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Floh 2018 vor ihrer Familie: Rahaf Mohammed al-Qunun, die Asyl in Kanada fand.

Reisefreiheit

Bilder, die der saudische Kronprinz nicht mehr sehen will

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Saudi-Arabiens Thronfolger bin Salman möchte Frauen freies Reisen erlauben und damit den Khashoggi-Mord vergessen machen.

Das live auf Twitter übertragene Fluchtdrama bewegte den halben Globus. Mit Möbeln hatte die 18-jährige Rahaf al-Qunun die Tür ihres Hotelzimmers in Bangkok verbarrikadiert, während sie per Handykamera verzweifelt um Asyl vor ihrer gewalttätigen Familie in Saudi-Arabien flehte. Sie sei daheim häufig geschlagen worden und solle gegen ihren Willen verheiratet werden, klagte die Ausreißerin, die nach einer Odyssee um die halbe Welt schließlich von Kanada Schutz vor der Willkür ihres Vaters und ihrer Brüder bekam.

Solches saudisches Familienelend auf offener Bühne möchte Kronprinz Mohammed bin Salman in Zukunft verhindern. Dazu will MbS, wie er in der Bevölkerung heißt, noch in diesem Jahr das strikte Vormundschaftsrecht lockern und damit zum ersten Mal die häusliche Allmacht der Männer einschränken. Nach einem Bericht des „Wall Street Journals“, der sich auf hochrangige Mitarbeiter im Königshaus beruft, sollen saudische Frauen künftig ohne Einwilligung ihres Ehemanns oder ihrer männlichen Verwandten außer Landes reisen dürfen. Die Entscheidung „an der Spitze“ sei getroffen, die gegenwärtige Diskussion kreise nur noch darum, wie sich das Ganze möglichst schnell umsetzen lasse, ohne in der Gesellschaft Empörung zu entfachen, zitierte das Blatt ein ungenanntes Mitglied des Königshauses.

Mit dieser Initiative versucht der Thronfolger, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen könnten so die verstörenden Hilferuf-Videos junger Frauen wie Rahaf al-Qunun aus dem Netz verschwinden. Zum anderen ließe sich das Prestige Mohammed bin Salmans als Reformer neu aufpolieren. Auf mindestens 800 Fälle pro Jahr schätzt das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR derzeit die Zahl flüchtender saudischer Frauen, seit 2012 eine Steigerung um das Dreifache. Für Dana Ahmed, Saudi-Arabien-Spezialistin bei Amnesty International, ist dies ein Indikator für die Situation der weiblichen Bevölkerung im Königreich. Die Frauen seien trotz gewisser Reformen immer noch unzureichend geschützt gegen häusliche Gewalt und Missbrauch.

Denn abgesehen von der angestrebten Reisefreiheit sollen alle anderen männlichen Vorrechte unangetastet bleiben. Frauen dürfen auch weiterhin nicht gegen den Willen ihrer heimischen Gebieter heiraten, studieren, arbeiten oder eine Wohnung mieten. Selbst das Gefängnis dürfen Frauen nach einer Haftzeit nicht ohne männliche Zustimmung verlassen. Verweigert der männliche Vormund die Rückkehr nach Hause, müssen Frauen hinter Gitter bleiben. Auch die bisher spektakulärste Reform bei den Frauenrechten, als das Königshaus im Juni 2018 der weiblichen Bevölkerung das Autofahren erlaubte, war begleitet von einer Verhaftungswelle gegen prominente Frauenrechtlerinnen. Ihnen wird wegen Spionage und „verdächtiger Kontakte zu ausländischen Organen“ der Prozess gemacht. Alle Betroffenen, die seit mehr als einem Jahr im Gefängnis sitzen, beschuldigen das männliche Verhörpersonal, sie gequält, gefoltert und sexuell belästigt zu haben. Eine der Inhaftierten versuchte sich wegen der erlittenen Tortur das Leben zu nehmen. Eine zweite entwickelte ein unkontrollierbares Zittern am ganzen Körper.

Die jetzt angekündigte Reisefreiheit für Frauen will der Thronfolger daher nutzen, sein ramponiertes Ansehen im Ausland zu heben, zumal der alte König Salman immer gebrechlicher wird. Einst als mutiger Reformer und charismatischer Visionär gefeiert, ist die internationale Begeisterung mittlerweile großer Ernüchterung gewichen. Der vierjährige Krieg im Jemen, den der Kronprinz vom Zaun brach, ist für die Vereinten Nationen „die größte menschliche Katastrophe der Gegenwart“. Und seit dem Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi ist die Sympathie für den saudischen Kronprinzen bohrendem Misstrauen und offener Ablehnung gewichen.

Am 2. Oktober jährt sich die bestialische Bluttat in dem Konsulat von Istanbul, die jüngst auch die UN-Berichterstatterin für Menschenrechte, Agnes Callamard, dem Thronfolger persönlich anlastete. Mit der Lockerung des Vormundschaftsrechts, so lautet offenbar das Kalkül am Königshof, ließe sich den im Herbst zu erwartenden negativen Schlagzeilen etwas Positives entgegensetzen. „Wird dieses Versprechen eingehalten“ twitterte jedenfalls Sarah Leah Whitson, Nahost-Direktorin von Human Rights Watch, „dann ist dies wirklich eine große Sache.“

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