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Bizarre Inszenierung im Weißen Haus

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Von: Karl Doemens

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© epa

US-Präsident Donald Trump lässt sich von seinem Kabinett medienwirksam huldigen.

Nein, das war kein Versehen. Die Fernsehsender hatten nicht irrtümlich nach Nordkorea geschaltet. Und es wurde auch keine Aufzeichnung der bis 2015 von Donald Trump moderierten Reality-TV-Show „The Apprentice“ (Der Auszubildende) gezeigt, bei der die Kandidaten um einen 250 000-Dollar-Job buhlen. Die bizarren Szenen spielten im Weißen Haus, wo Trump sein Kabinett nach fünf Monaten zum ersten Mal komplett versammelt hatte. Amerikas TV-Zuschauer erlebten am Montag einen der wohl peinlichsten Momente ihrer stolzen Demokratie.

„Es ist das größte Privileg meines Lebens, als Vizepräsident zu dienen. Dieser Präsident hält sein Wort“, gab Mike Pence gleich zu Beginn den von lobhudelnder Unterwürfigkeit geprägten Ton der Sitzung vor. Trump hatte seine Minister um einen großen ovalen Tisch versammelt. Normalerweise dauern solche Foto-Termine zu Beginn einer Kabinettssitzung nicht lang: Der Präsident sagt ein paar Worte, alle lächeln, die Kameras klicken, jemand ruft eine Frage, der Präsident antwortet nicht – und schon sind die Journalisten wieder draußen. Das Wichtige wird hinter verschlossenen Türen verhandelt.

Bei Trump ist es andersherum: Das Wichtige ist die Inszenierung. Also lobte er sich vor laufenden Kameras zunächst selbst: „Noch nie gab es – mit wenigen Ausnahmen – einen Präsidenten, der mehr Gesetze auf den Weg gebracht hat und mehr getan hat als ich.“ Schon das war maßlos übertrieben: Trump hat noch kein einziges Gesetzesvorhaben durchs Parlament gebracht. Umgesetzt hat er alleine 35 präsidiale Dekrete, die aber weniger bedeutsame Politikfelder betreffen oder kurz darauf  von Gerichten gestoppt wurden.

Dann sollten sich die Teilnehmer der Reihe nach vorstellen und ein paar Sätze über sich sagen. Devot machten die Minister – immerhin gestandene Geschäftsleute, Militärs und Milliardäre – Trump ihre Aufwartung. Er bekomme sehr viel positive Rückmeldungen aus den Sicherheitskräften, schwärmte Justizminister Jeff Sessions: „Sie sind begeistert, dass wir neue Ideen haben und sie unterstützen.“

Die Wahrheit ist: Trump ist von Sessions zweitem, etwas entschärften Einreisestopp gar nicht begeistert. Energieminister Rick Perry berichtete, er habe in China überzeugend erklären können, weshalb die USA sich aus dem Pariser Klimaschutzabkommen zurückziehen: „Hut ab dafür, dass Sie diese Position vertreten und eine klare Botschaft in die Welt senden.“ Dass das Echo außerhalb der USA ausschließlich negativ ist, verschwieg Perry.

Den Höhepunkt an Selbstverleugnung aber bot Reince Priebus. „Wir danken Ihnen für die Gnade, dieser Agenda dienen zu dürfen“, schwurbelte der Stabschef des Weißen Hauses abschließend. Amerikanischen Medienberichten zufolge plant Trump eine größere Personalrochade, bei der Priebus gefeuert werden soll. Der Stabschef hat nur noch eine Gnadenfrist bis zum 4. Juli, um seinen Job zu verteidigen.

„So eine Kabinettssitzung habe ich noch nicht erlebt“, twitterte Julie Davis, White-House-Reporterin der „New York Times“ befremdet. „Geht mir genauso“, antwortete Jim Acosta, der erfahrene Korrespondent des Nachrichtensenders CNN, knapp. Nicht nur den beiden Journalisten kam die Szene unheimlich vor.

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