+
Auf dem Görlitzer Marienplatz hat die „Alternative für Deutschland“ ihre Wahlkampfstände aufgebaut.

Ostdeutschland

Blaue Normalität in Görlitz

  • schließen

AfD-Kandidat Wippel könnte am Sonntag in Görlitz die Bürgermeisterwahl gewinnen. Nicht nur dort ist es längst kein Tabubruch mehr, rechts zu wählen.

An der Backsteinmauer unweit des Görlitzer Neißeufers steht in großen weißen Lettern: „Wählt Thälmann!“ Der Spruch markiert die Anfänge von „Görliwood“, von Görlitz als Film-Drehort und Kulisse. Er stammt ursprünglich von einer DDR-Fernsehproduktion über den Kommunistenführer, den die Nazis ermordeten. Auf dem Bürgersteig davor bleibt eine Seniorin stehen und sagt: „Ich wähle Wippel!“ Sebastian Wippel, 36, Polizeioberkommissar, ist der AfD-Kandidat zur Oberbürgermeisterwahl. Am Sonntag tritt er in der zweiten Runde gegen den einzigen verbliebenen Gegenkandidaten Octavian Ursu von der CDU an. Es könnte das erste Mal sein, dass die AfD ein Rathaus erobert. Daher interessiert sich jetzt die ganze Republik für eine OB-Wahl in einer 56 000-Einwohner-Stadt.

Die Seniorin sagt: „Jetzt wollen sie uns wieder vorschreiben, dass wir den nicht wählen dürfen, aber das ist mir egal.“ Sie hält es für Bevormundung, dass alle außer der AfD zur Wahl des CDU-Manns aufrufen: die Grüne Franziska Schubert, die im ersten Wahlgang mit 27 Prozent knapp Dritte wurde, die „Bürger für Görlitz“ – und auch die Stars von Görliwood. „Wählt weise“, haben Schauspieler und Produzenten aus Deutschland, Großbritannien und den USA in einem offenen Brief den Görlitzern geraten. Dass das „wählt nicht Wippel“ heißen soll, war jedem klar.

Als Antwort stellte die AfD ein Plakat auf Facebook, das an Blockbuster erinnern soll: „Hollywood mag ihn nicht – ganz Sachsen liebt ihn. Sie nannten ihn Wippel.“ Und zugleich lud der Kandidat die Filmschaffenden auf einen Kaffee ins Rathaus ein, wenn er denn gewählt wird. „Görlitz bleibt auch unter einem AfD-Oberbürgermeister Europastadt“, schrieb Wippel dazu.

So sieht also der Spagat der AfD-Politiker aus, wenn die Macht irgendwo in Reichweite ist: Sie attackieren das „Establishment“ – und versichern zugleich, dass keiner vor ihnen Angst haben müsste. Wippels Wahlkampfthema ist die Sicherheit in der Grenzstadt. Wird er gefragt, was das konkret bedeutet, sagt er: Zwei Streifenwagen mehr im nächtlichen Einsatz. Bleibt alles im Rahmen? In Görlitz verfängt sein Stil. Christian Eulitz läuft an der Thälmann-Kulisse vorbei, die sie hier mit einem trotzigen Stolz als Teil der Stadt akzeptieren. Er wird auch Wippel wählen, sagt er. „Wippel ist Polizist, Ursu ist Trompeter am Theater. Ich vertraue dem Polizisten mehr.“ Und dass er in der AfD ist? „Na und?“, fragt der Görlitzer zurück.

Na und? Nicht nur in Görlitz ist es längst kein Tabubruch mehr, AfD zu wählen. Die Rechtspartei gehört zum Mainstream. Das verändert den Umgang mit ihr. Am 1. September sind Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg, in aktuellen Umfragen liegt die AfD in beiden Bundesländern auf Platz 1. Ein Sieg Wippels könnte ein weiteres Signal sein: Denn Görlitz ist die Heimatstadt von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Hier muss er im September sein Landtags-Direktmandat gewinnen, um noch irgendetwas zu bleiben in der sächsischen Union.

In Sachsen und Brandenburg hat die AfD bei den Kommunalwahlen besonders auf dem Land abgeräumt, sie dominiert Kreistage, Stadträte und Gemeindeversammlungen. Die blaue Wucht sorgt für eine Normalisierung, notgedrungen. „Wenn die Leute von der AfD vernünftige Vorschläge machen, arbeiten wir mit ihnen zusammen“, sagt etwa Raik Nowka, Kreischef der CDU in Spree-Neiße, von Görlitz aus direkt hinter der Landesgrenze in Brandenburg. „Sie haben ihre Sitze im Kreistag ja nicht im Lotto gewonnen, sondern wurden gewählt.“

Und im benachbarten Oberspreewald-Lausitz sagt der designierte CDU-Fraktionschef Niko Gebel: „Die beste Idee für unsere Heimat zählt, egal, von wem sie kommt.“ Aber Gebel gibt auch die Parole aus: „Keine Koalition, keine Zählgemeinschaft mit einer Partei, die Rechtsextreme auf ihren Listen hat.“ Normalisierung bedeutet nicht gleich eine schwarz-blaue Annäherung. Es heißt zunächst einmal, der neuen Macht auf Augenhöhe gegenüberzutreten. Nur was folgt dann? Auch wenn Wippel in Görlitz nicht Rathauschef werden sollte – er hat dafür gesorgt, dass die AfD jetzt mit 13 Sitzen stärkste Fraktion im Stadtrat ist. Die anderen Fraktionen haben eine deutliche Mehrheit gegen sie. Dennoch ändert der blaue Block die Spielregeln.

Rolf Weidle ist die graue Eminenz der Görlitzer Kommunalpolitik. Der 72-jährige Mediziner sitzt seit 20 Jahren im Stadtrat, er hat die Liste „Bürger für Görlitz“ gegründet, die bei der Wahl drittstärkste Kraft wurde. Er hat maßgeblich die Kandidatur der Grünen Schubert unterstützt und wirbt nun für CDU-Mann Ursu, um Wippel zu verhindern. Weidle sitzt in einem urigen Café direkt neben dem Rathaus und macht sich Sorgen um Görlitz, um die Lausitz, um Ostdeutschland. Er sagt: „Wenn diese zerstörerische Diskussions-Unkultur nicht verschwindet, dann schwindet meine Hoffnung, dass sich dieses Land noch einmal erholt.“

Vor dem Café gehen Touristen durch die wunderschöne Renaissance-Altstadt hinunter zur Neißebrücke, die Görlitz mit der polnischen Stadthälfte Zgorzelec verbindet. Am Untermarkt wirkt es so, als wäre ganz Görlitz Görliwood, eine einzige Kulisse, in der jetzt eine politische Groteske aufgeführt wird. Aber das ist natürlich Blödsinn. Görlitz ist auf einer demografischen Achterbahn und gerade wieder auf dem aufsteigenden Ast. „20 000 junge Menschen haben Görlitz nach der Wende verlassen“, sagt Weidle, „da braucht es eine Generation, bis sich das wieder erholt. Aber die Leute kommen doch: 3000 Polen haben sich auf der deutsche Seite angesiedelt, 1500 Rentner kamen in den vergangenen Jahren aus dem Westen, „und junge Leute wollen auch zurück“.

Eigentlich wurde es wieder besser in Görlitz. Aber jetzt reden wieder alle über Wippel und die AfD. Viele Görlitzer haben Angst, dass die Achterbahn deswegen wieder nach unten kippt. „Die ganze Republik guckt auf uns, das macht so viel an unserem Image kaputt“, sagt Danilo Kuscher. Der 35-jährige ist frisch für eine Bürgerliste in den Stadtrat gewählt worden. Zehn Jahre lang hat er in einem leerstehenden Kühlhaus am Stadtrand ein soziokulturelles Zentrum aufgebaut, wurde von der Robert-Bosch-Stiftung geehrt und hat die Frau des Bundespräsidenten über das Gelände geführt. Er sorgt sich, dass die Jungen, Kreativen, Digitalen, die er anlocken möchte, bald einen großen Bogen um die Stadt machen. Kuscher stammt aus Zodel, einem kleinen Ort in der Gemeinde Neißeaue, wo die AfD 46 Prozent eingesammelt hat. Seine Familie lebt noch dort, sie muss sich jetzt täglich Bemerkungen anhören, dass ihr Sohn ja zum verhassten „Establishment“ gehört.

Aber auch Kuscher sagt: Mit den AfD-Leuten im Stadtrat wird man reden müssen. Klare Kante, wenn es um ihre Ideologie geht. Aber was, wenn sie eine Parkbank wollen? „Dann müssen wir über unseren Schatten springen, zustimmen – und ihnen die Opferrolle nehmen.“

CDU-Mann Ursu hingegen lehnt jede Kooperation mit der AfD-Stadtratsfraktion ab. Kretschmer unterstützt ihn dabei. „Wie soll er mit einer Partei zusammenarbeiten, deren Positionen absolut konträr zu unseren sind?“, sagte Kretschmer. „Dasselbe gilt für den gesamten Freistaat Sachsen.“ Würde Kretschmer im Wahlkampf irgendetwas anderes sagen, wäre es fatal. Aber das beantwortet noch nicht Rolf Weidles Frage, wie er nun den 13 AfD-Vertretern im Sitzungssaal begegnen soll. Bisher war es einfach im Stadtrat. Es gab zwei Rechtsextreme, mit denen redete niemand. Sie wurden nicht wiedergewählt. „Wir müssen eine Umgangskultur mit den AfD-Vertretern entwickeln“, sagt auch Rolf Weidle nachdenklich. „Die anderen politischen Kräfte werden niemanden zurückgewinnen, wenn wir nur Kontra zur AfD stehen.

Die Mittagssonne brennt auf den Marienplatz, die AfD hat ein paar schattige Wahlkampfzelte aufgebaut. Die Menschen, die sich um den Stand drängen, sind meistens älter und meistens Männer. Maria Schwalbe fällt sofort auf. Sie kommt mit dem Lastenrad, hat kurzgeschorenes Haar und eine riesige Sonnenbrille. Schwalbe und ihr Mann sind zum Studium nach Görlitz gekommen und wollen auf keinen Fall wieder weg. Sie haben ohne Erfolg für die Linken für den Stadtrat kandidiert. In anderen Städten würde jemand wie Schwalbe jetzt eine Gegendemo starten und irgendwie versuchen, den Stand zu stören. In Görlitz schaut sie einfach nur zu. Ihr kleiner Sohn holt eine blaue Tüte mit AfD-Gummibärchen. „Wir müssen mit denen reden, streiten, ins Gespräch kommen“, sagt sie. „Was sollen wir denn sonst tun?“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion