Grundgesetz

Wo bleibt die gute Laune?

Eigentlich fehlt noch ein ganz bestimmter Zusatzartikel.

Um es vorwegzunehmen: Ich finde unsere Verfassung toll. Auch nach 70 Jahren hat sie nichts von ihrer Prägnanz verloren. Unsere Verfassung macht unser Land so attraktiv, dass Millionen Menschen weltweit den dringenden Wunsch haben, in einem solch verfassten Deutschland zu leben. So weit, so bekannt. Aber was fehlt, ist ein Zusatzartikel, der von den sogenannten Vätern des Grundgesetzes in den trüben Nachkriegsjahren naturgemäß nicht in Erwägung gezogen wurde: das Recht auf gute Laune. Nicht zu verwechseln mit dem in der amerikanischen Verfassung verbrieften Recht, nach dem Glück zu streben. Das Letztere überlassen wir bitte allen Strebern. Ich meine etwas anderes. Wir sind doch umgeben von schlechter Laune. Bei der Arbeit, im Sportverein, in der Familie und erst recht in der Politik.

Manuel Andrack wurde bekannt an der Seite von Harald Schmidt in dessen Late-Night-Show. Heute ist er begeisterter Wanderer, Blogger und Autor. 

Gute Laune ist übrigens kein Zufallsprodukt, abhängig davon, mit welchem Fuß man morgens zuerst aufsteht. Gute und noch weit mehr schlechte Launen sind gesamtgesellschaftliche Probleme. Wie kann man sonst folgendes Paradoxon erklären: Auf der einen Seite leben wir in Deutschland in paradiesischen Zeiten, was die wirtschaftliche Substanz angeht: Noch nie so hohe Löhne, Ungleichheit gestoppt, wenige Arbeitslose, viele Arbeitsplätze, zuverlässige Renten, funktionierendes Gesundheitssystem, kein Krieg. Zudem würden auch die meisten Menschen in Deutschland unterschreiben, dass sie ein glückliches Leben führen. Andererseits ist die aktuell verbreitete Grundstimmung: Alles läuft aus dem Ruder: Brexit, Trump, Klimawandel, zu niedrige Löhne, zu hohe Mieten. Ja was denn nun?

Im Freundeskreis klage ich mein Recht auf gute Laune bereits ein. Wir machen abends beim Wein ein kleines Spiel: Gesucht wird eine vierstellige (Jahres-)Zahl, die erste Ziffer ist gesetzt: eine Eins. Drei Freunde dürfen mir weitere drei Ziffern zurufen, diese ergeben dann Jahreszahlen aus dem vergangenen Jahrtausend. 1623, 1831, 1962, nur mal als Beispiel. Und dann vergleichen wir diese zufällig gefundenen Jahreszahlen mit dem Standard (Lebenserwartung, Minderheitenschutz, gesellschaftliche Ungleichheit, Umweltschutz, Frauenrechte, Hygiene, Kindersterblichkeit und so weiter) von 2019 und müssen feststellen: Wir leben in den besten aller Zeiten – und schon haben alle gute Laune!

Mit dem Zusatzartikel wäre es möglich, Zeitungsverlage und Fernsehsender auf ein Minimum an positiven Nachrichten zu verpflichten. Diese gibt es nämlich in gigantischem Ausmaß, aber – ich kann euch ja verstehen, liebe Journalisten – sie sind im Regelfall stinklangweilig. Die Medien sollten allerdings die Realität abbilden, nicht nur das Negative hervorkehren und suchen. Wenn die Topnachricht der Tagesschau, die Schlagzeile auf Seite eins verpflichtend eine positive Nachricht wäre, würde das die Laune in Deutschland erheblich verbessern.

Natürlich kann man schlechte Laune nicht komplett ausschließen. Obwohl mit dem entsprechenden Zusatzartikel auch Klagen gegen fiese Arbeitskollegen, schlechte Fastnachtswitze, den ewig kriselnden Lieblingsverein oder die pubertierenden Kinder denkbar wären.

Der Zusatzartikel in unserer Verfassung ermöglicht den Widerstand gegen Miesmacher und Dauerpessimisten. Das Glas ist immer halbvoll, always look on the bright side of life, gute Laune für alle!

Von Manuel Andrack

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