Fatale Folgen der Pandemie

Bill und Melinda Gates Stiftung: Coronavirus macht Fortschritte zunichte

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Die Coronavirus-Pandemie trifft die Ärmsten der Armen mit besonderer Härte. Weltweit warnen Hilfsorganisationen wie die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung vor den Auswirkungen der Pandemie.

  • Weltweit steigen Armut und Hunger wegen der Coronavirus-Pandemie.
  • Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung veröffentlicht einen warnenden Bericht.
  • Besonders betroffen sind Frauen und Kinder in Entwicklunsländern.

Seattle – Die Coronavirus-Pandemie hat den in den vergangenen 20 Jahren erzielten Fortschritt in der Entwicklung der ärmsten Staaten dieser Welt zunichtegemacht. Zu diesem Ergebnis kommt der „Goalkeepers Report 2020“ der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung – hier zum Herunterladen auf Deutsch. Er misst die Errungenschaften von Entwicklungsländern unter insgesamt 18 Gesichtspunkten und wurde jetzt veröffentlicht.

Nachdem die Zahl der in bitterer Armut lebenden Menschen seit Anfang des Jahrtausends ständig kleiner geworden ist, rutschten jetzt wieder 37 Millionen zusätzliche Weltbürgerinnen und Weltbürger unter die extreme Armutsgrenze – das heißt, sie müssen mit täglich weniger als 1,90 US-Dollar auskommen. „Armutsgrenze ist ein beschönigender Begriff“, heißt es im Bericht: „In Wahrheit bedeutet er, dass Familien ständig alles zusammenkratzen müssen, um sich am Leben zu erhalten.“

Habe die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen bereits heute um sieben Prozent zugenommen, sei im kommenden Jahr mit einer weiteren Verdoppelung ihrer Zahl zu rechnen, heißt es weiter. Fast 400 Millionen der ärmsten Menschen sind Frauen und Mädchen. Ihre Zahl werde in den kommenden Jahren noch bis auf 450 Millionen steigen und frühestens im Jahr 2030 wieder auf dem Stand von vor der Coronavirus-Pandemie angelangt sein.

Unterdessen meldet das Welternährungsprogramm, dass sich die Zahl der Menschen mit nicht gesichertem Nahrungsmittelbedarf in diesem Jahr auf 265 Millionen fast verdoppeln wird. Bedroht davon sind vor allem mangelernährte Kinder unter fünf Jahren; ihre Zahl werde um sieben Millionen steigen, heißt es in einer vom britischen Gesundheitsmagazin „The Lancet“ durchgeführten Studie. Die Hungersnot wird in diesem Fall nicht von mangelhafter Produktion ausgelöst. Vielmehr können sich immer mehr Menschen in Afrika und Südasien Nahrungsmittel nicht mehr leisten.

Weltrisikobericht

Zivile Hilfsexperten mahnen im Weltrisikobericht 2020 einen besseren Schutz für Flüchtlinge und Migranten vor den Folgen der Coronavirus-Pandemie an. Diese verschärfe „die ohnehin prekären Verhältnisse, in denen viele der derzeit fast 80 Millionen Geflüchteten und Vertriebenen weltweit leben“, warnten die Autoren am Dienstag bei der Veröffentlichung der Untersuchung. „Folglich besteht ein erhöhtes Risiko, dass ein solches Ereignis zur humanitären Katastrophe wird“, heißt es in dem Bericht, der vom Bündnis Entwicklung Hilft und dem Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht der Ruhr-Universität Bochum (IFHV) veröffentlicht wurde. „Auch Wanderarbeiter und Wanderarbeiterinnen sind von den Auswirkungen der Pandemie besonders betroffen. Im Fall eines extremen Naturereignisses sind sie daher besonders verwundbar“, heißt es. (dpa)

Konzentration auf Coronavirus kann zu mehr Aids-, Tuberkulose- und Malariakranken führen

Auch die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Gesundheit der ärmsten Teile der Weltbevölkerung drohen nach Prognosen des „Globalen Fonds zum Kampf gegen Aids, Tuberkulose und Malaria“ katastrophal zu werden. Einem jetzt veröffentlichten Bericht des Fonds zufolge drohe die Zahl der Aids-, Tuberkulose- und Malariatoten stark anzusteigen, weil sich das Gesundheitswesen in den afrikanischen Armutsländern ganz auf den Kampf gegen das Coronavirus konzentriere. Die Pandemie hat den Kontinent bislang wohl nur scheinbar wenig getroffen: Bis heute wurden in Afrika lediglich knapp 1,4 Millionen Infizierte und 33 000 Todesfälle registriert, fast die Hälfte davon in Südafrika.

Schülerinnen und Schüler in der ruandischen Hauptstadt Kigali waschen sich an einer Hygienestation die Hände.

Allerdings gelten die Zahlen als wenig vertrauenswürdig: Angesichts mangelnder Tests gehen Expertinnen und Experten von wesentlich höheren Ansteckungs- und Sterberaten aus. Lediglich 650.000 Infizierte sind etwa in Südafrika derzeit registriert. Erstaunt sind Experten vor allem über die geringe Zahl der Toten in Zusammenhang mit dem Virus. Das könne daran liegen, dass die Bewohner des Kontinents schon vor der Pandemie ähnlichen Erregern ausgesetzt waren, heißt es: Dadurch sei möglicherweise ihr Immunsystem gestärkt worden.

Gates-Foundation formuliert Plan, um Coronavirus-Pandemie zu beenden

Trotzdem wurde der Erdteil von den wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Pandemie wie kein anderer mitgenommen. Das wird auf die Lockdowns und die Schließung der Grenzen zurückgeführt: Sie trafen die informellen Ökonomien mit ihren nur wenigen festen Arbeitsverhältnissen und schwachen staatlichen Interventionsprogrammen besonders hart. Selbst der Schwellenstaat Südafrika musste im zweiten Quartal dieses Jahres auf mehr als die Hälfte seines Bruttosozialprodukts verzichten.

Stiftung:Bill & Melinda Gates Foundation
Stiftung:46,8 Milliarden USD (2018)
Vermögen:36,79 Milliarden USD (2010)
Einnahmen:53 Milliarden USD (2010)
Vorsitz:Bill Gates, Melinda Gates, Warren Buffett, William H. Gates II
Zwecke:Gesundheitsvorsorge, Ausbildung
Gründer:Melinda Gates, Bill Gates

Erleichterung verspricht lediglich die Entwicklung eines wirksamen Coronavirus-Impfstoffs, der die Krise nach den Worten des Geschäftsführers der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, Mark Suzman, auf zwei Jahre verkürzen könnte. Doch auch in dieser Hinsicht hat der Kontinent schlechte Karten, wenn sich die reichen Staaten, wie befürchtet, die ersten zwei Milliarden Impfdosen sichern. (Von Johannes Dieterich)

Rubriklistenbild: © AFP

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