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Die letzte Pause vor der Gaskammer: Frauen und Kinder warten im Wäldchen hinter Krematorium IV im Konzentrationslager Auschwitz. Das Bild ist dem Auschwitz-Album entnommen, das gerade im Wallstein-Verlag erschienen ist. Ein einzigartiges Dokument: Ein SS-Angehöriger fotografierte ungarische Juden an einem Tag im Frühsommer 1944 - ihre Ankunft in Auschwitz, die Selektion, den Weg in die Gaskammer. Unter den Deportierten war Lili Jacob, die Auschwitz überlebte. Durch einen Zufall fand sie im April 1945 das Album mit den Aufnahmen, auf denen sie sich selbst, ihren Rabbiner und Verwandte erkannte. Durch Forschungen der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und des Museums Auschwitz gelang es, viele der Menschen auf den Fotos zu identifizieren.

Was bleibt im Gedächtnis

Die deutsche Erinnerungskultur scheint nicht länger fraglos um Auschwitz zentriert, sondern verhandelbar / Von Harald WelzerDie NPD verweigerte den Opfern des Holocaust im sächsischen Landtag das Gedenken. Gastautor Harald Welzer stellt die Frage, wie die Aktion der Abgeordneten im Land wohl angekommen ist.

Just als der Sächsische Landtag vorige Woche eine Schweigeminute für die Opfer von Auschwitz einlegen wollte, erhoben sich zwölf Abgeordnete und verließen den Saal. Diese Parlamentarier, Mitglieder einer rechtsextremen Partei, sind nicht prinzipiell gegen Erinnern und Gedenken - sie hätten allerdings lieber der Opfer der alliierten Bombardierung von Dresden gedacht. Ermordete Juden dagegen scheinen ihnen des Gedenkens nicht wert.

Ein Fall von Erinnerungskonkurrenz also, aber einer, der insofern prekärer ist als viele andere, weil hier das im demokratischen Spektrum standardisierte Gedenken durch einen symbolischen Akt von Parlamentariern sabotiert wurde. Damit es so weit kommen kann, müssen solche Leute freilich erstmal gewählt werden.

Der heftige Wahlerfolg der NPD in Sachsen ist keineswegs, wie die Vertreter der etablierten Parteien unisono versicherten, Ergebnis von Protestwählerverhalten. Der Erfolg geht darauf zurück, dass rechtsextreme Einstellungen in den östlichen Bundesländern inzwischen zum akzeptablen und akzeptierten Spektrum des Politischen zählen und dass diejenigen, die solche Einstellungen haben, deswegen kulturell nicht diskreditiert sind. Besonders unter den Jüngeren findet etwa ein Drittel - und die Wahlentscheidungen der jugendlichen Erstwähler unterstreichen das - rechtes Gedankengut zustimmungsfähig.

Und jetzt darf man sich die Frage stellen, wie die Aktion der NPD-Abgeordneten, das Gedenken zu verweigern, im Land wohl angekommen ist. Man darf bei der Erwägung der Frage berücksichtigen, dass es schon Abstimmungen im Dresdner Landtag gegeben hat, bei denen fünf Abgeordnete der demokratischen Parteien gemeinsam mit der NPD stimmten.

Wenn Wünsche und Vorschläge dieser Leute selbst im Parlament über ihre eigene Gruppe hinaus zustimmungsfähig sind, dann dürfen wir annehmen, dass die provokative Verweigerung von Betroffenheit gegenüber dem Holocaust auch von Teilen der Normalbevölkerung begrüßt wurde. Von 20 Prozent? Von 30? Eine solche Zustimmung dürfte desto höher ausfallen, je deutlicher - wie es hier der Fall war - "deutsche" Opfer des Zweiten Weltkriegs mit den Opfern der Deutschen in ein Konkurrenzverhältnis gebracht werden.

In der jüngeren Zeit ist in der medialen Öffentlichkeit eine verstärkte Artikulation deutscher Leidens- und Opfergeschichten zu verzeichnen. Das fing mit Günter Grass' Untergangsnovelle "Im Krebsgang" an und hört mit Ulla Hahns Familienroman "Unscharfe Bilder" noch lange nicht auf. Jörg Friedrichs Bombenkriegsepos "Der Brand" hat das deutsche Leiden unter dem alliierten Bombardement auf die öffentliche Agenda gesetzt, Erika Steinbach (CDU) reklamiert die Rechte und das Leiden der Vertriebenen.

Dazu beginnt sich eine Generation der "Kriegskinder" zu formieren, Menschen, die sich vor dem Hintergrund der neuen Leidenskultur daran zu erinnern beginnen, dass sie als Drei- oder Vierjährige im Bombenkrieg furchtbare Erfahrungen gemacht haben.

Das alles wird eingerahmt durch ein herunterpopularisiertes Traumakonzept, das keinerlei Unterschiede zwischen individuellen und kollektiven Traumata oder solchen von Tätern und von Opfern macht. Insofern ist der "Eklat" im Sächsischen Landtag gar keiner - er ist der nun auch parlamentarisch dokumentierte Beleg dafür, dass die Erinnerungskultur der Bundesrepublik keineswegs mehr fraglos um Auschwitz zentriert, sondern verhandelbar ist.

Allzu lange haben wir uns des Glaubens erfreut, dass der Inhalt von Gedenkreden, Konferenzen und Festakten zu den allfälligen Jahrestagen - 27. Januar, 8. Mai, 20. Juli oder 9. November - von den Deutschen auch geteilt würde, dass also das öffentliche mit dem privaten Erinnern und Gedenken identisch sei.

Illusion der Aufklärung

Dieser Glaube basierte auf gleich mehreren Irrtümern: dass man Erinnerung verordnen könne, dass der Input von Aufklärung ihrem Output entspräche und dass man nur das Richtige sagen müsse, damit auch die richtigen Schlüsse daraus gezogen würden. Weit gefehlt!

Erstens erinnern sich die Leute, wie sie wollen - Erinnerungen sind identitätskonkret und haben viel mehr mit persönlichen und generationellen Sinnbedürfnissen zu tun als mit historischer Reflexion. Zweitens werden Aufklärungsangebote besonders dann skeptisch betrachtet, wenn man ihre Absicht erkennt - und psychologisch ist es ohnehin ein Irrtum zu glauben, dass man eine Art negativer Identität schaffen könne, die Verantwortung aus der Einsicht in den verbrecherischen Charakter der eigenen Gruppenvergangenheit bezieht. Gerade junge Menschen schaffen sich Vergangenheitskonstruktionen, die eine positive Identitätsbildung zulassen - etwa so, dass sie zugestehen, dass die Nazizeit furchtbar war, der eigene Opa aber in diesem Universum des Grauens die Fahne der Menschlichkeit hochhielt.

Drittens schließlich kann man aus objektiven Geschichtsdaten sehr unterschiedliche Schlüsse ziehen - und zum Fundus der Aufklärungsillusionen gehört, dass man Rechtsextremen und Neonazis etwas über Geschichte beibringen müsse, damit sie davon ablassen, auf eine andere Gesellschaft hinzuarbeiten. Genau das tun sie ja, weil sie die Geschichte auf ihre Weise interpretieren.

Vor diesem Hintergrund scheint zunehmend klar, dass die Obsessivität, mit der in Deutschland erinnert und gedacht wird, immer auch eine Unterseite von Faszination und Affirmation mit der Vergangenheit transportiert - auch dann, wenn alles unter ordnungsgemäßer Verwendung politisch korrekter Begrifflichkeiten vonstatten geht.

Filme wie "Der Untergang" oder "Napola" präsentieren erstaunlich unverblümt die Schauseite des "Dritten Reichs" und reinszenieren Faszinationsangebote des NS-Systems. Sie werden Teil einer Erinnerungskultur, in der man es ohne weiteres für möglich und sinnvoll hält, den Untergang des Nazi-Reiches als Tragödie darzustellen und die "menschliche Seite" des gegenmenschlichen Gesamtprojekts des Nationalsozialismus vorzuführen - als läge ausgerechnet darin irgendein Erkenntnispotenzial.

Die Erinnerungskultur der Bundesrepublik ist in Bewegung, und wir können nicht mehr umstandslos von einem Einverständnis im Gedenken ausgehen. Erinnerung wird - auch international - immer mehr zu einer Arena des Politischen. Auch deswegen nehmen die Erinnerungskonkurrenzen und Erinnerungskonflikte zu. Allerdings war es für die demokratische Entwicklung der Bundesrepublik von zentraler Bedeutung, dass im Hintergrund dieser Entwicklung immer auch ein Bewusstsein über die deutschen Verbrechen bestand, und es ist schwer abzuschätzen, was es bedeutet, wenn die Erinnerung an deutsche Leiden dazu in Konkurrenz tritt.

Aber das ist vielleicht nicht einmal der entscheidende Punkt. Wichtiger könnte sein, dass dem Erinnern und Gedenken ohnehin die Dimension der lebendigen Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart abhanden gekommen ist. Vielleicht geht es bei all dem gar nicht um eine tiefe Anerkennung des Leidens der Opfer oder um das Wachhalten einer substanziellen historischen Lernerfahrung, sondern bloß um rituelle Bekenntnisakte, die allen, die an ihnen teilnehmen, immer aufs Neue bestätigen, dass sie zu den Guten gehören, einfach, weil sie gegen das Böse sind.

Der jetzt ertönende Ruf, man möge der Gedenkverweigerung der NPD-Abgeordneten juristisch beikommen, offenbart das Problem: Wessen wie zu gedenken sei, geht aus der Verfassung nicht hervor, der Konsens darüber ist eine Funktion der politischen Kultur.

Die bloße Rhetorik des "Nie wieder!" hat eine sedative Funktion, wenn sie die Auseinandersetzung damit erspart, was jenseits des Gedenkens tatsächlich gedacht wird. Die Verweigerung des Gedenkens dieser gewählten Parlamentarier bringt auf bedrückende Weise zum Ausdruck, dass man sich darüber keinen Illusionen hingeben sollte.

60 Jahre nach der Befreiung der Überlebenden von Auschwitz ist die Erinnerungskultur in eine neue Phase der Verhandlung und Konkurrenz eingetreten. Das sollte als die dringliche Erkenntnis verstanden werden, dass eine Erstarrung im rituellen Gedenken nichts austrägt, sondern gefährlich ist. Erinnerung hat keine Funktion in sich selbst, sie ist wichtig nur in Bezug auf die Gegenwart.

Harald Welzer, Jahrgang 1958, lehrt Sozialpsychologie an den Universitäten Hannover und Witten-Herdecke. Welzer leitet die Forschergruppe "Interdisziplinäre Gedächtnisforschung" am Kulturwissenschaftlichen Institut Nordrhein-Westfalen in Essen.

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