu den Kidnappern der französischen Reporter Christian Chesnot und Georges Malbrunot riss bald nach ihrer Entführung ab. Jetzt hieß es in einer Internet-Botschaft, sie seien frei, würden aber beim "Widerstand" bleiben und darüber "berichten". Was daran stimmt, vermag niemand zu beurteilen.

Hinzu kommen immer neue Gruppen mit martialisch-islamistischen Namen. Eine "Salafisten-Brigade des Abu Bakr el Siddik" entführte in diesen Tagen zehn türkische Lastwagenfahrer, um den Abzug von deren Firma aus Irak zu erzwingen. Eine "Brigade des Mohammed bin Abdullah" verschleppte 18 irakische Nationalgardisten. Damit soll die Freilassung eines radikalen Schiiten-Führers erpresst werden.

Noch lange vor den Ausländern sahen sich wohlhabendere Iraker und deren Kinder im Fadenkreuz der Kidnapper. Bei ihnen geht es um die Erpressung von saftigen Lösegeldern. Doch die Konturen verschwimmen. Die Verschleppung der 18 Nationalgardisten und die Enthauptung von drei Mitgliedern der Kurdenpartei KDP zeigen, dass auch Iraker aus politischen Gründen verschleppt werden. Außerdem verkaufen kriminelle Banden, die bisher aufs Lösegeldgeschäft spezialisiert waren, ihre ausländischen Geiseln an radikale islamistische Gruppen. Den beiden Italienerinnen dürfte dieses Schicksal widerfahren sein.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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