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RENATE WIGGERSHAUS

Es bleibt Verwunderung

Loretta Walz befragt ehemalige Insassinnen des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück

Zu den Maßnahmen, mit denen das nationalsozialistische Regime gleich im ersten Jahr seine Vorstellungen von arischer Volksgemeinschaft demonstrierte, gehörte die Einrichtung eines Frauenkonzentrationslagers in einem großen Gebäudekomplex an der Hauptstraße der kleinen Stadt Moringen nördlich von Göttingen. Wegen Überfüllung erfolgte 1938 die Verlegung in die Lichtenburg bei Torgau an der Elbe und dann noch im selben Jahr die Einrichtung eines neuen Frauenkonzentrationslagers in Ravensbrück am Schwedtsee nahe Fürstenberg durch männliche Häftlinge des KZ Sachsenhausen.

Zwischen 1939 und 1945 wurden mehr als 150 000 Menschen aus über 40 Nationen - vor allem Frauen, aber auch Kinder und Männer - aus politischen, religiösen oder "rassischen" Gründen in diese als "Schutzhaftlager" bezeichnete Stätte des Grauens verfrachtet. Die meisten von ihnen wurden ermordet - erschossen, vergast, zu Tode gefoltert, zu Tode experimentiert, durch Arbeit, Krankheit, Hunger vernichtet, von Hunden zerrissen. Am 27./28. April 1945 wurde der größte Teil der noch Lebenden auf den "Todesmarsch" in Richtung Westen getrieben. Die Einheiten der Roten Armee, die am 30. April das Lager befreiten, fanden 3000 nicht transportfähige schwerkranke Frauen und eine Reihe von Häftlingspflegerinnen in erschütterndem Elend vor. Wasser- und Stromzufuhr waren von den SS-Leuten noch vor ihrem Abmarsch zerstört worden.

Nun ist ein Buch erschienen, das Zeugnis vom Leben im Lager und den Biographien Überlebender gibt. Seit 1980 hat die Filmemacherin Loretta Walz lebensgeschichtliche Videointerviews mit mehr als 200 Überlebenden der drei Frauenkonzentrationslager geführt. 35 dieser Interviews hat sie anlässlich des 60. Jahrestags der Befreiung des KZs Ravensbrück zu einem Buch zusammengestellt. Zu den Kriterien der Auswahl gehörte, möglichst viele der Frauen zu Wort kommen zu lassen, die ihre Erinnerungen noch nicht in der einen oder anderen Weise bekannt gemacht haben..

Dazu gehören insbesondere Funktionshäftlinge, deren Rolle in vielerlei Hinsicht problematisch war. Als Stubenälteste, Häftlingsärztinnen, Bürokräfte oder Köchinnen waren sie für die Durchführung der oft brutalen Befehle der Lagerverwaltung verantwortlich. Andererseits hatten sie durch den Zugang zu Küche, Schreibstube und Krankenreviere die Möglichkeit, zuweilen Not zu lindern, Strafen abzuwenden, Leben zu retten oder doch zu verlängern - allerdings oft nur um den Preis eines Opfertauschs.

Zweierlei zeichnet das Buch aus. Zum einen lässt Loretta Walz die Frauen selber erzählen. Mosaikartig fügt sie die unterschiedlichen Schilderungen zu Themen wie Verhaftung, Aufnahme im Lager, medizinische Experimente, Sterilisationen usw. vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund zusammen. Vor allem aber vermeidet sie eine Reduktion auf das Häftlingsdasein, geht es ihr um das Lagerleben übergreifende Biographien. Die meisten der aus fast allen europäischen Ländern stammenden Frauen kamen aus einem Elternhaus, in dem es selbstverständlich war, den durch den Nationalsozialismus Entrechteten und Verfolgten zu helfen.

Ihre Verhaftungen erfolgten aufgrund von Bespitzelung durch die Gestapo oder Denunziationen regimetreuer Nachbarn. Folter und Erpressung waren an der Tagesordnung. Viele Frauen wurden von einem Gefängnis zum nächsten transportiert, bevor sie im Viehwaggon nach Ravensbrück kamen. Dort die in all den Jahren gleiche Prozedur: die Frauen und Kinder, die selten eine Ahnung hatten, wo sie sich überhaupt befanden, wurden von SS-Männern in schwarzen Uniformen, Aufseherinnen mit Hunden und Peitschen angeschrieen und ins Lager getrieben. Dann Ausziehen, Haarescheren, Duschen, Desinfizieren, nackt und zu einer Nummer degradiert vor die SS-Ärzte treten.

Hanna Burdówna beispielsweise, die Loretta Walz 2001 in ihrer Geburtsstadt Lódz aufsuchte. Als 28-jährige wurde die Lehrerin am 1. September 1939 auf dem Weg zur Schule verhaftet - eines der ersten Opfer des nationalsozialistischen "Programms" zur "Ausrottung der polnischen Intelligenz". Nach acht Monaten Gefängnis der Transport nach Ravensbrück: "Man schnitt mir meine schönen Zöpfe ab, schnitt sie runter bis zur Glatze." Sie hatte Glück, kam in die Personalküche, war also mitverantwortlich für die Verköstigung von mehr als eineinhalbtausend Aufseherinnen und SS-Männern. Eine schwere Arbeit: Kohlen mussten geholt, riesige Kessel mit 800 Litern Suppe gekocht, Geschirre geschleppt werden.

Weil einmal, ohne dass sie es überhaupt bemerkt hatte, zwei Scheiben Brot auf dem Regal lagen, wurde sie des Diebstahls bezichtigt. Die Aufseherin "riss mir die Haube vom Kopf und brachte mich in den Bunker" - eine leere, dunkle, eiskalte Betonzelle. Sie fror bis ins Mark. "Ich versuchte mit dem Kleidchen die nackten Füße zu umwickeln." Zwei Mal verlangte die Aufseherin ein Geständnis. "Ich konnte nicht mehr sprechen, ich war vollkommen steif." Hilfe kam von einer Mitgefangenen. Sie "gestand", ihr seien die Brotscheiben hingefallen. Sie habe sie beiseite gelegt, damit sie nicht mit den sauberen Schnitten auf den Tisch der KZ-Aufseher kämen. So blieb Hanna Bordówna das Schicksal erspart, im Bunker so zusammengeschlagen zu werden wie manche anderen, deren Anblick jene, die die leblosen Körper zum Krematorium bringen mussten, ihr Leben lang nicht vergessen konnten.

Solcher nie erlahmenden gegenseitigen Hilfe verdankten es viele Frauen, dass sie die Torturen des Lagers überlebten. Doch mit dem Ende des Kriegs waren die Leiden nicht vorbei. Als Hanna Burdówna im Juli 1945, sechs Jahre nach ihrer Verhaftung, nach Hause kam, waren die Brüder tot, der Verlobte verschollen, der Vater krank. Sie nahm ihren Beruf als Lehrerin wieder auf und betreute in den Schulferien Waisenkinder von politisch Verfolgten.

Am schlimmsten war für die heimkehrenden Frauen, dass kaum einer hören wollte, was ihnen widerfahren war, dass man ihnen nicht glaubte. Das verstärkte das Gefühl von Verlassenheit und Einsamkeit. Kaum eine der Überlebenden hatte Hass- oder Rachegefühle gegenüber den Henkern von Ravensbrück, stattdessen, so Wanda Póltawska, die von SS-Ärzten für "kriegschirugische Experimente" missbraucht worden war, "nur Verwunderung, Staunen darüber, was Menschen imstande sind, anderen Menschen anzutun".

Zu einer wichtigen Unterstützung wurden für die Überlebenden die Treffen mit anderen "Ravensbrückerinnen" in dem zu einer Mahn- und Gedenkstätte umgewandelten Lager. "Unsere Besuche unterhalten das Band zu unseren gestorbenen Kameradinnen", erklärte Annette Eekman, die Vorsitzende der belgischen Lagergemeinschaft Ravensbrück. "Persönlich stärkt es mich, meine Kameradinnen zu treffen. (?) Wir haben eine gemeinsame Sprache. (?) In unseren Zusammenkünften holen wir uns die Kraft weiterzuarbeiten." Weiterarbeiten, das bedeutete für sie als Lehrerin, aus ihren Schülern und Kindern "zuerst Menschen zu machen, alles andere kommt danach".

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