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Die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz im Dom in Fulda.

Missbrauch

Bischöfe räumen Versagen der Institution Kirche ein

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Die deutschen Bischöfe räumen im Skandal um tausendfachen Missbrauch durch Geistliche institutionelles Versagen der Kirche ein und versprechen den Opfern Entschädigungen.

Als Konsequenz aus einer umfassenden wissenschaftlichen Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche wollen die deutschen Bischöfe künftig verstärkt auf Kooperation und unabhängige Kontrolle setzen.  

Die Kirche müsse Hinwendung zu den Opfern noch klarer praktizieren und sie in die Erarbeitung von Konsequenzen aus der Studie einbeziehen. „Wir stellen uns dem Ernst der Stunde“, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, zum Abschluss viertägiger Beratungen in Fulda. „Die schockierenden Ergebnisse zeigen uns Bischöfen die Verantwortung zu verstärktem Handeln und die Pflicht, den Betroffenen Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen.“

In bisher nicht gekannter Offenheit räumen die Bischöfe ein „institutionelles Versagen“ ein. „Wir wollen klären, wer über die Täter hinaus Verantwortung institutionell für das Missbrauchsgeschehen in unserer Kirche getragen hat“, heißt es dazu in einer eigenen Erklärung. Für die Aufarbeitung und Prävention stellte Marx eine engere Zusammenarbeit mit den Laienverbänden sowie „gegebenenfalls“ mit dem Staat in Aussicht. Externe Hilfen benötige die Kirche „stärker als bislang“. Insgesamt seien ein „Mentalitätswandel“ und „ein neues Miteinander“ nötig. 

Die sogenannte MHG-Studie, Ergebnis mehrjähriger Arbeit eines Forscherverbunds der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen, hatte aus der Durchsicht von mehr als 38.000 Personalakten eine Zahl von fast 3700 Kindern und Jugendlichen ermittelt, die zwischen 1946 und 2014 Opfer sexualisierter Gewalt geworden waren. Aus den Akten ergab sich eine Zahl von mehr als 1670 Beschuldigten – bei einem mutmaßlich vergleichbar großen, von den Forschern aber nicht näher bezifferten Dunkelfeld. 

Die im Auftrag der Bischofskonferenz erstellte Studie macht als systemische Ursachen und begünstigende Strukturmerkmale unter anderem die überzüchtete Sakralisierung des geistlichen Amts und Standesdünkel (Klerikalismus) sowie die katholische Sexualmoral aus. Auch der Zölibat müsse in einem komplexen Zusammenhang auf den Prüfstand, empfehlen die Forscher den Bischöfen. 

Katholische Kirche am Wendepunkt - doch wohin nun?

Darauf reagierten diese mit der eher wolkigen Ankündigung, solche „für die katholische Kirche spezifischen Herausforderungen unter Beteiligung von Fachleuten verschiedener Disziplinen in einem transparenten Gesprächsprozess zu erörtern“. Aus Teilnehmerkreisen verlautete, alle Bischöfe teilten Marx’ Analyse, dass die Kirche in Deutschland an einem Wendepunkt stehe und es „nicht weitergehen kann, so wie es war“. Allerdings gingen die Ansichten, was nun zu geschehen habe, teils weit auseinander.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, drang auf einen konkreten Fahrplan. Den von Marx behaupteten Wendepunkt habe er noch nicht erkennen können. Die Opferinitiative „Eckiger Tisch“ zeigte sich „fassungslos“ über die „dürftigen Ankündigungen“. Ähnlich äußerte sich die Laienbewegung „Wir sind Kirche“. 

Einhellig verpflichten sich die Bischöfe auf gemeinsame Standards in der Aktenführung und der Prävention sowie ein flächendeckendes Angebot externer Anlaufstellen für die Opfer. Die Verfahren zur finanziellen Entschädigung sollen „fortentwickelt“ werden. Dazu hieß es in Fulda, die Anerkennung einer institutionellen Mitschuld der Kirche verlange auch einen Ausgleich jenseits der individuellen Verantwortung der Täter. Persönliche Konsequenzen amtierender Bischöfe hielt Marx auf Nachfrage für keine angemessene Reaktion. 

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