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Stil kann man nicht kaufen: Bloombergs Wahlkampfbüro in New York.

US-Wahlkampf

Bloomberg wiegelt ab, Trump freut sich

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Die US-Demokraten zerfleischen sich weiterhin lieber gegenseitig als den Präsidenten auch nur etwas anzugehen. Was die Amerikaner von der Soap Opera halten, interessiert nicht.

Die sechs Diskutanten hatten gerade die Bühne des Paris-Hotel in Las Vegas verlassen, als sich einer von ihnen bei Twitter an seine 2,6 Millionen Follower wandte. „Morgen früh wachen die Amerikaner wieder in unserer bedauernswerten Realität auf“, tweetete Mike Bloomberg. Ein Videoclip zeigte in schneller Abfolge Schießereien, Waldbrände und Probleme des Gesundheitswesens unter Präsident Trump. „Amerika hat besseres verdient“, sagte der Kommentator: „Mike Bloomberg wird uns zusammenbringen.“

Daran hatten die zwei Stunden zuvor ernste Zweifel genährt. Da musste der 78-jährige Multimilliardär erstmals außerhalb seiner virtuellen Netz-Kampagne live mit anderen Bewerbern um die demokratische Präsidentschaftskandidatur debattieren. Und mit Ausnahme von Bloombergs Pressesprecherin hatte wohl kein Zuschauer den Eindruck, dass der Auftritt ein Erfolg war.

Mit dem Einsatz von schwindelerregenden 300 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen hat es der Medienunternehmer in nur zehn Wochen geschafft, sich in nationalen Umfragen auf 16 Prozent und den dritten Platz hinter dem linken Senator Bernie Sanders und Ex-Vizepräsident Joe Biden zu katapultieren. Er sei der Ex-Bürgermeister von New York, ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein pragmatischer Macher – nur er könne Trump schlagen, lautet sein zentrales Versprechen.

Doch schon in der ersten Runde der Debatte ging Bloomberg zu Boden. Mit einer Breitseite gegen den Parteifreund leitete die in Iowa und New Hampshire abgestürzte Senatorin Elizabeth Warren ein furioses Comeback ein: „Ich möchte darüber reden, gegen wen wir antreten“, empörte sie sich: „Einen Milliardär, der Frauen ‚fette Tussis‘ und ‚pferdegesichtige Lesben‘ nennt.“ Sie meinte nicht Trump, sondern Bloomberg.

Eigentlich konnte die Attacke den Quereinsteiger ebensowenig überraschen wie die Kritik der anderen Bewerber an der New Yorker Polizeitaktik des „Stop and Frisk“ (Anhalten und Filzen) und seinem Versuch, mit Geld die demokratischen Vorwahlen auszuhebeln. Sowohl über die frauenfeindlichen und herablassenden Äußerungen in den 90er Jahren wie über anlasslose Polizeikontrollen von überwiegend Afroamerikanern und Latinos war in den amerikanischen Medien prominent berichtet worden.

Doch trotz intensiver Vorbereitung hatte Bloomberg keine überzeugende Antwort auf seine Schwachstellen. Die sexistischen Sprüche bagatellisierte er mit dem Hinweis, einige Frauen hätten „einen Witz nicht gemocht, den ich gemacht habe“. Das Filzen fand er im Kampf gegen eine dramatische Mordrate anfangs gerechtfertigt, dann sei das zu seinem Erschrecken aus dem Ruder gelaufen. Und sein gigantisches Vermögen? Das habe er ehrlich verdient, spende die Hälfte für gute Zwecke – und im übrigen: „Wir werden nicht den Kapitalismus abschaffen. Das haben andere Länder versucht. Es heißt Kommunismus und funktioniert nicht.“

Das war ein Seitenhieb gegen den demokratischen Sozialisten Sanders, der jenseits dieses Anwurfs ziemlich ungeschoren über die Runden kam, obwohl er die nationalen Umfragen mit immer größerem Abstand anführt und seine radikalen Positionen durchaus Anlass für kritische Nachfragen und Distanzierungen bieten. Doch die Debatte entwickelte ihre eigene Dynamik: Die beiden moderaten Kandidaten Pete Buttigieg und Amy Klobuchar, gingen im politischen Überlebenskampf erbittert aufeinander los. Und ansonsten arbeiteten sich alle an Bloomberg ab.

Der Milliardär wird nun mit einer massiven Werbekampagne seine Entzauberung zu übertünchen versuchen. Sanders zieht trotz gewaltiger Bauchschmerzen des Partei-Establishments ganz entspannt als Favorit in die nächsten Vorwahlen in Nevada. Am zufriedensten aber dürfte an diesem Abend der Zuschauer im Weißen Haus gewesen sein: Vor lauter internem Zoff kam Donald Trump in der Debatte nur am Rande vor.

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