Zurzeit undenkbar: Blinde, sehbehinderte und sehende Menschen verreisen gemeinsam. Tour de sens/Rathay
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Zurzeit undenkbar: Blinde, sehbehinderte und sehende Menschen verreisen gemeinsam.

Folgen der Pandemie

Blind durch die Corona-Krise

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Menschen, die kaum oder gar nicht sehen, sind auf Hilfe und Nähe zu anderen angewiesen. Deswegen ist ihr Leben gerade jetzt besonders eingeschränkt – nicht nur im Alltag.

Ein Spaziergang mit Freunden und anschließend eine Tasse Kaffee: Was nach einem normalen Sonntagnachmittag klingt, schildert Brigitte Buchsein wie ein einmaliges Erlebnis. „Wunderbar“ habe es sich angefühlt, nach Wochen strenger Kontaktsperre mal wieder rauszukommen. Ansonsten ist die 51-Jährige derzeit meistens müde. Wie so viele sehnt sie sich nach einer Auszeit vom Pandemiestress.

Buchsein ist blind und lebt alleine in einem Frankfurter Vorort. Auch ohne Corona muss sie im Alltag dauerhaft organisieren und mitdenken: Den Weg zu ihrer Arbeitsstelle bei einem Versicherungsunternehmen kennt sie auswendig. Doch will sie an einen neuen Ort, braucht sie eine Begleitung, die unterstützt. Und um sicher anzukommen, muss sie hochkonzentriert sein.

Brigitte Buchsein.

Mit dem Virus und seinem Infektionsrisiko ist alles noch komplizierter geworden: Sei es die Orientierung im öffentlichen Raum per Tastsinn oder anhand der Gespräche um einen herum, die nun oftmals verstummt sind, sei es das Nachfragen bei Passanten oder Busfahrern, die hinter verschlossenen Türen, Flatterbandbarrikaden und dem Mundschutz schwieriger zu erreichen sind, oder eben die Begleitperson, die aufgrund der Abstandsregelung nicht helfen kann. Alle diese Hilfestellungen sind für blinde Menschen wie Brigitte Buchsein derzeit nicht selbstverständlich. Mit diesen Problemen ist sie nicht allein. Wenn sich Hilfesuchende in den vergangenen Tagen bei ihm meldeten, erzählt Reiner Delgado, Sozialreferent des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (DBSV), kämen Fragen danach, „wie und wo man online einkaufen kann, ob für blinde und sehbehinderte Menschen auch Maskenpflicht gilt, wo man Masken herbekommt und wie man sich von sehenden Personen helfen oder führen lassen soll, wo der Kontakt ja relativ eng ist“. Die Verunsicherung ist groß.

In einem Corona-Ratgeber gibt der DBSV auf seiner Webseite Empfehlungen. Zum letzten Punkt steht darin beispielsweise: „Grundsätzlich sollte man Situationen aus dem Weg gehen, in denen man auf das Führen durch andere, insbesondere fremde Personen angewiesen ist.“ Hilfe solle man nur annehmen, wenn sie wirklich nötig sei, heißt es.

Doch die Einschränkungen wirken sich nicht nur auf praktische Fragen im Alltag blinder Menschen aus. Sie stellen auch seelisch eine Belastung dar. Am meisten bangt Buchsein um die wenigen Tage im Jahr, an denen sie den Alltagstress hinter sich lassen kann. Ihren Urlaub verbringt sie gewöhnlich mit Gruppenreisen, die speziell für Blinde und Sehbehinderte organisiert werden. Das Konzept: Blinde und sehende Menschen sind zusammen unterwegs. „So können blinde Menschen die Zeit genießen, aktiv sein, Neues erleben“, erklärt Buchsein. Und Sehende ihren Horizont gleich zweifach erweitern: als Weltenbummler und sozial engagiert. Doch ob daraus in diesem Jahr etwas wird, ist fraglich.

Ein sehender Mensch könne der Isolation und dem Homeoffice auch am Wohnort ohne den ganz großen Urlaub entfliehen, sagt Buchsein: Eine Radtour oder eine Wanderung kann er mit der Familie oder Mitbewohnern meist auch vor der Haustür starten. Und er kann er auch alleine losziehen – „blinde Menschen können dies nicht“, fasst sie zusammen. Sie fürchtet, zusätzlich zur alltäglichen Isolation auch im Urlaub tagelang einfach nur rumzusitzen.

Auch Reiner Delgado vom DBSV kennt das Problem: „Man kann nicht einfach sagen: Dann gehe ich halt im Taunus wandern.“ „Viele sind wirklich auf ihre vier Wände begrenzt“, drückt es Laura Kutter drastisch aus. Sie führt das Reiseunternehmen „Tour de sens“ aus Stuttgart, das Gruppenreisen für blinde und sehende Menschen anbietet, wie sie Buchsein regelmäßig bucht. „Bisher konnte man mit uns nach Belieben ins Havelland oder nach Ecuador oder Kolumbien“, schildert Kutter das Programm vor Corona. Nun mussten sie nahezu alles absagen oder verschieben.

Derzeit plane man Alternativen in Deutschland und Nachbarländern wie Österreich. Doch die Unwägbarkeit bleibt: Neben den Reisebeschränkungen müssten für Gruppenreisen auch die Kontaktbeschränkungen fallen. Einerseits kündigte Außenminister Heiko Maas (SPD) an, dass die weltweite Reisewarnung der Bundesregierung nicht über den 14. Juni hinaus andauern werde, andererseits verlängerten Bund und Länder die Kontaktbeschränkungen bis zum 29. Juni. Weiterhin wird empfohlen, die Zahl der Menschen, zu denen man Kontakt hat, möglichst gering zu halten und den Personenkreis möglichst konstant zu belassen.

Normalerweise, so schildert es Kutter, schnappten sich die blinden Reisenden den Oberarm der sehenden Begleiter oder hielten sich bei gemeinsamen Wanderungen am Rucksack fest. Gegenseitig berichte man sich von den Sinneseindrücken: Die Sehenden verließen sich dabei auf ihre Augen, die Blinden auf Ohren, Hände und Nase. Häufig wechselten die Partner auf den Reisen. Das ist nun schwer vorstellbar.

Kutter erhofft sich von der Politik Ausnahmen hinsichtlich der Teilnehmerzahl und der Abstandsregelung für sozial engagierte Gruppenreisen und hat, so berichtet sie, die zuständigen Stellen kontaktiert. Es habe knappe Antworten und Verweise auf andere Ämter gegeben, aber keine Lösungen. „Für die Politik steht derzeit die Kleinfamilie im Blickfeld, die mit dem Auto verreist“, sagt sie enttäuscht. Dass andere gesellschaftliche Gruppen mit anderen Bedürfnissen existierten, werde nicht so beachtet.

Reiner Delgado vom DBSV ist der Meinung, man müsse sich Alternativen suchen, „wie man seine Freizeit anders schön und sinnvoll verbringen kann“. Im DBSV-Internetforum offsight.de gebe dazu einige Anregungen.

Lokal stellen Engagierte wie Sabine Lohner von der Bezirksgruppe Frankfurt des Blinden- und Sehbehindertenbundes Hessen Angebote zusammen. Mehrmals in der Woche bieten ehrenamtliche Helfer Telefonchats mit Achtsamkeitsübungen und Vorstellungen neuer Alltagshilfen an. „Das, was wir nicht mehr vor Ort ausrichten können, wollen wir eben anders aufrechterhalten“, so Lohner, die selbst blind ist und ihren Zuhörern am Telefon Bücher in Brailleschrift wie „Zusammen ist man weniger allein“ von Anna Gavalda vorliest. „Und irgendwann“, so sieht es Reiner Delgado, „gibt es dann auch wieder tolle Reisen mit Assistenz nach Kanada, Indien oder Südafrika.“

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