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Joe Biden scheint selbst von seinem Sieg überrascht.

USA

Joe Biden is back!

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Am Super Tuesday erlebt der bisher als Anwärter für die demokratische Präsidentschaftskandidatur schwächelnde einen irren Schub. Es läuft auf ein Duell mit Bernie Sanders raus.

Einen kleinen Patzer leistet er sich dann doch. „Das ist eine gute Nacht“, hat Joe Biden seiner Anhängerschar von einer Bühne in Los Angeles zugerufen. Und dann will er seinen wichtigsten Unterstützern danken. „Das ist meine Schwester Valerie“, ruft der 77-Jährige und greift rechts hinter sich. Doch die Schwester hat vom Bruder unbemerkt den Platz getauscht. Tatsächlich reißt Biden die Hand seiner Frau Jill in die Höhe.

Aber das ist dann auch der einzige Fehler einer ansonsten makellosen Nacht für Barack Obamas ehemaligen Vizepräsidenten. „Am Super Tuesday wird es vorbei sein“, habe man ihm noch vor wenigen Tagen prophezeit, erinnert sich Biden. Danach sah es nach dem desaströsen Fehlstart seiner Kampagne in den frühen Vorwahlstaaten Iowa und New Hampshire auch tatsächlich aus. Doch als der Kandidat nun am Mammut-Wahltag in 14 Bundesstaaten um kurz nach 22 Uhr in Kalifornien ans Mikrofon tritt, hat er eine atemberaubende Siegesserie hinter sich – und längst sind noch nicht alle Abstimmungen ausgezählt.

Schon der erste Triumph des Abends im Bundesstaat Virginia, wo Biden mit 53 Prozent der Stimmen und 30 Punkten Vorsprung vor dem linken Senator Bernie Sanders siegt, deutet an, woher die plötzliche Stärke des distinguierten Mannes aus der klassischen weißen US-Mittelklasse rührt: Er hat die überwältigende Unterstützung des afro-amerikanischen Bevölkerungsteils. Der hatte ihm schon am Samstag den Sieg in South Carolina beschert. Und sie sichert ihm nun von North Carolina bis Oklahoma die Mehrzahl der Delegiertenmandate aus den südlichen Bundesstaaten.

Je später der Abend wird, desto weiter arbeiten sich die großen Kabelkanäle Richtung Westen der USA vor, wo wegen der Zeitverschiebung die Wahllokale viel später schließen. In Utah und Colorado kann Bernie Sanders erwartungsgemäß punkten. Als Hauptgewinn fährt der gestandene Weltverbesserer, der sich selbst einen „demokratischen Sozialisten“ nennt, das bevölkerungsreiche Kalifornien ein. Doch das war von den Meinungsforschern eh schon erwartet worden. Biden, dem das Geld auszugehen drohte, hatte in dem Westküstenstaat kaum Wahlkampf gemacht – aber er schneidet auch da besser als befürchtet ab.

Zur spektakulären Überraschung des Abends aber entwickelt sich der zweitgrößte US-Bundesstaat Texas, der zunächst – auch erwartungsgemäß – an Sanders zu fallen scheint. Entlang der Grenze zu Mexiko leben viele Latinos, die der Linke zu seinen wichtigsten Unterstützern zählt. Doch im Laufe des Abends schrumpft der Vorsprung immer stärker. Schließlich siegt der Ex-Vizepräsident mit mehreren Punkten Vorsprung.

Wahldebatte

Die Demokratische Parteinach dem Super Tuesday – wer fordert Trump heraus? Darauf versuchen Amerikanistin Greta Olson (Uni Gießen), Politologe Martin Thunert (Uni Heidelberg) und Bastian Hermisson (Heinrich-Böll-Stiftung, zugeschaltet aus Washington) am Freitag, 6. März, 18 Uhr, eine Antwort zu finden. Andreas Schwarzkopf von der FR moderiert die Diskussion. Die Böll-Stiftung lädt dazu ein ins Frankfurter Haus am Dom, Domplatz 3. 

Dieses Phänomen wiederholt sich in anderen Bundesstaaten und könnte auch das frühestens in den nächsten Tagen erwartete Ergebnis in Kalifornien noch verändern: Zunächst werden die Briefwahlstimmen ausgewertet, die teilweise schon Tage zuvor eingingen. Je später es wird, desto „frischer“ werden die Voten und desto größer wird die Unterstützung für Biden. Ganz offensichtlich hat wenige Tage oder gar nur Stunden vor der Wahl ein mächtiger Stimmungsumschwung zu dessen Gunsten stattgefunden. Was den ausgelöst hat? Darüber kann man zu dieser Stunde nur spekulieren. Laut Umfragen waren viele Wähler lange unschlüssig, welchen Kandidaten sie unterstützen sollten. Wichtigstes Kriterium für sie war, dass der demokratische „Frontrunner“ Präsident Donald Trump besiegen können muss. Und lange begleitete Biden ein Verliererimage. Das drehte sich in South Carolina. Und dann kamen am Montag die offiziellen Unterstützungsaufrufe der moderaten Ex-Wettbewerber Beto O’Rourke, Amy Klobuchar und Pete Buttigieg für den Elder Statesman hinzu.

„Donald Trump hat keine Empathie, keine Achtung für Werte, keinen Anstand und keinen Respekt“, wettert Biden in seiner Siegesrede in Los Angeles. Er redet mit fester, kämpferischer Stimme: „Wir müssen Trump schlagen. Aber wir dürfen nicht werden wie er. Wir dürfen nicht spalten, wir müssen heilen!“ Das ist Joe Bidens Credo.

Auf der anderen Seite des nordamerikanischen Kontinents, in Vermont, hat sich kurz zuvor Bernie Sanders an seine Anhänger gewandt. Die Auftritte könnten unterschiedlicher nicht sein. Ohne Bidens Namen zu nennen, geht der Senator seinen Kontrahenten scharf an: Er habe für den Irakkrieg 2003, für Einschnitte ins soziale Netz und für Freihandelsverträge gestimmt. Jede Aufzählung quittieren die Anhänger mit lauten „Buh“-Rufen. „Man kann Trump nicht mit derselben alten Politik schlagen“, ruft Sanders aus.

Bloomberg gibt auf

Es ist ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Wochen kommt. An diesem Super Tuesday wurden zwar gut ein Drittel der Mandate vergeben, doch entschieden ist das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur noch lange nicht. Klar ist nur, dass es auf ein Duell zwischen Sanders und Biden hinausläuft. Die gemäßigt linke Senatorin Elizabeth Warren hat einen enttäuschenden Abend und landet selbst in ihrer Heimat Massachusetts nur auf dem dritten Platz. Vor allem aber erlebt der Multi-Milliardär Mike Bloomberg ein von ihm kaum erwartetes Debakel: Seine 500-Millionen-Dollar-Kampagne kaufte ihm nur auf Amerikanisch-Samoa in Samoa den Sieg. Mittwochnachmittag gab Bloomberg und steht nun auch für Biden ein.

Viel wird nun davon abhängen, ob Bloomberg vorzeitig aus dem Rennen aussteigt und Biden unterstützt. Ein Unsicherheitsfaktor aber bleibt auch der 77-jährige Ex-Vizepräsident selbst. Seine Politik setzt auf Verlässlichkeit. Doch persönlich lieferte er in den vergangenen Wochen immer wieder holprige Auftritte, bei denen er Namen oder Orte verwechselte. Öfter brach er unkonzentriert Sätze mittendrin ab. Die Szene mit seiner Schwester am Wahlabend wirkt daher wie eine Warnung. Doch ansonsten zeigt sich Biden am Super Tuesday selbstbewusst und energisch wie selten zuvor. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob er seine Bestform halten kann.

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