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60 Jahre danach

Ein Bild der Schande

Albert Heinrich aus Detmold erlebte seine Gefangennahme als persönliche Befreiung - trotz dreijähriger Gefangenschaft, die er als "Entgelt" für die Taten Deutscher versteht.

Das Kriegsende 1945, das ist für mich der 8. Mai 1945, der Tag des Waffenstillstandes und der bedingungslosen Kapitulation. Wir wurden in offenen Waggons, in denen sonst Zuckerrüben oder Kohle transportiert werden, mit je 80 Kriegsgefangenen in Richtung Le Mans befördert. Das heißt, wir standen so dicht gedrängt, dass keiner umfallen konnte. Die Franzosen jubelten auf den Straßen über die Befreiung vom Nazi-Joch. Ich hatte das Gefühl der Befreiung schon hinter mir. Davon später. Die Bahngleisarbeiter, an denen wir vorbeifuhren, machten ihrer Freude auf besondere Weise Luft.

Sie bewarfen uns mit Steinen aus dem Gleisbett. Und wir mussten uns so klein wie möglich machen, um nicht getroffen zu werden. Von der Brücke, unter der wir durchfuhren, überschüttete man uns mit Kalkbrühe aus Kübeln, und dazu hat man noch auf unsere Köpfe gepinkelt. Mein Gefühl dabei? Stoisch! Bedingungslose Kapitulation! Aber auch: selber schuld!

Konkret befreit fühlte ich mich am 1. Mai 1945, als die Amerikaner in Krühn (Oberbayern) einrückten und uns gefangen nahmen. Mein Gewehr hatte ich bei einem Waldarbeiter gelassen. Die Hoffnung auf den Endsieg hatte ich schon lange verloren. Und nicht nur ich. Beweis: Mitte 1944 kursierte unter vertrauten Kameraden folgender Witz. Der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels erhält den Auftrag, beim Orakel von Delphi nachzufragen, ob Deutschland siegen wird. Er bekommt die Antwort: "Ihr müsst dran glauben!" Dran glauben hieß hier: sterben!

Nun stand ich vor amerikanischen Soldaten. Hinter ihnen etwa ein Dutzend ehemaliger KZ-Häftlinge in ihren schäbigen, gestreiften Häftlingskleidern. Mir ist noch deutlich in Erinnerung, wie groß ihre Köpfe waren, oder anders gesehen, wie schmächtig ihre Körper? Ein Bild des Jammers und der Schande.

Neben mir stand ein Rechnungsführer der Wehrmacht mit einem Rucksack voller Wehrmachtsuhren und Dosen mit Schoka-Cola. Die Uhr, die er mir gab, habe ich später bei einem Wachmann gegen ein Stück Brot eingetauscht; die Schokolade und einen Beutel Reis, den mir ein indischer Soldat aus Hitlers Fremden-Armee gegeben hatte, sowie ein Streifen Schweinespeck, den mir eine Frau aus dem Dorf im Gefangenenzug zusteckte, waren meine Nahrung für die nächsten Tage. Denn wir landeten zu Tausenden auf einem Acker ohne jede Versorgung.

Der Schneeregen hatte den Boden knöcheltief aufgeweicht. In der ärgsten Not suchten wir liegen gebliebene Kartoffeln aus dem Schlamm zum rohen Verzehr. Die nächste Station war die Eissporthalle in Garmisch-Patenkirchen. Dort mussten wir unsere Rucksäcke lassen. Mir blieben der Brotbeutel mit dem Rasierzeug, Nähzeug, Neues Testament und Mundharmonika sowie mein Kriegstagebuch.

Der Rest waren drei Jahre in französischer Kriegsgefangenschaft als Holzfäller und - nach einer Ruhr-Erkrankung - Hauptvertrauensmann für die Region Dijon mit 6.500 Mitgefangenen. Das war mein Entgelt für die Befreiung.

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