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Virginia Woolfs Essay "A Room of One?s Own" gilt als feministischer Schlüsseltext. Darin schrieb die Schriftstellerin 1929, um "große Literatur" hervorzubringen, bräuchten Frauen zwei Dinge: Finanzielle Unabhängigkeit und ein eigenes Zimmer. Auch im Mittelalter waren den adligen Damen ihre eigenen Räume ? oft in einem separaten Teil des Gebäudes untergebracht ?wichtig. Dort hatten sie, ihre Zofen und Hofdamen ihre Ruhe und konnten sich ungestört austauschen. Und was daran ist jetzt eigentlich das Schimpfwort?

Schlampen

Das bisschen Haushalt

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Waschen, putzen, kochen ? die Arbeit daheim überfordert viele Familien. Sie suchen Hilfe bei Coachin Cornelia Ahlers.

Wenn Cornelia Ahlers das erste Mal zu Besuch kommt, dann entschuldigen sich die Frauen sofort. Weil die Wäscheberge dem Mount Everest Konkurrenz machen, weil Wollmäuse es sich in den Ecken bequem gemacht haben, weil eine Tasse mit braunem Kaffeerand vergessen auf dem Tisch steht. Den Frauen ist das peinlich. Dabei hatte Ahlers vor dem Besuch darum gebeten, nicht besonders aufzuräumen. Es soll aussehen wie immer in der Wohnung. Schließlich kommt sie als Haushaltscoachin. „Doch selbst die gestandensten Frauen verfallen dann in den Entschuldigungsmodus“, sagt Ahlers. Sie seien beruflich erfolgreich, mit den Kindern laufe es, „sie haben eigentlich alles im Griff – nur der Haushalt klappt nicht“.

Ahlers ist Hauswirtschaftsmeisterin. In ihrer Schule im hessischen Rodgau gibt sie Kurse, macht auch private Beratungen. Aus ganz Deutschland bekommt die 65-Jährige Anfragen. Gerade neulich hat sie mit einer Frau in München ge-skypt. Es gibt nicht viele Haushaltscoaches im Land. „Das ist schade, der Haushalt ist ein großer Teil des Lebens und nervt jeden Tag“, sagt Ahlers. Wenn das Auto nicht laufe, bringe man es in die Werkstatt. „Wenn der Haushalt nicht läuft, schleppen wir das mit uns herum.“ 

Wäsche waschen, aufräumen, putzen, einkaufen, kochen – „die Frauen, die zu mir kommen, schreien um Hilfe“, sagt Ahlers. Sie schaffen das alles nicht, sie fühlen sich überfordert. Meist sind sie berufstätig, haben Kinder – und einen Partner. „Die Hauptlast im Haushalt liegt aber noch immer bei den Frauen“, sagt Ahlers. Früher seien nur die Männer erwerbstätig gewesen, der Job der Frau war der Haushalt. „Und wenn es nicht sauber war, dann war sie eine Schlampe.“ Das Frauenbild habe sich zwar gewandelt, ein Dasein als „Nur-Hausfrau“ werde eher als Makel gesehen, aber der Ruf sei geblieben: „Wer nichts im Haushalt taugt, der hat kein Ansehen.“ Also lässt man lieber keine Besucher rein, als Unordnung zu präsentieren. 

Auch wenn sich Einstellungen zu Rollenbildern von Männern und Frauen gewandelt haben, zu Verhaltensänderungen führen sie eben nur bedingt. Meist sitzen Frauen bei Ahlers in den Haushaltskursen und beschäftigen sich an einem Samstag sechs Stunden lang mit Zeiterfassung, Unterhaltsreinigung, Zwischenreinigung. Und dort merkt Ahlers immer wieder: „Der Leidensdruck ist in den Familien unheimlich groß.“ Normalerweise würden die Frauen nicht darüber reden, weil sie sich schämten. „Sie denken, nur sie allein hätten es nicht im Griff. Dabei geht es vielen so.“ 

Manchmal sind auch Männer im Kurs. Der eine zum Beispiel, der seiner Frau die Teilnahme geschenkt hat, damit sie gezeigt bekommt, wie es richtig geht. „Der ging aber ziemlich bedröppelt raus“, erinnert sich Ahlers. Denn es geht in dem Lehrgang auch darum, die Last innerhalb der Familien zu verteilen. Die offenbar beharrlich weiterbestehende klassische Arbeitsteilung im Haushalt zu ändern, der eigentlich die Legitimation abhanden gekommen ist. Es muss also gerechnet werden: Wie viele Stunden fallen an Hausarbeit in der Woche an? Wie können sie gerecht aufgeteilt werden? „Danach kaufte der Mann künftig auf dem Nachhauseweg ein“, sagt Ahlers. „Zahlen und Fakten überzeugen Männer meist.“

Die Hausarbeit ist einer der größten Streitpunkte bei Paaren. Viele seien sich politisch einig, bei der Kindererziehung auf einer Welle, aber beim Haushalt, „da gibt es regelmäßig Zoff“, sagt Ahlers. Die Schere liegt nicht da, wo sie liegen sollte. Klamotten fliegen auf dem Boden herum. „Ein gut funktionierender Haushalt ist wichtig in einer Beziehung“, meint die Coachin. Wenn der läuft, wird weniger gestritten. 

Dafür müssen aber alle mithelfen. „Der Haushalt ist ein Familienbetrieb“, sagt Ahlers. Und in jedem Betrieb gibt es Arbeitsplatzbeschreibungen und Zeitabläufe. Es braucht daher einen Plan: Wer macht was in der Wohnung. „Bei vielen fehlen System und Plan“, hat die Expertin festgestellt. Anleitungen dafür gibt sie, aber auch „Routinen und Gewohnheiten helfen“. Wöchentlicher Speiseplan, Blumengießen einmal die Woche, täglich aufräumen, damit gar nicht erst das große Chaos ausbricht. 

Ganz wichtig ist Ahlers auch, dass nicht nur Männer, sondern auch Kinder einbezogen werden. Das könne ganz spielerisch geschehen, Aufgaben könnten etwa aus einem Lostopf gezogen werden. „Wir können Kindern keinen größeren Gefallen tun, als sie mit praktischen Erfahrung ins Leben zu entlassen.“ Irgendwann müsse schließlich jeder einen Haushalt führen. „Aber um Kindern etwas beizubringen, muss man die doppelte Dauer einplanen – und dazu haben viele keine Zeit“, sagt Ahlers. Sie plädiert dafür, Hauswirtschaft wieder als Fach an die Schule zu bringen. „Es ist eine wahnsinnige Erleichterung im Leben, wenn man das kann.“

Wenn es so richtig ordentlich sein soll, dann fallen „pro Person im Haushalt zwei Stunden Arbeit am Tag an“, sagt Ahlers. Heißt: acht Stunden bei einer vierköpfigen Familie. „Das kann keiner mehr leisten.“ Deshalb müsse man Abstriche machen, beim Bügeln etwa. „Es gibt Tricks, wie man waschen kann, damit die Wäsche nicht so knittert“, verrät die Expertin. Es können auch Dinge ausgelagert werden. Reinigung, Putzfrau, Essen holen. „Das machen einige heutzutage, aber die Vergabe von Aufgaben ist teuer, das kann sich nicht jeder leisten.“ 

Wenn Ahlers das erste Mal zu Besuch kommt, dann interessiert sie gar nicht so sehr, ob aufgeräumt ist. Sie spricht zunächst mit der Familie. Und dann schaut sie auf Abläufe. Sieht nach, ob Kaffeepulver und Kaffeemaschine in verschiedenen Ecken stehen. „Jeder Schritt, jeder Handgriff kostet Zeit“, erklärt sie. In der Ausbildung habe sie mal ein Experiment gemacht: Kuchenbacken in einer schlecht und in einer gut organisierten Küche. 24 Meter mehr mussten in einer schlecht eingeräumten Küche gelaufen werden. „Wenn man das auf ein Haushaltsleben hochrechnet, dann verbringen wir Wochen und Monate mit unsinnigen Schritten“, sagt Ahlers. „In der Zeit könnte ich Berge mit der Hand versetzen.“ 

Die Frau aus München hat ihr gerade eine Mail geschrieben. Akademikerin, Mann, Kinder. Es laufe gut, schreibt sie. Manches sei noch mühsam, aber alle würden mithelfen. „Bei manchen klappt es nach zwei Monaten, bei anderen nach zwei Jahren“, sagt Ahlers. „Aber es ist wie beim Kochen: Ich gebe das Rezept, zubereiten müssen die Leute dann selber.“

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