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In den Klassenzimmern wird die Vielfalt schon gelebt, in den Lehrplänen fehlt sie noch. Andreas Arnold
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In den Klassenzimmern wird die Vielfalt schon gelebt, in den Lehrplänen fehlt sie noch. Andreas Arnold

Keine Vielfalt und Diversität

Lehrpläne in Schulen: Der blinde Fleck bei der Migration

  • Franziska Schubert
    VonFranziska Schubert
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Die Lehrpläne in Schulen bilden Migration, die kulturelle Vielfalt und Diversität Deutschlands nicht systematisch ab. Fachleute fordern Reformen.

Berlin/Wiesbaden – Die Lehrpläne vieler Bundesländer hinken der Lebenswirklichkeit und der Schulpraxis in unserem Einwanderungsland hinterher“, betont Hans Vorländer, Direktor des Mercator Forums Migration und Demokratie und des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung an der TU Dresden. In einer umfassenden Studie hat er mit seinem Team die Lehrpläne und Schulgesetze von Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Berlin und Brandenburg sowie die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz analysiert. Näher betrachtet wurden die Fächer Geografie, Geschichte und Politik/Sozial- und Gemeinschaftskunde der siebten bis zehnten Klassen.

„Überrascht hat uns, dass Deutschland als Einwanderungsland nicht systematisch als Unterrichtsfeld behandelt wird“, sagt Vorländer. Dabei hat jeder vierte Mensch in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte. In den untersuchten Fächern Politik und Geschichte werden prägende Entwicklungen der jüngeren deutschen Geschichte – wie die Anwerbung von Gast- und Vertragsarbeiter:innen in West und Ost, die Zuwanderung von Spätaussiedler:innen und der Fachkräftezuzug – laut der Studie nur selten erwähnt.

Migration im Lehrplan: Das Fach entscheidet mit

Wie die Themen Migration und Integration in den Lehrplänen gewichtet werden, hängt demnach vom Fach und dem Bundesland ab. In Geografie wird Migration oft in Verbindung mit Verstädterung, dem Gefälle zwischen Armen und Reichen oder dem Bevölkerungswachstum thematisiert; in Geschichte dagegen mit Vertreibung, Krieg und Kolonialismus sowie dem Prozess der europäischen Integration. Im Unterrichtsfach Politik steht Migration oft im Zusammenhang mit Fragen von Identitätsbildung, Rassismus, Toleranz, Menschenrechten und Europa.

Wie die Studie zeigt, bilden die Lehrpläne die kulturelle Vielfalt und Diversität der Bevölkerung nicht umfassend ab. Migration und Integration werden weitgehend mit krisenhaften Entwicklungen verknüpft und nicht in ihrer gesellschaftlichen Normalität abgebildet. Als Spiegelbild der Gesellschaft hat die Schule eine wichtige integrative Funktion – doch beim Thema Migration besteht offenkundig noch ein gewaltiger Nachholbedarf.

Migration im Unterricht: Lehrkräfte sind teils unsicher

„Ob und wie Schulen mit dem Thema umgehen, hängt maßgeblich von der Aktivität der jeweiligen Einrichtung oder auch von einzelnen Lehrkräften ab, da Migration und Integration kein verpflichtender Bestandteil in den Lehrplänen ist. Engagierte Lehrkräfte stellen oft selbst passende Materialien zum Thema zusammen“, lautet Vorländers Fazit. Dabei sei migrationsbedingte Vielfalt „längst Bestandteil unserer gesellschaftlichen Normalität“. So wachse auch die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit einer familiären Einwanderungsgeschichte. Vor diesem Hintergrund empfehlen die Autorin und die Autoren der Studie, Migration, Vielfalt und Integration in die Lehrplänen aufzunehmen, auch in Form von prüfungsrelevanten Sachinhalten.

Aber auch Lehrkräfte, die teils unsicher sind, wie sie so komplexe Themen wie Einwanderung oder Integration anpacken sollen, brauchen professionelle pädagogische Anleitung. Andere meiden das Thema ganz, weil sie nicht wissen, ob Pädagog:innen selbst zu dem Thema eine Position beziehen dürfen oder neutral bleiben sollten. „In der Ausbildung und auch bei Weiterbildungen sollten Lehrkräfte für den Umgang mit Diversität geschult werden. Mit einer entsprechenden Didaktik lassen sich Probleme besser ansprechen und Konflikte durch Reflexion lösen“, so Vorländer.

Mehr Menschen mit Migrationsgeschichten sollten unterrichten

Zudem gebe es oft eine Diskrepanz zwischen den Schulklassen und den Kollegien, die häufig homogener zusammengesetzt sind. Wissenschaftlich müssten die Gründe für dieses Defizit aber erst noch erforscht werden. „Weil Lehrkräfte Vorbilder sind, wäre es wichtig, dass auch mehr Menschen mit Migrationsgeschichten die Kinder unterrichten“, sagt Vorländer.

Ender Yilmazel, ein Autor der Studie, berichtet, dass migrantische Lehrkräfte nicht immer automatisch die „interkulturelle Feuerwehr“ spielen wollen. Andere aber nehmen sich besonders viel Zeit für das Thema. „Ein Lehrer berichtete, dass er auch in Pausengesprächen lange mit einem Schüler diskutierte, warum der Begriff Rasse nicht auf Menschen anwendbar ist.“

Migration im Unterricht: Vielfalt will gelernt sein

Das Ziel ist laut Vorländer, „dass die Schülerschaft lernt, mit der gesellschaftlichen Vielfalt und den Fragen der Integration und Zugehörigkeit umzugehen und dabei selbstwirksam und sprachfähig aufzutreten“. Die Schule sollte jungen Menschen vermitteln, dass Probleme und Konflikte in Zusammenhang mit der Migration nicht unlösbar sind.

Weil es für das Selbstverständnis Deutschlands als Einwanderungsland von großer Bedeutung ist, dass Migration systematisch auch in ihrer Alltäglichkeit beleuchtet wird, tragen die Lehrplankommissionen eine große Verantwortung. Die Studienautor:innen halten daher eine stärkere Einbindung von Lehrkräften mit Migrationsgeschichte und migrationspädagogischen Fachdidaktiker:innen bei der Überarbeitung von Lehrplänen für dringend erforderlich. Denn zur Auseinandersetzung mit der Einwanderung gehört auch, migrantische Perspektiven einzubeziehen. (Franziska Schubert)

Zuletzt gab es viel Kritik, weil Türkisch in Hessen weiterhin nicht im Schulunterricht angeboten werden soll.

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