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Er bleibt, er bleibt nicht, er…

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Von: Holger Schmale

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Über seine berufliche Zukunft wird spekuliert: Wolfgang Schäuble.
Über seine berufliche Zukunft wird spekuliert: Wolfgang Schäuble. © dpa

Bereitet Finanzminister Schäuble seinen Rücktritt vor? Diese Frage beschäftigt das politische Berlin. Offiziell sind es aber nur Spekulationen.

Bereitet Finanzminister Schäuble seinen Rücktritt vor? Diese Frage beschäftigt das politische Berlin. Offiziell sind es aber nur Spekulationen.

Wer geglaubt hat, Wolfgang Schäuble habe sich innerlich bereits aus seinem Amt verabschiedet, weiß es jetzt besser. Mitten in eine brisante Pressekonferenz über seinen Gesundheitszustand und ein angebliches Rücktrittsangebot an Kanzlerin Angela Merkel (beide CDU) hinein ließ der Bundesfinanzminister am Mittwoch genau dies knallhart dementieren.

Stundenlang und bis unmittelbar vor diese Mitteilung hatten sich Regierungssprecher um ein klares Dementi der vormittags von Stern.de verbreiteten Rückzugsgedanken Schäubles herumgedrückt. „Der Bericht ist reine Spekulation, zu der wir keine Stellung nehmen. Im Übrigen schreitet der Heilungsprozess des Ministers planmäßig voran“, lautete die offizielle Mitteilung des Bundesfinanzministeriums.

Auch in vertraulichen Gesprächen lehnten es enge Mitarbeiter der Kanzlerin ab, über das Thema Schäuble überhaupt eingehender zu reden. Das gebiete der Respekt vor dem erkrankten Minister, und vertrauliche Gespräche der Kanzlerin mit ihm kommentiere man schon gar nicht. Selten hat man den hier und da doch eher redseligen Regierungsapparat verschwiegener erlebt als gestern Vormittag.

Das hängt damit zusammen, dass die von zwei sehr gut vernetzten Reportern des Stern recherchierte Geschichte ihre Quelle eben nicht in diesen Hauptstadtkreisen hatte, sondern im privaten Umfeld des Ministers. Offenkundig wussten auch viele sonst Eingeweihte in Berlin nicht, was es mit dieser sehr plausibel klingenden Erzählung wirklich auf sich hat.

In dem ausführlichen Artikel werden unter Berufung auf Vertraute Schäubles und auf seinen Bruder Thomas wörtliche Zitate wiedergegeben, die darauf hinauslaufen, er habe der Kanzlerin seinen Rücktritt angeboten. Grund war danach das erneute, vom dauernden Sitzen im Rollstuhl rührende Aufbrechen einer Operationswunde.

Laut Stern hat Schäuble Merkel am vorvergangenen Wochenende vorgeschlagen, sie solle sich einen neuen Finanzminister suchen. Sie habe geantwortet: „Nein, ich möchte das nicht.“ Sie hätten dann lange diskutiert und seien übereingekommen, dass Schäuble noch einmal versuchen solle, sich auszuheilen. „Okay, dann machen wir das so“, habe Schäuble dann zum Abschluss des Telefonats gesagt. Am folgenden Dienstag kündigte er dann vor der Fraktion an, er werde sich für vier Wochen in die Horizontale begeben.

Dies gilt laut Stern nun als letzte Frist. „Wenn ich nach vier Wochen merke, es geht nicht mehr, ich kann die Aufgabe als Finanzminister nicht mehr verantwortlich wahrnehmen, ziehe ich die Konsequenzen“, zitiert das Magazin den Christdemokraten. „Davon hält mich auch niemand ab.“ Genau diese Aussage aber ließ er gestern von seinem Sprecher in der Bundespressekonferenz dementieren, offenbar durch eine kurz zuvor vom Krankenbett per Handy oder Laptop gesendete Mitteilung.

Es gab zuvor Spekulationen, dass die Äußerungen ohne Wissen und Zutun Schäubles in die Öffentlichkeit gelangt seien. Möglicherweise ein gut gemeinter Versuch seiner Familie, ein wenig mehr Druck auf den Uneinsichtigen auszuüben. Andere Hinweise sprechen aber dafür, dass der Minister selber die Quelle ist. Fragt sich nur, ob er seine Überlegungen und Worte so veröffentlicht sehen wollte.

Denn bislang sprach alles dafür, dass Schäuble das in diesen Zeiten internationaler Finanzkrisen und ambitionierter Sparhaushalte besonders kräftezehrende Amt trotz seiner Behinderung so konsequent zu Ende führen wollte wie seine vorherigen als Innenminister und als Fraktionschef der CDU/CSU. Schon im Frühjahr war er eine Weile ausgefallen, offenbar, weil er sich nach einer anstrengenden Implantation gegen den Rat der Ärzte nicht genügend Ruhe gegönnt hatte.

Der Stern zitiert seinen Bruder mit den Worten, ihm sei es oft sauschlecht gegangen, das lange Wundsein habe ihn zermürbt, er habe das aber nicht zeigen wollen. Das aber dürfte noch zusätzliche Kraft gekostet haben.

Wolfgang Schäuble ist nicht im herkömmlichen Sinne eitel. Aber er hält sich vielen anderen intellektuell überlegen und, wie er sagen würde, „ein Stück weit“ für unersetzlich. Möglicherweise sieht die Kanzlerin der schwarz-gelben Koalition das ganz ähnlich, denn der erfahrene, konservative, von allen in der CDU hoch geachtete oder zumindest gefürchtete Schäuble ist eine ganz entscheidende Stütze ihres Regierens, ein wichtiges Gegengewicht auch zu ihren Jungstars Ursula von der Leyen, Norbert Röttgen oder Karl-Theodor zu Guttenberg.

Auch dürfte es nicht in Wolfgang Schäubles Weltbild passen, wenn er seine glänzende, wenn auch von schweren Niederlagen begleitete politische Karriere auf dem Krankenbett beenden müsste. Allerdings zitiert ihn der Stern mit den Worten: „Wenn es nicht geht, dann geht’s halt nicht.“ Zu Schäubles Eigenschaften gehörte immer ein ausgeprägter Sinn für das Machbare. Jetzt hat er noch drei Wochen Zeit, dies auszutesten.

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