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Biao Xiang: „Für die US-Elite war der Krieg zwischen Russland und der Ukraine fast ein Gottesgeschenk“

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Von: Bascha Mika

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Krisen allein können keine großen Veränderungen bewirken, sagt Biao Xiang. Max-Planck-Institut Halle
Krisen allein können keine großen Veränderungen bewirken, sagt Biao Xiang. © Max-Planck-Institut Halle

Der Sozialanthropologe Biao Xiang spricht im Interview über die Kommerzialisierung von Identität, eskalierende Konflikte und den Unterschied zwischen fair und gerecht.

Herr Xiang, Sie verantworten den Bereich „Anthropologie des wirtschaftlichen Experimentierens“ am Max-Planck- Institut in Halle. Das klingt interessant aber kryptisch. Können Sie in wenigen Sätzen erklären, was Sie tun?

In der heutigen Weltwirtschaft gehen Unsicherheiten mit Sackgassen einher. Wir sind uns alle einig, dass wir Veränderungen brauchen, aber wir sehen, dass systemische Transformationen nicht sehr wahrscheinlich sind. Daher bezweifle ich, dass große Theorien, die über den Erfahrungen der Menschen stehen und in eine Richtung weisen, viel helfen werden. Wir wollen beobachten, wie Menschen hier und dort verschiedene Formen der Organisation des Wirtschaftslebens ausprobieren, um zu weiteren Experimenten anzuregen – beispielsweise Plattformgenossenschaften zu gründen oder sich einfach aus übermäßigem Wettbewerb zurückzuziehen.

Es geht um gegenseitiges Lernen?

Das 21. Jahrhundert braucht auch neue Formen der Sozialforschung. Keines der drängenden Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, wie Klimawandel oder Bevölkerungsalterung, kann durch technokratische Lösungen bewältigt werden. Änderungen in der Wahrnehmung, etwa darüber, was ein gutes Leben ausmacht, sind unerlässlich. Gleichzeitig sind dank des raschen Anstiegs des Bildungsniveaus und des Fortschritts in der Kommunikationstechnologie viele Menschen bereit, gemeinsam mit Wissenschaftlern zu denken. Es macht keinen Sinn, eine Forschung zu betreiben, deren Ergebnisse nur von 200 Experten auf der Welt gelesen werden.

Und was ist das Ziel Ihrer Arbeit?

Meine Mission ist es letztlich, einen kommunikativen Forschungsstil zu entwickeln. Anstatt uns von den Fragen der Gelehrten leiten zu lassen, orientieren wir uns an den Sorgen der Menschen, etwa wenn sie sich im Alltag zunehmend unter Druck gesetzt oder trotz materieller Fülle machtlos fühlen. Wir werden versuchen, die Ursachen und Folgen dieser Besorgnis herauszufinden. Damit wollen wir das kritische Bewusstsein der Öffentlichkeit für aktuelle Probleme in direktem Bezug zu ihren Alltagserfahrungen schärfen. Dies kann ihnen helfen, Veränderungen im Leben vorzunehmen, egal wie klein die Veränderung ist.

Wenn Sie über Transformationen der Wirtschaft forschen – was steht dabei im Mittelpunkt? Die Rahmenbedingungen der Ökonomie oder die Frage: Wie wollen wir leben?

Eine neue Entwicklung in der Weltwirtschaft ist, dass soziale Beziehungen, einschließlich Liebe, Freundschaft und Fürsorge, zu einer Quelle des Profits wurden. Sie finden echte Liebe durch Dating-Apps, Sie pflegen authentische Freundschaften durch Facebook. Diese Beziehungen sind alle real, aber sie sind auf kommerzielle Unternehmen angewiesen, um lebendig zu sein. Das Kapital macht Geld aus dem Leben selbst. Ich nenne das „Gesellschaftsmarkt“. Organisierte die „Marktgesellschaft“ des 19. Jahrhunderts das gesellschaftliche Leben nach marktwirtschaftlichen Prinzipien – einer Logik der Kommerzialisierung folgend –, macht die „Marktgesellschaft“ heute den Markt zur Gesellschaft.

Wo endgültig alles zur Ware wird?

Die Fragen nach Ausbeutung und Ungleichheit sind nun mit Fragen nach Identität, Affekt und Sinn verwoben. Arbeitsstreiks allein werden die Wirtschaftsbeziehungen nicht verändern. Die Sinnfrage ist zu einem Schlachtfeld geworden. Ihre Frage „Wie wollen wir leben?“ beantwortet schon die Frage selbst. Eine Frage wie diese zu stellen, ist der beste Weg, um mit der Suche nach Möglichkeiten zu beginnen, den Gesellschaftsmarkt auszugleichen. Wir möchten, dass unsere Forschung jungen Menschen hilft, diese Art von Fragen auf fundiertere und durchdachtere Weise zu stellen. Wenn ich also an die Wirtschaft denke, konzentriere ich mich auf menschliche Anliegen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion triumphierte der Kapitalismus in seiner besonders hässlichen Form des Neoliberalismus. Wo stehen wir heute?

Wir sollten nicht vergessen, dass „die hässliche Form des Neoliberalismus“ in den 1990er und 2000er Jahren von vielen als etwas wirklich Attraktives gefeiert wurde. Der Neoliberalismus war nicht nur eine Reihe von Wirtschaftspolitiken, er ist auch eine Haltung, eine Lebenseinstellung. Die definiert, was cool und was erbärmlich ist. Das ist eine wichtige Lektion, die wir lernen sollten: Es ist gefährlich, einer einzigen Lebenseinstellung, sagen wir „Unternehmertum“, oder einer einzigen Institution, sagen wir dem Markt, alles zu überlassen.

Aber haben wir aus den neoliberalen Exzessen gelernt?

Der alte Stil des Neoliberalismus, der alles vermarktet und Sozialleistungen abbaut, wird jetzt bekämpft. Aber was wir heute erleben, ist nicht besser. Es sieht immer mehr nach einer Feudalwirtschaft aus. Eine kleine Anzahl von Plattformunternehmen verdient Unmengen Geld, indem sie große Bevölkerungsgruppen als ihre Benutzer „einfangen“. Die Unternehmen machen die Nutzer von den Plattformen abhängig, indem sie „kostenlose“ Dienste anbieten. Die Nutzer werden dann zu ständigen Werbezielen und Datenlieferanten. Die Abhängigkeit lässt es für mich wie Feudalismus aussehen. Die Frage, welche Rolle der Staat spielen soll, die von den Neoliberalismus-Orthodoxen vernachlässigt wurde, muss wieder zur Debatte gestellt werden.

Pandemie, Krieg, Inflation, Energieknappheit, dazu der Klimakollaps. Wir sind derzeit mit Einbrüchen, Umbrüchen und Abbrüchen auf den unterschiedlichsten Ebenen konfrontiert. Sind Krisen ein Motor für wirtschaftlichen Wandel oder verstärken sie die Beharrungskräfte?

Diese Krisen allein werden keine großen Veränderungen bewirken. Krisen können Katalysatoren von Veränderungen sein, aber nicht deren Ursache. Die Finanzkrise von 2008 war so schwerwiegend, dass viele Menschen erwarteten, dass der Kapitalismus danach einige große Veränderungen durchmachen würde. Doch das Ergebnis war enttäuschend: Die alte Normalität erwies sich als widerstandsfähiger als wir dachten.

 Können wir das Streben der Menschen nach Fairness in ein Streben nach Gerechtigkeit verwandeln? 

Biao Xiang

Gilt das auch für die Pandemie?

Was ich während der Corona-Pandemie sehe, bezeichne ich als „bedrückendes Chaos“. Das Chaos ist offensichtlich: Der Alltag wurde gestört, Ängste waren weit verbreitet und die öffentliche Meinung tief gespalten. Das Chaos forderte die etablierten Machtverhältnisse jedoch kaum heraus. Viele Menschen hatten eher das Gefühl, dass die Macht von Staaten, Konzernen und Technologie noch dominanter und bedrückender wurde. Covid wurde für viele Regierungen zu einer bequemen Ausrede, um die Zivilgesellschaft zu unterdrücken. Chaos verstärkt die Ordnung...

... und die Kontrolle?

Ein wichtiger Grund für das bedrückende Chaos ist, dass Regierungen aktiv Big Data, Algorithmen und Rückverfolgungstechnologien in die Regierungsführung übernehmen und die soziale Kontrolle an Private auslagern. So werden aus Personen Verhaltensträger. Verhaltensweisen können nachverfolgt und manipuliert werden. Sie werden nicht nur kontrolliert, sondern Ihr Verhalten wird verändert, bevor Sie es wissen. Sie werden in Fragmente zerlegt. Ihre fragmentierten Bedürfnisse könnten dank Technologien effizient befriedigt werden, aber Sie als Mensch mit Meinungen und Gefühlen spielen keine Rolle mehr. Demokratische Partizipation wird stark untergraben.

Wie lässt sich gegensteuern?

Veränderungen müssen aus bewusster Anstrengung kommen. Ein Ausgangspunkt kann die „soziale Reparatur“ sein – der Wiederaufbau grundlegender sozialer Strukturen für sinnvolle Kommunikation und Zusammenarbeit. Wir müssen den Menschen verteidigen. Der Mensch darf nicht auf zu befriedigende „Benutzer“ und zu manipulierende „Daten“ reduziert werden.

Zur Person

Biao Xiang ist seit 2020 Direktor des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung in Halle und verantwortlich für den Bereich „Anthropologie des wirtschaftlichen Experimentierens“. Zuvor war er Professor für Sozialanthropologie an der Universität Oxford.

Seine Forschung befasst sich mit Arten von Migration, Aus- und Rückwanderung sowie mit den zurückgelassenen Orten und Menschen – in China, Indien und anderen Teilen Asiens. Xiang ist Gewinner des Anthony Leeds Prize und des William L. Holland Prize. Seine Arbeiten wurden in viele Sprachen übersetzt. mika

Lassen Sie uns über China reden. Über Jahre haben sich China und die USA arrangiert und zum Beispiel in den Bereichen Klima und Verteidigung zusammengearbeitet. Nach dem Besuch von Nancy Pelosi in Taiwan hat China diese Zusammenarbeit ausgesetzt. Was bedeutet das für die Beziehung zwischen den beiden Ländern?

Die Spannungen zwischen China und den USA können nicht allein durch internationale Beziehungen oder die sogenannte Thukydides-Falle verstanden werden ...

... die besagt, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Krieg geben wird, wenn eine aufstrebende Macht eine bestehende Großmacht zu verdrängen droht ...

Die Spannungen sind in erster Linie durch die innenpolitische Situation in beiden Ländern bedingt. Die globale Geopolitik erklärt, warum die beiden Länder Spannungen haben, aber es sind ihre innenpolitischen Situationen, die bestimmen, wie stark die Spannungen werden und ob die Länder in den Krieg ziehen würden.

Was heißt das für die USA?

Dort scheinen das Rassismusproblem, wirtschaftliche Ungleichheit, ideologische Polarisierung und die systemische Krise der Demokratie unlösbar. Als Reaktion darauf sucht die herrschende Elite globalen Einfluss als Ausgleich für die schwindende Legitimität im eigenen Land. Für die US-Elite war der Krieg zwischen Russland und der Ukraine fast ein Gottesgeschenk. Der militärisch-industrielle Komplex expandiert rapide zu einer globalen Verbindung aus Militär, Industrie, Finanzwesen und Medien. Damit das weiterläuft, wurde die Konfrontation mit China jetzt zur strategischen Notwendigkeit.

Und wie sieht es in China aus?

Da findet sich eine ähnliche Situation. Die Wirtschaft steckt in tiefen Schwierigkeiten. Die Entwicklung der Binnenwirtschaft war die Grundlage für den Aufstieg Chinas in den letzten vier Jahrzehnten. Dieses Fundament ist nun wackelig. Gleichzeitig wurde die chinesische Führung immer ungeduldiger, die USA herauszufordern. Das ist tragisch. So entsteht ein globaler Teufelskreis. Nachlässigkeit gegenüber häuslichen Problemen verschlimmert die Probleme. Dies wiederum spaltet die heimische Gesellschaft weiter. Aus Mitbürgern werden Feinde. Die Führer verweisen natürlich auf äußere Feinde und preisen den Nationalismus. Alle sind in kriegerischer Stimmung gefangen. Und Existenzprobleme erzeugen nur noch mehr Frustration und Wut.

Wie lässt sich der Teufelskreis durchbrechen?

Wir sehen Hoffnung, wenn wir uns des innenpolitischen Ursprungs des Konflikts bewusst sind. Wenn innerstaatliche Bedingungen internationale Konflikte eskalieren lassen, dann können auch Veränderungen der innerstaatlichen Bedingungen die Spannungen verringern. Als Wissenschaftler sind wir vielleicht nicht in der Lage, Entscheidungsträger beim Militär, in der Industrie, der Finanzwelt und den Medien zu beeinflussen, aber wir können versuchen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, ihre Lebensbedingungen zu überdenken. Wenn wieder genügend Menschen anfangen, „Brot und Frieden“ zu rufen, könnte die militärische Konfrontation im Inland an Unterstützung verlieren. Das haben wir aus dem Vietnamkrieg gelernt.

Von Taiwan einmal abgesehen hat der Krieg in der Ukraine die Blockkonfrontation zwischen den USA, China und Russland erneut entfacht. Es herrscht eine neue Eiszeit. Aber im Gegensatz zum Kalten Krieg des letzten Jahrhunderts haben wir es heute bei allen drei Blöcken mit kapitalistischen Systemen zu tun – auch wenn die politischen Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich sind. Wie wird das die Konfrontation verändern?

Die heutige Konfrontation ist chaotischer, hässlicher und möglicherweise gefährlicher als der Kalte Krieg. Für den Kalten Krieg ist klar, auf welcher Grundlage die Welt geteilt wurde. Der Kalte Krieg wurde als Konkurrenz zwischen politischen Idealen organisiert. Beide Seiten waren von ihren eigenen Idealen überzeugt. Beide Seiten waren innenpolitisch kohärent. Aber die neue Konfrontation sieht aus wie rohe Machtspiele, die auf keinen überzeugenden Ideologien basieren. Auch dem nationalen Wohlergehen schenkt keiner der Beteiligten große Beachtung. Hinzu kommt: Damals wurde der Beginn des Kalten Krieges von der Geburt der Nuklearen Abrüstungsbewegung begleitet. Wo ist die Friedensbewegung jetzt?

Was bedeutet es für die Zukunft der Weltwirtschaft und die Möglichkeit eines veränderten ökonomischen Denkens wenn der Kapitalismus grenzenlos herrscht?

Ich bleibe optimistisch – das müssen wir! Möglichkeiten für Veränderungen sind immer da, genau hier und jetzt. Der Kapitalismus hat seine inneren Widersprüche. Diese inneren Widersprüche eröffnen immer wieder neue Räume, um etwas anders zu machen. Der klassische Widerspruch des Kapitalismus ist heute noch schärfer. Er wird im Widerspruch zwischen dem Wunsch der Menschen nach einem menschenwürdigen Leben und dem Wunsch des Kapitals nach endloser Akkumulation deutlich. Der Widerspruch ist offensichtlich, wenn der Wert des materiellen Reichtums aufgrund des Überflusses sinkt, die ökologischen Kosten der Akkumulation aber rapide steigen.

Nicht zuletzt der Streit über Patente für Corona-Impfstoffe zeigt, wie wenig die Menschen im globalen Süden für profitorientierte Unternehmen im Westen zählen. Wie kommen wir zu einer faireren Weltwirtschaft?

Nun, man kann sagen, dass es vollkommen „fair“ ist, dass ein privates Unternehmen Gewinne nach dem Marktprinzip verlangt. Aber das Ergebnis ist nicht „gerecht“. Vielleicht ist „gerechte Wirtschaft“ ein besserer Ausdruck als „faire Wirtschaft“. Alle Gespräche über geistige Eigentumsrechte basieren auf dem Begriff „fair“. Du bist fair, solange du nach Regeln spielst. Aber Fairness fragt nicht, wessen Regeln das sind. Ein Spiel ist fair, solange die Regel angemessen ist, unabhängig davon, wer die Spieler und was die tatsächlichen Ergebnisse sind. So kann auch der britische Freihandelsimperialismus als fair bezeichnet werden. Ein Problem, das wir jetzt haben ist, dass die Politik der Fairness die Politik der Gerechtigkeit übernommen hat. Alles dreht sich um richtige Verfahren, Regeln und eine ausgewogene Ordnung. Das Marktprinzip ist fair, aber ungerecht.

Und wie ersetzen wir Fairness durch Gerechtigkeit?

Um in die Politik der Gerechtigkeit einzusteigen, müssen wir über tatsächliche Ergebnisse sprechen, über Ansprüche statt über Rechte, über Umverteilung. Wie können wir eine gerechtere Weltwirtschaft erreichen? Ich habe keine Antwort. Aber ich habe eine Frage. Können wir das Streben der Menschen nach Fairness in ein Streben nach Gerechtigkeit verwandeln? Es ist relativ einfach, einen Konsens darüber zu erzielen, was „fair“ ist, und klare Definitionen zu finden. Gerechtigkeit ist viel schwieriger. Können wir ein Verständnis von Fairness entwickeln, das zu Gerechtigkeit führt und nicht gegen Gerechtigkeit gerichtet ist, wie die Prinzipien des Marktes? Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns.

Interview: Bascha Mika

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